Berlin, im Juli

Wenn wieder einmal die Welt zusammenbricht und gewohnte Ordnungen zerfallen, beginnt Im Inneren die Völkerwanderung der Vorstellungen. Die alten Zentren haben ihre attraktiven Kräfte verloren, bisher unbemerkte Brennpunkte werden sichtbar. und wie bei den berühmten Chladnischen Klangfiguren schießen die Feilspänchen der Erfahrung und andere Erkenntnisrudimente um diese neuen Magnetpole zusammen zu bisher ungeahnten, ungekannten Ordnungen des Bildes. Eine frühere Welt wird Chaos, eine neue baut sich auf, in der nun das Bisherige, soweit es fortlebt, neue Plätze und Nachbarschaften bekommt. Es ist nicht immer leicht, die geheimen Grundlinien des sich so verwirklichenden Systems richtig abzulesen, aber solche Erkenntnissuche ist wohl vom Schicksal dazu benimmt, über allerhand Unannehmlichkeiten des äußeren Daseins hinwegzuhelfen – von dem Leben in nicht ganz wasserdichten Ruinen bis zum Schlangestehen, vom Abzählen der täglichen Brotschnitten bis zur Jagd nach Büchern, die man gerade unbedingt braucht.

Am deutlichsten erlebt man diese Um-Ordnung der inneren Welt in den Momenten, in denen man Menschen oder Dingen wieder begegnet, die einist beim ersten Sehen einen bestimmenden Eindruck hinterließen, weil sie ganz stark das Gefühl des Erstmaligen, Zeitgemäßen, des Modernen im besten Sinne bewirkten. Sie blieben im Gedächtnis als feste Punkte im vergütenden Strom der Zeit, als Vorhuten des Geistes, der in ihnen sich und seine gerade erreichte Phase der Entwicklung zum ersten Male sichtbar in die Welt stellte, als aktuell im höchstenSinne – also, daß man sich freut, ihnen im Rollen der neuen Begebenheiten in der verwandelten Zeit wieder zu begegnen, Wiederholung und Bestätigung einst sinnvoller Erfahrungen jüngerer Jahre empfangen zu können.

Und dann begegnet man ihnen in Dichtung, Musik, Malerei und erlebt etwas völlig anderes. Nicht Wiederholung, sondern neue Aufgabe, nicht Bestätigung, sondern erneute Frage, nicht wie einst Aktualität und Modernität, Vorhut werdenden Geistes, sondern verwandelte Gebilde im verwandelten Zeitbild, sich an völlig anderen Stellen einordnend in das Panoptikum der Welt. Die Rolltreppe ist unmerklich weiter nach oben geglitten; was eben noch nahe, in unmittelbarer Nachbarschaft dastand, ist in sich ausweitender Tiefe zurückgeblieben; vor neuen Horizonten stehen neue Silhouetten in Ordnungen, die ihnen sehr andere, sehr verwandelte Rollen im neuen Gesamtbild des Lebens anweisen.

Das Hebbeltheater, in dem Karl Heinz Martin schon eine ganze Reihe höchst lebendiger Aufführungen gebracht hat, stellte nach anderthalb Dezennien zum ersten Male wieder Stücke von Bert Brecht heraus. Einen Einakter „Die Gewehre der Frau Carrar“ und die kleine Schuloper „Der Jasager“ mit der Musik von Kurt Weill, dem Komponisten der Dreigroschenoper. Brecht war von der Generation der zwanziger Jahre der Begabteste, ein Talent von dramatischer Lyrik und balladesker Romantik, das bei allen Übersteigerungen der Jugend Momente von starker Eindringlichkeit brachte, indem er erlebtes Zeitgefühl zu Visionen von magischer Wirkungskraft verdichtete. Die Ballade von Baal und die Gestalt der Königin im zweiten Eduard, mit dem halbvergessenen eigenen Leben, der Packer Gaily Gay, aus dem in vierundzwanzig Stunden ein Soldat wird, obwohl er gar keiner ist: die ganze Atmosphäre der ersten Nachkriegszeit lebte in seinen Dramen, bekam in ihnen zum ersten Male Gesicht und Wort, Farben von einer dunkel bannenden Intensität des Irrationalen, dessen stärkstes Zeitmedium Brecht damals war.

Nun zieht die Geschichte von der Mutter Carrar vorüber, die im Spanien des Bürgerkriegs neutral bleiben will, weil der Krieg ihr schon den Mann erschlug, und weil sie wenigstens ihre Söhne behalten will. Sie weigert sich, die Gewehre herauszugeben, die der Mann ihr hinterließ, weigert sich, ihre Jungen an die Front gehen zu lassen, obwohl das ganze Dorf sie verhöhnt, obwohl die Söhne beide in den Kampf gegen die Generale drängen. Sie will den Frieden, bis sie erleben muß, daß der Tiefangriff eines Flugzeugs ihr den Älteren, der friedlich draußen fischt, im Maschinengewehrfeuer dahinrafft, daß der Krieg überall ist, überall die Menschen in sein Getriebe hineinreißt. Da Ulbricht ihr Widerstand, da lodert auch ihr Haß auf; sie gibt die Gewehre heraus, ergreift selber eines und zieht mit den Männern fort in den Krieg gegen den Krieg.

Das ist in eine Szene gepreßt, klar, knapp, sachlich; nichts mehr von Ballade, nichts mehr vom Irrationalen: die harte Begrifflichkeit einer späteren Zeitwelle, in der sich kein Einzelschicksal mehr dem Gesamtgeschehen entgegenstemmen konnte, wirkt sich am Dialog wie an den Umrissen der Gestalten aus. Die Modernität von einst ist verweht, der Dramatiker Brecht an eine andere Stelle des Zeitbildes gerückt. Eine Erinnerung an Hemingways großartigen Roman aus dem spanischen Bürgerkrieg, an die Geschichte von den jungen Freiwilligen und die unvergeßliche nächtliche Liebesszene mit dem von den Gegnern vergewaltigten und kahlgeschorenen Mädchen steigt herauf und zeigt, wie weit sich inzwischen die neue moderne Dichtung von den Zeitwirkungen vom Einst, das erst zwei Dezennien zurückliegt, abgelöst hat. Das Gesicht Bert Brechts bekommt neue Züge, der Gestaltwandel wird zugleich Platzwandel: sein Bild rückt in eine neue Ordnung, fügt sich, veränderten Zusammenhängen und Bindungen ein. Das einst Moderne gibt seine Isoliertheit auf und wird Teil eines Ganzen; die Schatten der Literaturgeschichte legen sich über den Glanz des Gegenwärtigen, aus dem sein Werk damals lebte.