Von Weither Hilpert

Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Lotte stand, auf ihren Ellenbogen gestützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich; ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: Klopstock! – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strom von Empfindungen, den sie in dieser Lösung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte die unter den wonnevollsten Tränen, und sah nach ihrem Auge wieder. – Edler hättest du deine Verhindrung in diesem Blick gesehn, und möchte ich nun deinen so oft entweihten Namen nicht wieder lernen hören

Können wir uns denken, daß für den Leser eines modernen Romans eine Welt von Empfindungen so durch den Namen eines Dichters ausgedrückt wird, wie es Goethe für die Leser seines „Werther“ mit dem Namen Klopstock tun konnte? Ist uns eine Dichtergestalt so leibhaft und Bild geworden, daß sie uns einen Begriff verkörpert? Für einen Kreis von Freunden der Dichtkunst wird Rilke solch einen Komplex von Empfindungen umschließen, vielleicht auch noch ein anderer Dichtername. Eine allgemein anerkannte und gültige Dichtergestalt als „das“ Bild des Dichters besitzen wir nicht. Als die Kinder des kaiserlichen Rats Goethe die verbotenen Verse des Messiasdichters mit halblauter Erregung zitierten, goß der erschrockene Barbier das Seifenbecken dem Herrn Rat über die Brust, und der Vater ging mit seinem Hausstand streng ins Gericht. Wir können uns heute nur schwer vorstellen, welche allgemeine Wirkung damals der Name Klopstodc in der Nation hatte, wie er Inbegriff und Idealgestalt des Dichters war. Und wenn wir heute nach, dem für uns gültigen Dichterbilde fragen, so gehen wir mit den letzten Vorstellungen auch bis zu Klopstock zurück.

Es ist keine müßige Frage, heute nach unserem Bilde des Dichters zu suchen. Sofern wir jede Kunst als Ausdruck unseres Wesens und das Werk des Künstlers als Wegweiser in den Wirren der Zeit ansehen, ist das Bild des Dichters selbst Wegweiser und Quell der Hoffnung, von dem wir Ordnung und Regel erwarten dürfen. Und eine Zeit, die zu einem fest bestimmten Dichterbilde aufsehen kann, darf sich glücklich preisen, im Besitz solch eines Nothelfers zu sein, wie umgekehrt das Fehlen dieses Bildes die abgrundtiefe Not erweist. Wie steht es darum in unseren Tagen?

Die Jugend, die in den ersten Weltkrieg ging, vornehmlich die im Wandervogel zu neuem Lebensgefühl erwachte, hatte sich in Hölderlin einen Heros geschaffen; die Hölderlin-Renaissance der folgenden Jahre wurde von dieser Jugend getragen. Ihre Idealgestalt des Dichters trug die Züge Hölderlins, Kleists, des jungen Goethe, vielleicht dazu noch einige romantische Attribute, im ganzen eine begeisternde Erscheinung. Die Jugend, die in den zweiten Weltkrieg ging, kannte solch ein Dichterbildnis nicht mehr.

Zwar ist auch heute noch in großen Teilen dieses Bild gewärtig, wenn wir vom Dichter sprechen: eine Jünglingsgestalt, darin etwas von der pathetischen Erscheinung Hölderlins und etwas von Byron, etwas von dem verschwundenen namenlosen Finder eines alten deutschen Liedchens und etwas von Pindar. Wir denken an Shakespeare und denken „ohne zu trennen ein amalgamiertes Etwas aus Dante, Lenau und dem Verfasser einer rührenden Geschichte, die wir mit vierzehn Jahren gelesen haben“. So bestimmt Hugo von Hofmannsthal in seiner Rede „Der Dichter und die Zeit“ unsere Vorstellung. Er aber entwirft uns ein anderes, gültigeres Bild des Dichters in der Legende von dem fürstlichen Pilger, der auszog, das gelobte Land zu sehen, und heimkehrte unerkannt als ein Bettler und im eigenen Hause bei den Hunden unter der Treppe wohnte. „Dies unerkannte Wohnen, ohne Amt in diesem Haus, ohne Dienst, ohne Recht, ohne Pflicht, als nur zu lungern und zu liegen und in sich dies alles auf einer unsichtbaren Waage abzuwiegen und ein ungeheures Leiden, ungeheures Genießen zu durchleben, dies alles zu besitzen, wie niemals ein Hausherr sein Haus besitzt“ – so sieht Hofmannsthal den Dichter wohnen im Haus dieser Zeit. Ist es auch noch unsere Zeit?

Oder wollen wir den Dichter tätig in der Gegenwart sehen als einen Mitreißenden, Aufrufenden, Eingreifenden, wie wir etwa in der Besprechung eines zeitnahen Werkes von einem Dichter unserer Tage lesen, daß er „immer darauf zielte, das wahre Inbild der Zeit zu malen, Menschenwürde und das hohe Idol demokratischer Freiheit zu beschwören, seine Deutschen wachzurütteln, aufzurufen, mitzureißen, anzuklagen und die ungeheure Spannung dieser mühsalbeladenen, von zwei Weltkriegen zermalmten Epoche gleichsam mit noch bebender Hand aufzuzeichnen. So sah Becher das Amt des Dichters unserer Tage“. („Tägliche Rundschau“ 24. April 1946.) Und ein anderer steigt auf das Rednerpodium vor der diskutierenden Menge, die sich nach der Aufführung seines Zeitstückes zusammengefunden hat und bekennt: „Ich wollte die Jugend ansprechen und aufrütteln, aber ich wollte ihr doch auch helfen!“ (Fred Denger mit dem Schauspiel „Wir heißen Euch hoffen“ nach dem Bericht der „Täglichen Rundschau“ vom 18. April 1946.)