Von Theo Fürstenau

Das ist mehr als billige Sensation, mehr als riesenhaftes Inferno der Zerstörung. Merkwürdiges, gespenstisches, auf unheimliche Weise wirklich gewordenes Leben löst die Vorstellungen aus den gewohnten Bildern, macht Dinge offenbar, die sonst hinter der sichtbaren Welt verborgen waren und die jetzt ein ungeheuerliches Schicksal vor den Blicken aufgerissen hat, damit ihr Wesen sichtbar werde. Man muß das Ruhrgebiet im Auto durchstreifen, es mag ein schadhafter, blechern scheppernder Wagen sein. Gleichsam wie ein selbstverständlicher Zubehör, Schmarotzer en miniature, bewegt er sich in dem zerfressenen, aufgedunsenen Bauch der Industrie, der einst Deutschland nährte.

Es ist durchaus möglich, das Industriegebiet zu durchqueren, ohne der Zerstörungen gewahr zu werden. Vernichtend wurde immer die Mitte der großen Stadtgebilde getroffen, deren Randgebiete schon wieder in neue Siedlungen übergreifen. Das Herz hat aufgehört zu schlagen, und doch führt der riesenhafte Torso mit oft heilen Gliedmaßen noch ein eigenartiges Leben. Wie ein niederer tierischer Organismus regeneriert er sich, und man bemerkt überall heftiges Bemühen, das Herz neu zu bilden, das dem Leben jene energiesprühenden Impulse zurückgeben soll, die früher der Ruhm des Ruhrkessels waren.

Es ist ein eigenes Gefühl, durch die idyllische Landschaft etwa in der Nähe von Essen oder Wuppertal zu fahren und gleichzeitig zu wissen, daß dies alles nur verführerischer Schein ist, daß die wahre Wirklichkeit sich hinter dem Dunst eines oft absonderlich nahen Horizonts verbirgt, eine Wirklichkeit, die zu keinen angenehmen Betrachtungen Anlaß gibt.

Wenn die Umrisse der Stadt sichtbar werden, sieht man die Schornsteine der Werke wie Meilenzeichen des Todes vor dem Grau des Himmels stehen, und selbst wenn ein strahlender Tag alle Wolken fortgewischt hat, wird das Bild kaum tröstlicher, Nur hin und wieder bemerkt man, wie eine schmale Rauchfahne im Wind zerflattert, aber die erhitzte Atmosphäre aus Schweiß, Metall- und Kohlenstaub, diese gleichsam elektrisch geladene Luft, die einst den immer brodelnden Kessel der Arbeit durchwob, spürt man nicht mehr.

Fahrt den Künstler, den Maler, den Bildhauer durch die Reste der Kruppwerke, und wenn sie erschüttert, aufgewühlt sind, wenn ihr Blick glanzlos ist, dann sollen sie zeigen, ob sie die Wirklichkeit unserer Tage zu gestalten vermögen! Das gegenwärtige Leben ist stärkste Verdichtung des Expressionismus in seiner tiefsten, grausigsten und also unerbittlich realen Form. Welcher Künstler begreift das schon heute? Aber er sollte wissen, daß die historisch gebildeten Formen des Lebens auf den Kopf gestellt sind, daß das Dasein nicht mehr eine angenehme Sache für Ästheten und Spießer ist. Das Ruhrgebiet gibt ihm Anschauungsmaterial bis zur Grenze des Faßbaren. Was sich ihm hier darbietet, ist eine einzigartige Konfession des Surrealismus, die in seiner Seele brennen muß, wenn er ein moderner Künstler sein will.

Die Reise durch das Ruhrgebiet läßt an die Kunst denken, weil Kunst unsere stärkste Möglichkeit ist. Ordnung in das Chaos zu bringen. Auf der Münchner Ausstellung hingen vor wenigen Jahren noch festliche Bilder von rauchenden Hochöfen und Stahlwerken; sie logen trotz der peinlich naturalistischen Manier, in der sie gemalt waren. Heute dürfen wir uns diese Lügen nicht mehr gefallen lassen. Daher möge sich die Kunst der ungeheuren Leichen aus Stahl und Eisen, aus Beton und Stein annehmen, möge sie diese Leichen sezieren, metallisch scharf, doch nicht mitleidlos, vielmehr erfüllt von der großen Trauer, mit der man die Toten ehrt! Das Besondere unserer Zeit wird so gültig umschrieben, es steigt auf in das Bewußtsein der Menschen und kann also sich lösen im Willen zur notwendigen Tat.