Von Lovis H. Lorenz

„Hätt’ ich den Vers, an dem du nichts hast, nicht gemacht,

Hätt’ ich auch die, woran du viel hast, nicht erdacht.“

Zu den schönsten und tiefsinnigsten Gedichten der deutschen Sprache gehört auch Friedrich Rückerts Parabel „Chidher“. Sie war vor 1933 in vielen Lesebüchern zu finden und wird hoffentlich bald ihren Platz dort wiedererlangen. „Und aber nach fünfhundert Jahren / kam ich desselbigen Wegs gefahren.“ Es ist das Gleichnis von der Wandelbarkeit aller irdischen Verhältnisse: wo eben noch eine volkbelebte Stadt war, bläst ein einsamer Schäfer die Schalmei, seine Spur ist versunken im Meer, das der Fischer befährt, und so fort, und niemand will wahrhaben, daß es einmal anders hat sein können als zu seiner Zeit. In Bild und Sprache ist das Gedicht von einer ergreifenden Dichte und Unmittelbarkeit. Von ihm oder von dem tiefbeseelten Gedicht „Aus der Jugendzeit“ (das man lesen und nicht in der schmarrenhaften Vertonung hören sollte) bezaubert, hat wohl schon mancher zum Gesamtwerk Rückerts gegriffen, um Entdeckerfreuden zu genießen; meist mit verdrießlichem Erfolg. Virtuosentum und Formelkram bis zur Spitzfindigkeit machen sich breit. Man meint einen Mann vor sich zu haben, der die Tinte nicht halten kann, einen Philologen und Sprachbastler, dem der Mund sehr oft übergeht, ohne daß das Herz voll ist. Durch die erdrückende Fülle seiner Produktion und manches Fossilhafte versperrt Rückert selbst den Weg zu dem Eigentlichen seiner Kunst. Welch kostbaren Schatz wir dennoch an ihr besitzen, das offenbart Johannes Pfeiffer mit einer Auswahl von wenig mehr als hundert Seiten, die vom Marion von Schröder Verlag, Hamburg, soeben herausgebracht worden ist.

In den eingangs zitierten Versen spürtman die lächelnde Selbstbescheidung Friedrich Rückerts, aber auch das Vertrauen in die Güte dessen, was er gemacht hat. Sie legitimieren seinen künftigen Herausgeber auszuwählen, was ihm und seiner Zeit gerecht zu sein scheint. So entstand dieser Band, der für uns Geplagte, Zerbrochene, durch Not und Unrat Tappende nichts anderes als ein Trostbüchlein werden konnte, tröstend durch, seinen Geist wie seine Schönheit. Gleich zu Beginn steht ein Sonett, das jemand, der es zuvor nicht gekannt, bestimmt nun nicht mehr missen möchte:

Amara, bittre, was du tust, ist bitter,

Wie du die Füße rührst, die Arne lenkest,