Bremen, im Juli

Bremens Opernhaus, das auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblickte, wurde ein Opfer des Bombenkrieges. Des Staates Sorgen mußten sich lebensnotwendigen Aufgaben zuwenden und erlaubten ihm keine Aktivität zur Errichtung einer wenn auch nur behelfsmäßigen Opernbühne. Jedoch gelang es der privaten Initiative eines bewährten Theaterfachmannes, Vogt-Vilseck, eine neue Opernbühne mit 600 Sitzplätzen und einer gut eingerichteten Technik in der halb ausgebrannten Turnhalle einer Schule in der Delmestraße einzurichten. Hier wurde die Opernsaison mit „Fidelio“ unter Generalmusikdirektor Schnackenburg wiedereröffnet. Seither hat diese Bühne sechs weitere Opern, nämlich „Troubadour“, „Wildschütz“, „Cavalleria rusticana“ mit „Bajazzo“, „Barbier von Sevilla“, „Figaros Hochzeit“, und zwei Operetten, „Zigeunerbaron“ und „Csardasfürstin“, in Aufführungen von hohem Niveau herausgebracht.

Für die Darbietungen des ebenfalls zerstörten Schauspielhauses wurde ein intimer Theaterraum mit 240 Sitzplätzen in der Böttcherstraße eingerichtet: die „Bremer Kammerspiele“. Dort kamen „Emilia Galotti“, „Leuchtfeuer“, „Zum goldenen Anker“, „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ und „junger Mann macht Karriere“ zur Aufführung. In Vorbereitung sind: „Der Soldat Tanaka“, „Unsere kleine Stadt“ und „Voruntersuchung“. Weiter werden Gerhart Hauptmann, Bernard Shaw, Bruno Frank, Curt Goetz, Marcel Pagnol und Sutton Vane zu Wort kommen.

Den Weg, den die Bremer Kammerspiele gehen wollen, kennzeichnete ihr Dramaturg Gert Westphal: „Wir wollen die Stimmen aller Völker aufnehmen.“

Sogar aus der großen Kegelbahn eines Restaurants wurde ein Theater. Dort, wo einst die Holzkugeln rollten, gründete und baute Willy A. Kleinau das „Bremer Künstlertheater“, die sehr aktive Bühne in Bremen, die schon vier Wochen nach der Besetzung „Stella“ aufführte. Der Erfolg stand auf Kleinaus Seite. Bald wagte man sich kühn an die Probleme der Zeit heran: „Der Parasit“, „Antigone“, „Pantalon und seine Söhne“, „Nathan der Weise“, „Das Abgründige in Herrn Gerstenberg“ und „Die heilige Flamme“, Mit der Uraufführung: „Die fremde Stadt“ erwarb sich das Bremer Künstlertheater besonderes Verdienst.

Damit dürfte dieses Theater im wesentlichen die alte Tradition des einstigen Bremer Schauspielhauses übernommen haben, das einmal führend in Nordwestdeutschland war und besonders mit seinen Uraufführungen stets im Brennpunkt der Theaterereignisse stand. E. P.