Von Fred Hamel

I.

Man zögert, das Wort auszusprechen. Es ist anrüchig, nachdem uns zwölf Jahre hindurch die Forderung vom Primat der Politik in allem und jedem, und somit auch in der Musik, eingehämmert wurde. Und so ist es nur allzu begreiflich, daß die Überzeugung, an die sich gerade die besten Kräfte unseres Musiklebens in geheimem Protest so lange klammerten wie Ertrinkende an einen Strohhalm – die Überzeugung nämlich, daß Musik auch nicht das geringste mit Politik zu tun habe – heute stillschweigend zu allgemeiner Herrschaft gelangt ist.

Aber diese Auffassung ist zu schön, um wahr zu Jedes bessere Reimlexikon beweist das sein. Gegenteil, und das ist kein Zufall. Denn schon der sprachliche Ausdruck verrät, daß beide Begriffe verwandter Abkunft sind. Beide entstammen dem klassischen Altertum: Musik, der Lebensbezirk der Musen, die Tonkunst; Politik, der Lebensbezirk der Polis, das Gemeinwohl. Schon die alten Griechen haben beides miteinander in Beziehung gesetzt, indem ihre Philosophen zwischen Kategorien der Musik unterschieden, die dem Gemeinwohl förderlich, und solchen, die ihm schädlich waren.

Einerlei nun, worin diese Auffassung begründet ist – man muß bis auf sie zurückgehen, um den tiefsten Sinn der Musikpolitik zu erfassen. Wenn es nämlich Musik gibt, die dem Gemeinwohl förderlich ist, dann muß es umgekehrt auch im Interesse des Gemeinwohls liegen, diese Musik seinerseits zu fördern. In diesem echten Sinne ist Musikpolitik eine Tugend; mehr: eine Aufgabe; noch mehr: eine Verpflichtung.

II.

Diese politische Verpflichtung gilt somit auch für uns gegenüber jeder Musik, die unserm Gemeinwohl förderlich ist. Das aber ist jede wirklich gute Musik, sei sie nun ernst oder heiter, klassisch oder modern. Bedarf sie aber auch besonderer Förderung? Die klassische gewiß nicht mehr, denn sie hat im Musikleben ohnedies längst ihren festen Lebensraum. Die moderne aber muß immer wieder um den ihrigen ringen. Es ist der Krebsschaden unseres Musiklebens, daß die breite Öffentlichkeit sich dem Schaffen der Gegenwart und damit dem Ausdruck des lebendigen Lebens ihrer eigenen Zeit weitgehend verschließt und lieber in die Musik unserer Groß- und Urgroßväter flüchtet.