Die Leute vom Niederrhein sind ein Menschenschlag für sich. Was für den flüchtigen Beschauer wie Phlegma wirkt, nämlich ihr wortkarges Beharren im Überlieferten, befähigt sie, die wechselnden Erscheinungsformen des Zeitgeistes unbeschadet zu überdauern. Auf diese Menschen haben die Irrlehren vergangener Zeiten kaum schädlich wirken können, da sie nicht in sie einzudringen vermochten. Ob zur Zeit der Französischen Revolution Freiheitsbäume errichtet wurden, ob Aufmärsche des Nationalsozialismus sie zu gewinnen suchten, sie sahen es sich an, erstaunt über derartigen Betrieb, aber all das verflog. Als Grenzvolk haben sie eine gewisse Erfahrung in der Veränderlichkeit der Dinge.

Heute geht wieder eine Welle der Unruhe durch das Land. Gerüchte sind es, die einmal stärker, einmal schwächer kursieren. Sie treffen den Niederrheiner an seiner verwundbarsten Stelle, in seiner Heimatliebe. Von Grenzregulierungen wird gesprechen, von Landabtretungen als Ersatz für die im Krieg verwüsteten holländischen Gebiete. Einer weiß es von holländischen Freunden, einem andern haben es Hamsterer aus dem Industriegebiet erzählt, die meisten wissen es aus der bekannten „sicheren Quelle“. Jeder kennt eine neue Lesart. Da sollen alle Bauern das Land verlassen, wenn es abgetreten wird. Andere wissen wieder, daß kein Deutscher im aufzugebenden Gebiet bleiben darf, während nach anderer Version nur die „politisch Belasteten“ ihre Heimstätten räumen müssen, Grenzlinien werden, genannt. Von allen möglichen Folgen wird gesprochen. Familien fühlen sich schon durch Grenzen getrennt. Väter glauben ihre Söhne, die sechs Jahre Krieg überstanden haben, Mütter ihre Töchter, die von den Bomben verschont blieben, nicht mehr, wiederzusehen. Auf den Höfen oder den zerbombten Straßen der Städte ist das Gerücht das Gesprächsthema. Zeitungen werden unter diesem Gesichtspunkt gelesen. In jede Nachricht des Rundfunks wird etwas hineingeheimnißt. Wenn die mörtelverstaubten Männer bei den Aufräumungsarbeiten eine kurze Pause machen, stehen oder hocken sie wie Verschwörer beisammen und beraten die Möglichkeiten, die ihnen bleiben. In den Kirchen flehen die Gläubigen zu Gott um Hilfe. Prophezeiungen und Gesichte – besonders der Katharina von Emmerich – werden auf ihren Gegenwartswert untersucht. Es ist schon soweit, daß der arbeitsame Niederrheiner seine Arbeit unlustig tut. daß die Menschen nicht wissen, wofür sie wiederaufbauen, daß jedes Geschehen nur unter dem Gesichtspunkt des Gerichtes betrachtet wird.

Die Ungewißheit martert die Menschen an der Grenze; nur eins steht fest: daß sie Niederrheiner und Deutsche bleiben wollen. H.-W. B. der dauerhafte Friede und die gerechte Zukunft aufbauen. Jean Puissaut fand dieses Gute im Lager Buchenwald, ich fand es zum Beispiel in dem Brief eines Gefreiten an seine Frau:

„Juni 1942. ... Mit Schrecken erwache ich aus dem Taumel und dem Rausch der Siege, Orden und Paraden und sehe, wohin es treibt. Grenzenlose Wut und grenzenloser Haß packt mich, wenn mir H. von den Zuständen bei Euch in der Heimat, von den KZs und von der SS berichtet. Doch glaube mir, Geliebte, nichts bleibt ungerächt im Leben, und wie wir auch immer nach Hause kommen werden, als Sieger oder Besiegte, den letzten Gurt im Maschinengewehr und das letzte Magazin in der Pistole sparen wir uns auf für den letzten Kampf, für den Kampf bei Euch daheim. Gott sei Dank gibt es bei uns keine SS-Verbände – ich glaube, wir würden lieber gegen sie als gegen den Feind schießen.“

Auch das war eine Stimme, eine von Tausenden. Sie mag den Lauf des Krieges nicht beeinflußt haben und mag daher uns und den Historikern unwesentlich erscheinen. Und doch spüren wir, daß diesem Gefreiten die Worte aus tiefstem Herzen kommen. Sprechen aus ihnen nicht die Erkenntnis des Guten und des Bösen ebenso wie der seelische Zwiespalt, der sich aus dieser Erkenntnis für ihn ergibt? Und wir wissen doch, welches Schicksal auch den Verfasser dieser Zeilen ereilt hätte, wäre der Brief der Zensur in die Hände gefallen.

„Heil Hitler – Grüß Gott die andern!“ Wir rufen hier die andern! S.