Jeder hat die Landkarte seines Berufs vor seinem inneren Auge. Der Industrielle sieht die Werke. Zechen und Fabriken, der Wirtschaftler denkt in Börsen und Devisengrenzen, der Wissenschaftler und Geistesarbeiter kennt die Universitäten als Austauschplätze seiner Interessen. So ist für alle Suchenden der letzten Jahre Freiburg mit Reinhold Schneider zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen.

Der Südwesten Deutschlands ist mit derlei Stätten und Menschen in unserer jüngsten Zeit wieder reicher hervorgetreten. Es scheint, daß in unserm verkleinerten Vaterland jenes ausgeglichene südlich-demokratische Temperament sich erneut stärker durchsetzt, nachdem das historische Preußen seinen Führungsanspruch abgeben mußte.

Als Richtpunkt für viele wahrhaft Erkenntnissuchenden hatte sich in Aulendorf, zwischen Ulm und Friedrichshafen, im geographischen und verkehrstechnischen Mittelpunkt jenes Landes, kurz vor dem Krieg die Buchhandlung Rieck niedergelassen: ein Unternehmen, das versuchte, durch Sichtung und Ordnung der bedeutenden Bucherscheinungen an der Erneuerung des deutschen Geisteslebens mitzuhelfen. Aber hier wurde nicht nur mit Büchern gehandelt; um diesen Handel gruppierte sich bald auch eine auserlesene Schar, der es darum ging, neue Erkenntnisse zu finden. So entstand in Aulendorf etwas, was es wohl an keinem andern Ort des Dritten Reiches gegeben hat: eine Kartothek der Menschen, die auf dem Wege zur Erneuerung waren oder doch um sie rangen, die damit zwangsläufig als Gegner des nationalsozialistischen Regimes gekennzeichnet waren. So erfaßt die Kundenkartei der Buchhandlung Rieck neben den Trägern der Münchner Studentenrevolte fast alle Namen, die an der Widerstandsbewegung gegen die Tyrannis beteiligt waren. Es war daher nur folgerichtig, daß bald nach dem Zusammenbruch die Landesverwaltung Südwürttembergs für Erziehung, Kultus und Kunst an Herrn Rieck den Auftrag erteilte, in Aulendorf einen kulturellen Mittelpunkt zu bewahren.

Es ist eine doppelte Aufgabe. Einmal werden dort Wissenschaftler die Möglichkeit haben, während eines Aufenthalts von längerer oder kürzerer Dauer die eigentlichen Kernprobleme ihres Fachgebietes zu formulieren. Dieses Gremium heißt „Akademie“. Der Name mag hochtrabend klingen, aber die nur lockere Vereinigung von Wissenschaftlern stellt wirklich eine Akademie im ursprünglichen Sinn des Wortes dar. Die Verbindung des kulturellen Mittelpunktes mit dem Lande selbst ist jedoch die „Gesellschaft Oberschwaben“. Sie wird die maßgebenden Persönlichkeiten des Landes umfassen, die sich hier ebenfalls zur Aussprache treffen. Sie sollen die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umsetzen, denn es handelt sich nicht um einen Debattierklub, in dem mehr oder weniger kluge Gespräche geführt werden, sondern um die Verwirklichung der erkämpften und erarbeiteten Erkenntnisse im praktischen Leben.

Vor einigen Wochen fand die erste Tagung statt. Zusammengekommen waren Menschen, die das Land Oberschwaben repräsentierten und die in ihrer überparteilichen und überkonfessionellen Zusammensetzung Gewähr bieten, daß zunächst noch gedanklich abgesteckte Ziele demnächst lebendige Form werden. Für Norddeutschland aber sind derartige Entwicklungen die Gewähr, daß die durch Zonengrenzen heraufbeschworene Gefahr der Auflösung deutscher Einheit jedenfalls im Bezirk des Geistes gebannt bleibt und sich auf der geistigen Landkarte das verbindende System von Richtpunkten und Leuchtfeuern vergrößert und vermehrt.

Axel v. Busche