Von Herbert Fritsche

Aus der Urform des Hundes – die einem Wolf oder Schakal ähnelte – sind zahlreiche Rassen hervorgegangen, vom winzigen langhaarigen Pekinesen über den Mops bis zur Dogge und zum Neufundländer. Immer wieder gesellen sich neue Rassen hinzu, zum Beispiel während der letzten Jahrzehnte die Bedlingtonterrier, die wie ein Lamm aussehen. Rassen sind nichts Konstantes, sie können binnen kurzer Frist geradezu modelliert werden. Am Beispiel des Hundes kann jedes Kind das einsehen; jedes Kind weiß jedoch auch, daß nie und durch nichts etwa aus einer Katze ein Hund werden kann.

Das nationalsozialistische Dogma verpflichtete jedoch den Deutschen zum Bekenntnis des Gegenteils: Der Mensch als Art (Species Homo sapiens) habe sich aus dem baumbewohnenden Schimpansen Dryopithecus "entwickelt" – und zwar mit Hilfe der Eiszeit, die ihm den Wald fortnahm und ihn veranlaßte, vom Donauraum aus den Schritt ins Menschliche zu tun. So lehrten es, unter Führung des Partei-Anthropologen Prof. Hans Weinert, Schule, Universität und Presse. Wer etwas davon wußte, daß die moderne Menschwerdungsforschung (Westenhöfer, Dacqué, Adloff, Samberger, Frechkop und andere) einen stammesgeschichtlichen "Eigenweg des Menschen" kennt, der "stand außerhalb der Volksgemeinschaft", mußte als "romhörig" gelten und wurde als "heimtückischer Unterhöhler der rassenpolitischen Grundlagen des Staates" scharf bekämpft. Die Affenabstammung des Menschen galt schon deshalb als unantastbar, weil der Mensch an die Biologie verraten werden mußte und an die Parole "Daseinskampf und Auslese". Daß die Arten verhältnismäßig kurzfristig wandelbar sind – die Spanne von der Eiszeit bis fünfeinhalb Jahre lang in eine schreckliche Wirklichkeit hinein weitergesungen.

Nun ist die Auslese ohnehin nie schöpferisch. In einem theoretisch-biologischen Buch der Gegenwart findet sich die richtige Bemerkung, eine Mühle könne nur ausmahlen, was in sie hineingeschüttet werde, aber niemals könne sie dieses Material schaffen; auch dürfe niemand, der auf einem Berggipfel angelangt ist, sein erreichtes Ziel damit erklären, daß seine Begleiter, die gleichzeitig im Tal mit aufbrachen, unterwegs liegengeblieben seien. Die Kritik der Selektionslehre als einer Theorie der Artenentstehung hatte seit 1900 – es seien nur Gelehrte wie Driesch, Oskar Hertwig, von Üxküll und Dacqué genannt – zu einer Abkehr aller wirklichen Materialkenner geführt. Aber der Nationalsozialismus brauchte diese Lehre im Dienste seiner Rassenkunde unbedingt – zur erkenntnistheoretischen Vorbereitung der Gaskammern.

Es gibt polynesische Insulaner, die nur für sich selbst das Wort "Mensch" verwenden; schon die Bewohner der Nachbarinsel sind nicht mehr Mensehen, sondern etwas Minderwertiges. Genau dieses Niveau vertrat die Rassenkunde des Hitlerstaates – und man muß zugeben: mit blutigem Ernst. Hören wir, um nur eine Stimme aus dem Chor aufzuerwecken, Dr. Friedrich Reinöhl in seiner für Lehrer verfaßten "Abstammungslehre" von 1940: "Der nordischen Rasse und ihren nächsten Verwandten, die das deutsche Volk zusammensetzen, kommt nach unserer Überzeugung der höchste Wert unter den menschlichen Rassen zu. Durch natürliche Auslese hat sie im Kampf im Laufe ihrer Entwicklung ihre heutige Höhenlage erreicht. Es gilt, sie in stetem Wettbewerb der körperlichen und geistigen Kräfte" zu wahren und zu steigern. Und wenige Zeilen weiter heißt es dann: "Das Erbgut hat unbegrenzte Dauer", das heißt abermals, "nordischer Herrenmensch" bleibt "nordischer Herrenmensch" und "Jud bleibt Jud". Nichtsdestoweniger vertritt das gesamte Buch Reinöhls die Anschauung, daß, was die Arten betrifft, das Erbgut – eben gerade keine "unbegrenzte Dauer" hat, sondern eine Art aus der andern hervorgehen läßt, zum Beispiel den Menschen aus dem baumbewohnenden Affen in erdgeschichtlich kürzester Frist. "Die Nationalsozialistische Partei hat die Bedeutung dieser Erkenntnisse erkannt und sie, was noch nie in der Geschichte der Menschheit geschah, zur Grundlage ihrer Weltanschauung und zur Richtschnur ihres staatlichen Handelns im Dritten Reich gemacht. Die großen Erfolge sehen wir schon heute vor Augen." So weit Reinöhl im Jahre 1940.

