Von Tami Oelfken

Wie ungern verließ ich die großen Städte, um auf dem Lande in möglicher Sicherheit zu leben. Welche Sorge hatte ich um meine Bücher, die zurückblieben und mich nun ohne ihre tröstende Zuspräche ließen. Damals dachte ich nicht anders, als daß ein blühender Frühling in der himmlischen Landschaft Schickeies und ein fruchtreicher Sommer genügen würde – und der Tag der Freiheit würde da sein.

Aber nun bin ich seit Jahren wieder auf dem Lande. Das Leben um mich blüht auf in seinem natürlichen Wechsel, und sichtlich hat jedes Geschöpf einen höchsten Tag seines Lebens, genau wie die Sonne ihn erlebt, wenn sie im südlichen Zenit steht. Haben nicht so auch die Menschen einen Tag, an dem ihr irdisches Leben seine Höhe hat? Mancher erlebt ihn als den Tag der Liebe oder der Hochzeit, mancher als die Geburtsstunde seines Werkes.

Auf der Insel Reichenau erlebte ich den Tag der fliegenden Ameisen. Sie, die kriechenden, hurtigen Wesen hatten Flügel angesetzt, um für einen Tag in ihren Himmel zu fliegen. Tausende und aber Tausende auf einmal, als hätten sie sich vorher darüber verständigt, heute sei der geeignete Tag für den Hochzeitsflug mit Flügeln. Die große graue Mauer des Münsters in Mittelzell ist von der Ameisenwolke verdunkelt. Aber nun hebt sie sich, senkt sich und zieht rauschend über die Gräber voll glühenden Goldlacks davon.

Ich erlebte auch den Tag der Eidechsen. Unten am Pfad zum Rauenstein lagen sie ineinandergeschlängelt, ganze Bündel von smaragdgrünen und goldbraunen, in der Mittagssonne auf den Steinen. Sie bewegten sich nicht, als ich vorüberging, aber wenn jemand eine allzu ungestüme Bewegung macht, so sind sie verschwunden wie verhext. Du kannst deine Augen reiben und auf den Fleck starren – da haben sie gelegen in dieser Sekunde, und der Stein ist grau und leer.

Auch den Tag der jungen Fische habe ich gesehen. Drüben an der Konstanzer Seite war das Wasser dickflüssig wie geschmolzenes Silber. Es wogte einen Tag lang von früh bis In die Abendstunde, und dazu rauschten die hohen Pappeln von Staad voller Geheimnis. Aber am nächsten Morgen hatte sich das dickflüssige Silber in den weiten See aufgelöst.

Sicher haben die Tiere ein seltsames Organ in sich – so wie das Aneroidbarometer das empfindliche Haar –, und das sagt ihnen alles: Witterung und Luftdruck Mondkraft und Gunst der Landschaft, und dies Organ ruft: „Jetzt! Aufstehen!“ Und nun dehnt sich in ihnen etwas, und ein anderes zieht sich zusammen, und dann brechen sie auf, es ist ihre Zeit! Sie brechen so auf wie eine Blütenknospe im Frihling, die sich auf nichts anderes verlassen kann als auf ihre Wuchskraft.