Die Figur des Kuponschneiders, die vor dem ersten Weltkriege zum ständigen Inventar der Witzblätter zählte, gehört schon längst der Vergangenheit an. Die Inflation hatte ihr den Garaus gemacht. Wenn auch – besonders im deutschen Westen – hochvermögende Leute bis zuletzt ihre Aktienpakete in (euer- und diebessicheren Haus-Tresoren aufbewahrten, so wanderte doch ein ununterbrochener Strom von Wertpapieren aus der privaten Hortung zu den Geldanstalten und zu den Kassenvereinen, bis sich schließlich die Reichsbank des Monopols der Girosammelverwahrung bemächtigte. Dort wurde die Abtrennung der Kupons, der Dividenden- oder Zinsscheine, zentral durchgeführt. Strahlenförmig rücklaufend ergossen sich von ihr die Gutschriften zu den einzelnen Geldanstalten und von hier zu den Aktionären und Deponenten. Dies Reichsbank hatte besonders im Kriege große Mühe, den hieraus entstehenden Arbeitsanfall zu bewältigen. Sie suchte sich ihre Aufgabe dadurch zu erleichtern, daß sie von den Aktiengesellschaften den Umtausch der Kleinaktien in auf große Betrage lautende Globalurkunden forderte, wobei sie freilich auf wenig Gegenliebe stieß. Immerhin, es waren. jeweils körperliche Kupons vorhanden und greifbar, die als Grundlage der Dividendenzahlung dienten.

Mit dem Zusammenbruch sanken die Dividendenhoffnungen der Aktionäre auf den Nullpunkt herab. Einmal, weil die meisten Gesellschaften nicht mehr mit Gewinn arbeiteten, weil sie hohe Kriegsschäden oder zunächst uneinbringliche Forderungen gegen den Staat hatten, oder weil sie selbst bei Vorhandensein ausreichender Gewinne diese nicht ausschütteten, sondern zurückstellten, um für die ungewisse Zukunft zu sorgen. In der Hauptsache aber deshalb, weil das Berliner Girosammeidepot unerreichbar geworden war und weil sich auch die in der Ostzone befindlichen Streifbanddepots dem Zugriff der westlichen Berechtigten entzogen. Resigniert hatte man sich schließlich mit einer späteren Neuordnung des gesamten Wertpapiermarktes abgefunden, die aber viel Zeit erfordern wird. Dividenden schienen für Aktionäre, die die effektiven Stücke nicht in der Hand oder bei einer Bank in der Westzone liegen hatten, bis auf weiteres nicht in Frage zu kommen.

Daß es aber auch andere Möglichkeiten gibt, zeigt eine Mitteilung, die dieser: Tage dem Vorstand der Hanseatischen Wertpapierbörse von der Comnerzbank zugegangen ist. Danach verteilt die Bavaria- und St.-Pauli-Brauerei Hamburg für das Geschäftsjahr 1944/45 eine Dividende von 4 v. H., zahlbar ab1. Juli 1946 gegen Einlieferungdes Dividendenscheins Nr. 14. Auf Antrag wird – die Dividende auch an diejenigen Aktionäre, deren Aktien sich im Girosammeldepot oder in sonstigen auswärtigen Bankdepots befinden und die daher nicht in der Lage sind, den Dividendenschein Nr. 14 einzuliefern, ausgezahlt. In diesem Falle ist eine Bescheinigung der Depotbank einzureichen, die neben den Angaben über das vorhandene Depotguthaben den Namen und die Anschrift des jetzigen Eigentümers, den Lagerort sowie eine Verpflichtung enthält, die effektiven Dividendenscheine nach Erhalt abzuliefern.

Es erfolgt also die Dividendenzahlung auch auf Girosammelstücke, wenn eine entsprechende Bescheinigung der Depotbank beigebracht wird, die freilich neuesten Datums sein muß. Ein Unterschied zwischen den einzelnen Besatzungszonen wird in der wiedergegebenen Bekanntmachung nicht gemacht. Eine solche Differenzierung ergibt sich aber aus den tatsächlichen Verhältnissen, da die früheren Geldanstalten der Ostzone ausnahmslos geschlossen sind, was allerdings nicht verhindert, daß die Rechtsnachfolgerinnen bei gutem Willen den vorher vorhandenen Depotbestand bestätigen, In den Depotbüchern selbst muß nach erfolgter Dividendenzahlung ein Vermerk angebracht werden, der diese Tatsache festhält. Schwierigkeiten und Börsenhandel können zunächst aus dieser Handhabung nicht entstehen, dadas Geschäft in Girosammelstücken unterbunden und darüber hinaus nicht einmal eine Übertragung von Girosammelguthaben von einer zur andern. Geldanstalt möglich ist.

Die Aktionäre müssen sich höchstens mit der Tatsache abfinden, daß ihre Namen den Gesellschaften bekannt werden, was aber nicht durchaus unwillkommen ist. Dies könnte vielmehr zu Ansätzen führen, aus denen heraus später die Zusammensetzung der Aktionäre allmählich bis zur Gänze rekonstruiert werden kann. Für die Dividenden, zahlenden Gesellschaften ist das geschilderte Verfahren mit einigen Risiken verbunden, die man aber im Interesse der Aktionäre gern auf sich genommen hat. Auf diese Weise wurde ein Ausweg geschaffen, den sich diejenigen Emittenten zum Vorbild nehmen sollten, die heute die Zahlung von Zinsen oder Dividenden durch die übertriebene Forderung nach Besitznachweisungen erschweren. In diesem Zusammenhang ist es auch zu begrüßen, daß die obligatorischen Depotprüfungen jetzt wieder eingeführt werden und damit für alle Fälle ein zusätzliches Sicherheitsventil gegen Mißbräuche geschaffen wird. H. R.