Zu dieser Zeit waren die Sicherungsmaßnahmen im Hauptquartier so umfassend, daß es auch für hohe Offiziere unmöglich war, die verschiedenen Sperrkreise ohne Spezialausweise, vorherige Anmeldung und Sondereskorte zu passieren. Es war sogar längst üblich geworden, daß selbst Ritterkreuzträger, die zum Hauptquartier kamen, um ihre Dekorationen aus der Hand Hitlers entgegenzunehmen, zuvor aufgefordert wurden, ihre Waffen abzulegen. Es schien also aussichtslos, so kurzfristig irgend jemand in Hitlers Nähe bringen zu können. Der einzige, der in seiner neuen Eigenschaft als Chef des Stabes beim Heimatheer Zutritt zu den Lagebesprechungen bei Hitler hatte, war Oberst Graf Stauffenberg. Aber Stauffenberg, der Kopf der militärischen Vorbereitung, der taktische Führer des Aufstandes, war in Berlin während der entscheidenden Stunden ganz unentbehrlich. Das Dilemma war nicht zu lösen. Stauffenberg entschloß sich daher, die Rolle des Attentäters selber zu übernehmen. Er flog am 20. Juli früh mit seiner Aktentasche ins Hauptquartier; doch noch einmal hatte die „Vorsehung“, die Hitler so gern zu berufen pflegte, die Hände im Spiel. Die Besprechung fand nicht, wie gewöhnlich, in einem Betonbunker statt, weil dieser gerade repariert wurde, sondern in einer Holzbaracke, ein Umstand, dessen Tragweite Stauffenberg in der Spannung des Augenblicks gar nicht realisiert hatte, der aber, wie sich später herausstellte, entscheidend für die Explosivwirkung der Bombe wurde. Stauffenberg hörte noch, ehe er seine Maschine zum Flug nach Berlin bestieg, die gewaltige Detonation, sah eine riesige Rauchwolke aufsteigen, und hatte keinen Zweifel mehr an dem durchschlagenden Erfolg der Bombe. Nach Berlin zurückgekehrt, gab er sofort das entscheidende Signal, und die Aktion lief an. Aber schon sehr bald kamen die ersten Gerüchte, Hitler sei gar nicht tot. Der ganze Umsturz war auf dem Gedanken aufgebaut gewesen, sich des militärischen Apparates, so wie er da war, zu bedienen, lediglich die Spitze auszuwechseln und durch die Übernahme der Verantwortung an oberster Stelle die autoritätsgläubige Hierarchie des Offizierkorps nicht vor irgendwelche Konflikte zu stellen. Beck entsprach allen Anforderungen einer solchen Persönlichkeit – sein Name galt viel und beseitigte von vornherein alle etwaigen Zweifel. Aber dieses Prinzip konnte natürlich nur funktionieren, wenn Adolf Hitler, die bisherige Spitze der Wehrmacht, tatsächlich tot war. Ohne diese Voraussetzung mußte sich die ganze Aktion zwischen Befehl und Gegenbefehl sehr bald festlaufen, und alles Weitere war dann das Werk der Gestapo.

Es waren ganz verschiedene Gruppen, die alle von den gleichen Ideen erfüllt waren und alle gleichermaßen, aus dem Gefühl einer höheren Verantwortlichkeit handelnd, in mehr oder weniger enger Verbindung miteinander standen. Da waren die Offiziere der Wehrmacht und der Abwehr, deren Einsatz zur Durchführung unentbehrlich war, und die bürgerliche Opposition unter Gördeler, und da war der sogenannte Kreisauer Kreis, der sich um Graf Moltke-Kreisau und dessen Freund Graf Peter Yorck gebildet hatte; beides Männer, deren umfassende Bildung tief verwurzelt war in der Welt europäischer Kultur und bester deutscher Geistigkeit. Zu diesem Kreis gehörten als Vertreter der beiden christlichen Kirchen die Jesuiten Pater Roesch und Pater Delp und der protestantische Geistliche Eugen Gerstenmaier, die Sozialdemokraten Carlo Mierendorff, Theo Haubach, Adolf Reichwein und Julius Leber, der Legationsrat Adam von Trott zu Solz, der Staatsrechtler Hans Peters und als erfahrene Verwaltungsbeamte der Oberpräsident Lukaschek und Theodor Steltzer. Seit dem Sommer 1940 bildeten diese Männer eine Arbeitsgemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gesetzthatte, in immer weiter vertieften Diskussionen und durch Referate der für die einzelnen Gebiete zuständigen Fachleute allmählich ein Programm aufzustellen, das die notwendigen Reformen in alle Lebensbezirke hineintragen sollte. Man ging dabei von der Erkenntnis aus, daß es sich nicht nur darum handelte, das nationalsozialistische System zu stürzen und den Status quo ante wiederherzustellen, sondern daß diese Welt, die nicht allein in Deutschland ihre natürliche Ordnung verloren hatte, aus der Grundbeziehung von Gott zu Mensch, vom Individuum zum Staat, vom einzelnen zur Völkergemeinschaft wieder neu aufgebaut werden müsse. Darum lautete der oberste Grundsatz für die Neuordnung: „Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenleben der Völker.“ Die daraus abgeleiteten Forderungen hießen: Wiederherstellung des Rechtes und eines unabhängigen Richterstandes, Anerkennung der unverletzlichen Würde der menschlichen Person, Recht auf Arbeit, erträgliche materielle Arbeitsbedingungen und wirksame Mitverantwortlichkeit des einzelnen am Betrieb. Ferner Sozialisierung der Schlüsselunternehmen, des Bergbaus, der eisen- und metallschaffenden Industrie, der Grundchemie und Energiewirtschaft, schließlich verantwortliche Beteiligung eines jeden an der neuen staatlichen Selbstverwaltung.