Der Kampf um die Sozialisierung der englischen Stahlindustrie betrifft nicht den Grundgedanken oder die Notwendigkeit einer staatlichen Lenkung oder Planung, der Wirtschaft, sondern die Formen dieser Wirtschaftspolitik. Staatliche Steuerung der Wirtschaft ist ja in fast allen Ländern eine Selbstverständlichkeit. seitdem umfassende Maßnahmen zur Überwindung der Krise des Jahres 1929 hatten ergriffen werden müssen, doch verschieden sind die Wege und Methoden. Am radikalsten sind sie, schon seit 1918, in der Sowjetunion, mit am mildesten in England aber hier hat der politische Umschwung des vorigen Jahres zu einem Beschreiten neuer Wege geführt, wobei für viele Industrien, wie den Kohlenbergbau, das Verkehrswesen und die Versorgungsbetriebe, der Weg der Sozialisierung in Form der Staatlichen Besitzergreifung seit langem vorgesehen wurde. Überraschenderweise wurde auch für die Stahlindustrie im März dieses Jahres die Sozialisierung von Kreisen der Arbeiterpartei und der Gewerkschaften verlangt.

Dies wird nicht nur allgemein politisch damit gerechtfertigt, daß nur durch eine Überführung des Besitzes in die Hände des Staates der oft aufgetretene und nur schwer lösbar gewesene Gegensatz zwischen privaten und staatlichen Belangen beseitigt werden, könnte, sondern auch damit, daß die so notwendige Rationalisierung und Produktionssteigerung nur nach einer Sozialisierung erreicht werden könnte; denn nur öffentliches Eigentum könnte, wie die These lautet, den Höchststand der Produktivität und Qualität herbeiführen.

Für die englische Stahlindustrie ist wie für den Kohlenbergbau und die Baumwollindustrie, charakteristisch, daß infolge des Alters der Betriebe ein Schritthalten; in der technischen Entwicklung mit den später entstandenen und technisch moderneren Fabriken anderer Länder nicht immer möglich gewesen ist. Als Ausweg aus diesen Schwierigkeiten wurde 1934 eine Zusammenarbeit unter Ausschaltung des bisherigen freien Wettbewerbs angestrebt. So wurde auch manches erreicht; Rationalisierungsmaßnahmen Würden durchgeführt, neue Werke gemäß gemeinwirtschaftlichen Gesichtspunkten errichtet, aber dasErgebnis wäre wohl auch dann nicht ausreichend gewesen, wenn der Krieg nicht zu einem Zurückstellen Vieler Pläne gezwungen hätte, wobei er allerdings anderseits den Aufschwung des Rüstungsgeschäfts brachte. Diese Entwicklung sei an Hand einiger Zahlen näher veranschaulicht:

Die Industrie hat im Hinblick auf dies relative Zurückbleiben selbst einen Plan der Rationalisierung und Modernisierung unterbreitet. Dieser sieht für die nächsten sieben Jahre Investitionen von 168 Mill. Pfund und eine Erhöhung der Produktionskapazität van 14 auf 16 Mill. Tonnen bei Neuanlagen von 6 Mill. Tonnen und Stillegung alter Betriebe vor. Die Hauptnutznießer sind die Bezirke Südwales, Nordostküste und Schottland, auf die 105 Mill. entfallen. Angestrebt werde vor allem ein Ausbau der Produktion von Fertigerzeugnissen für die Ausfuhr, eine Änderung der Produktionsmethoden zur Senkung Verbrauchs an Brennstoffen, die, Anwendung von Massenerzeugungsmethoden, unter Beachtung der optimalen Größe, und die Konzentrierung auf den günstigsten Standort. Bei einer Stahlerzeugung von 16 Mill. und einem Inlandsbedarf von zurzeit 11 Mill. Tonnen würde die Ausfuhr, die sich in den besten Jahren um 3,5 Mill. und in den letzten Vorkriegsjahren um 2,5 Mill. bewegt hatte, wesentlich erhöht werden können, was wohl auch der Hauptzweck ist. Man denkt nicht nur daran, das Erbe Deutschlands anzutreten, sondern wirft auch einen Seitenblick auf die USA, wo in den letzten Jahren 15 Mill. Tonnen neuer Kapazitäten entstanden sind, während der Staat die Anlagen zum Teil finanzierte und Abschreibungen Von 20 v. H. im Jahr aus den Kriegsgewinnen zuließ;

Dieser Plan hat zunächst die Front derer gestärkt, die da meinen, daß die Schwierigkeiten der Stahlindustrie gemeistert werden, wenn ihr der richtige Anreiz gegeben und die private Initiative von allen Fesseln befreit werde. Aber auch diese Gegner einer Sozialisierung erkennen die Notwendigkeit einer staatlichen Kontrolle an, um die Investierung gen zu überwachen, das Gemeininteresse durchzusetzen und eventuell staatliche Initiative an Stelle der privaten treten zu lassen. Eine solche Kontrolle ist seit 1937 etappenweise errichtet worden, aber die Vorkämpfer der Sozialisierung betrachten sie als unzulänglich, weil die bisherigen Erfahrungen gezeigt hätten, daß öffentliche Interessen zu oft gegenüber privaten zurücktreten mußten, wie es sich im deutlichsten im gleichzeitigen Ansteigen der Preise und Gewinne gezeigt habe, und weil ferner der von der Regierung angenommene Plan kaum durch die Industrie selbst durchgeführt werden könnte, da sie gegenüber Widerstrebenden nicht genügend stark auftreten könne, und da ihr da das Kapital fehle. Dieser umfassende Plan könnte nur mit und dank dem Staate verwirklicht werden, und der Staat müsse anderseits zur Sicherung der allgemeinen Interessen das Bestimmungsrecht voll für sich beanspruchen, wobei die staatliche Inbesitznahme sich allerdings nicht auf die ganze Industrie zu erstrecken brauchte, sondern nur auf die Gewinnung von Stahl und die ersten Stufen der Walzwerkfabrikation. Ob Sozialisierung oder nur staatliche Kontrolle – diese Frage steht somit zur Entscheidung. W. Grotkopp