Monatelang hat die Welt auf den großen Versuchgewartet, bei dem die Zerstörungskraft der Atombombe wissenschaftlich bis zu den letzten Folgen erprobt werden sollte. Ein neues Zeitalter schien anzubrechen, in dem die Atomzertrümmerung alle früheren Formen der Kriegführung und damit alle Maßstäbe der Politik und des öffentlichen Lebens sprengen würde. Die Vorbereitungen zu diesem Experiment zeigten sich der Größe der gestellten Aufgabe würdig.

40 000 Menschen waren mit der Aufstellung und Einrichtung der Instrumente und der zu beobachtenden Objekte beschäftigt oder als wissenschaftliche Beobachter tätig. Sie wurden in sicherer Entfernung und unter Beobachtung aller gebotenen Vorsichtsmaßregeln Zeugen der ersten wissenschaftlichen Atombombe. 73 Kriegsschiffe waren der Zerstörungskraft ausgesetzt, darunter das amerikanische Schlachtschiff „Nevada“ und der deutsche Panzerkreuzer „Prinz Eugen“. An Bord von einem Drittel der Versuchsschiffe blieben 4000 Ratten, 2000 Ziegen und 4000 Schweine zurück. Dann nahte sich die Superfestung mit der Wunderwaffe. Aus 10 000 Meter Höhe fiel die entsetzliche Zerstörungsbombe und zerplatzte mit einem ungeheuren Knall, der noch in einer Entfernung von 15 Kilometer wie eine Salve von 15-Zentimeter-Schiffsgeschützen wirkte. Noch in einem Abstand von 23 Kilometer wurden die Beobachter wie von einem Blitz geblendet, und zwei Rauchwolken stiegen 15 000 Meter senkrecht in die Höhe.

Das waren die ersten Beobachtungen, sie sind durch andere ergänzt worden, und fast erhält der Leser den Eindruck, als mache sich eine gewisse Enttäuschung geltend, daß das Experiment nicht durchschlagender, nicht vernichtender ausgefallen sei. Der politische Hintergrund wird jetzt, wo die Vernichtungsgewalt längst nicht so groß ist wie einzelne sich selbst eingeredet hatten, sichtbar. Der russische Beobachter am Bikini-Atoll, Professor Alexandrow, faßte sein Urteil in die Worte zusammen: „Nicht so schlimm“, während die amerikanischen Sachverständigen feststellen, daß die Zerstörungen größer sind, als zunächst angenommen wurde. Fünf Schiffe sind versenkt, die Oberbauten vielfach eingedrückt. Der „Prinz Eugen“ wirkt wie ausgedörrt. Kommt in der Verschiedenartigkeit der Berichterstattung der Versuch zum Ausdruck, die politischen Folgen der Atombombe und der eigenartigen Tatsache, daß eine Nation eine Waffe in der Hand hält, die keine andere Nation besitzt, zu verwischen? In Nordamerika sind Angebote laut geworden, die Kontrolle der Atombombe und deren Fertigung unter internationale Kontrolle zu stellen, jedoch wurden daran Bedingungen geknüpft, die von der Sowjetunion als unvereinbar mit deren Begriff der Souveränität angesehen wurden. Insbesondere Verlangten die Russen, daß der Grundsatz des Vetorechts gegenüber Beschlüssen des neu zu errichtenden Kontrollrats für Atomforschung den Großmächten zustehen müßte. Die Amerikaner jedoch weisen darauf hin, daß sie ihren großen Vorteil in der Kenntnis der furchtbarsten Waffe der Weltgeschichte nicht ohne unbedingte Friedenssicherung aus der Hand geben könnten.

Wir wissen, daß gerade in diesen Wochen in Paris um die Neugestaltung der Welt gerungen wird Grenzen sollen neu gezogen, Interessensphären abgegrenzt werden. Dabei sprechen nicht nur völkerrechtliche und moralische Grundsätze mit, sondern auch die harten Tatsachen der Politik, die früher allein maßgebend waren. Wenn heute auch die Grundgedanken der UNO die Richtlinien für die Weltpolitik abgeben sollen, so bleibt die Frage, wie weit eine Macht hinter ihnen steht.

Ist die Waffe wirklich so furchtbar, daß sie von Anfang an, bereits im gegenwärtigen Entwicklungsstadium, als kriegsentscheidend angesehen werden könnte? Der Versuch auf dem Bikini-Atoll gibt wohl keine erschöpfende Antwort. Die Hitze an Bord der Schiffe scheint nicht so groß gewesen zu sein, denn die Gummibereifungen der Kraftwagen sind nicht geschmolzen. Selbst die Radioaktivität hat sich nicht als so konstant erwiesen, wie erwartet wurde. Die Tiere sind lebengeblieben, die Ziegen haben ruhig weitergefressen, die Schweine waren munter und vergnügt. Das erinnert an das Wort des Herzogs von Villeroy: „Les cochons survivent toujours!“