Wohin man faßt, überall ist dieses "rassisch untermauerte" Weltbild falsch. Weder hat die deutsche Kultur dort ihre Maxima an bedeutenden Menschen und Leistungen, wo "nordische Rasse" annähernd rein (im Sinne der NS-Rassenkunde) vorhanden war, also etwa längs der friesischen Küste, sondern im Gegenteil gerade in den Mischkesseln wie Sachsen oder Schwaben, noch konnte die Führergarnitur jener Zeit auch nur eine Gestalt aufweisen, die den eigenen rassischen Forderungen nicht geradezu ins Gesicht geschlagen hätte. Der Sozialhygieniker Max von Gruber soll einmal über Hitler geurteilt haben: "Miserable Rasse!" Jedoch dieses vollauf zutreffende Wort meinte er personell, nicht keimplasmatisch. Er meinte "rassig", was soviel wie "schnittig", "wohlgemischt" und "zuchtvoll" bedeutet, nicht aber "rassisch". Rassisch, das will heißen: die Chromosomengarnitur (Chromosomen sind die stofflichen Träger der Vererbung) ist "in Ordnung", die "Arierpapiere" beider Eltern erweisen sich als einwandfrei, in der eigenen Person hängt ein Keimplasma höchsten Wertes, auch wenn diese Person selbst ein unterdurchschnittliches Exemplar ist. "Träger höchster rassischer Werte" war, wer – und gar noch blond und langschädlig! – keine Belastung durch "nichtarische Versippung" aufwies; mehr noch: er gehörte zur "Herrenrasse". Sah er hingegen erscheinungsbildlich wie ein verschlagener, durch und durch unedler Finsterling aus, so konnte er dennoch – Hitler selbst ist ein Beispiel dafür – die "nordische Seele" für sich beanspruchen.

Der holländische Kulturhistoriker Huizinga schrieb 1935 in seinem Buch "Im Schatten von Morgen": "Die Rassentheorie als Argument im Kulturkampf ist stets Eigenlob. Hat je ein Rassentheoretiker mit Schrecken und Scham gefunden, daß die Rasse, zu der er sich rechnete, die minderwertige heißen müsse?" Nach Entdeckung der "Rassenseele" war das nicht mehr nötig, denn wer sich im leiblichen Erscheinungsbild nicht als Angehöriger seiner Idealrasse legitimieren konnte, produzierte dennoch seelisch das "Artbewußtsein" des nordischen Menschen und redete mit der "Stimme des Blutes" (die auch der "Rechtsprechung" zugrunde lag) feindselig gegen Juden, Christen, "Welsche" und "Untermenschen". Auch das erkannte Huizinga: "Die Rassenthese ist stets feindlich, stets anti; für eine Lehre, die sich als Wissenschaft ausgibt, ein schlechtes Zeichen." Aber, fügen wir hinzu, dennoch eine probate Methode, um ein aggressives Überheblichkeitsbewußtsein in die Massen zu hämmern mit dem Ziel, "rassisch Minderwertiges" niederzumetzeln und den "Willen zur Macht" biologisch zu rechtfertigen. Jeder Spießbürger war nun schon infolge seiner "unbegrenzt dauerhaften" Chromosomen das Salz der Erde.