„Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor den Richterstuhl Gottes treten werde, um Rechenschaft abzulegen über mein Tun und mein Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn Gott einst Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unsern Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Mit diesen Worten nahm General von Tresckow, einer der leidenschaftlichsten Aktivisten im Kampf gegen Hitler, am Morgen des 21. Juli 1944 von seinen Freunden Abschied.

Das deutsche Volk hat in den zwölf Jahren der Hitler-Regierung alle Werte eingebüßt, die in Generationen geschaffen worden waren; es ist nicht nur um seine Zukunft betrogen worden, sondern auch um das Bewußtsein seiner Vergangenheit, um seine Erinnerungen – jene Urkräfte, aus denen alles neue Leben Gestalt gewinnt. Wenn wir zurückblicken und die Geschichte dieser Jahre überschauen, die für die Jüngeren unter uns das Leben ausmachten, dann war es Enttäuschung, Schuld, Verzweiflung, Ströme von Blut, die uns wie ein unüberwindliches Meer von dem Gestern trennen. Und doch hat es daneben noch etwas anderes gegeben, das viele von uns nicht kennen, weil Hitler dafür gesorgt hat, daß die Erkenntnis von diesem Besitz nicht in das Bewußtsein des Volkes einging: das ist der Geist des „geheimen Deutschlands“.

In die Millionen geht die Zahl der Juden, Ausländer und politisch Diskreditierten, die eingekerkert, gequält und liquidiert wurden. Hätte nicht einer von denen, die den vielen Widerstandsgruppen angehörten, den Mut finden können, Hitler zu beseitigen? Die Abwegigkeit dieser Vorstellung wird schon bei der Formulierung der Frage deutlich – es fehlte nicht an Mut, sondern einfach ander Möglichkeit, ihn zur Tat, werden. zu lassen, denn fast unvorstellbar ist das undurchdringliche Netz von Sicherungsmaßnahmen, mit dem Hitler umgeben war. Hieraus folgt, daß man ebensowenig, wie man an der ernsthaften Bereitschaft derjenigen Gruppen zweifeln kann, die trotz jahrelanger Opposition nie „zum Zuge“ kamen, die Tat der Männer vom 20. Juli, die als einzige wirklich handelten, nach dem Erfolg, also nach dem Nichtgelingen ihres Umsturzversuches beurteilen darf. Für die politische Geschichte mag entscheidend sein, daß das Attentat mißlang. Für das deutsche Volk und seine geistige Geschichte ist wichtig, daß es diese Männer gegeben hat.

„Eine kleine Clique ehrgeiziger Offiziere“ hatte Hitler sie genannt. Das Wort war so stark und das Bild so einprägsam, daß es gelang, mit dieser bewußten Fälschung die Vorstellung der Menschen, vielfach bis zum heutigen Tage, zu formen, sowohl in antifaschistischen wie auch – unter dem Begriff des „Verrats“ – in reaktionären Kreisen. Die zehn Monate, die Hitler nach diesem Ereignis zur Vollendung seines Zerstörungswerkes noch blieben, genügten, alles zu vernichten und auszulöschen, was mit jenem Tag im Zusammenhang stand.

So hat das deutsche Volk nie erfahren, daß sich in jener Bewegung noch einmal die besten Männer aller Bevölkerungsschichten, die letzten positiven Kräfte eines völlig ausgebluteten Landes zusammengefunden hatten. Die Not der Stunde, die Verzweiflung über das Ausmaß an Verbrechen, Schuld und Unheil die der Nationalsozialismus über Deutschland gebracht und weit hinaus in die Welt getragen hatte, führten diese Männer zu einer letzten großen Kraftanstrengung zusammen. Die führenden Persönlichkeiten der Gewerkschaften und der Sozialisten, Vertreter der beiden christlichen Kirchen und jene Offiziere der Wehrmacht, die das eigene Urteil und die Stimme des eigenen Gewissens über den blinden Gehorsam stellten, zahlreiche Vertreter des Adels und des Bürgertums, verantwortungsbewußte Beamte bis hinauf zum Minister und Botschafter, sie alle waren bereit, ihr Leben einzusetzen, um Deutschland von der Verbrecherbande zu befreien, die das Reich regierte. Jahrelang hatte man systematisch an den Plänen der politischen und kulturellen Reorganisation eines befreiten Deutschlands gearbeitet und jahrelang die Vorbereitung für den Umsturz und das Attentat immer wieder hinausschieben und alle Pläne entsprechend der jeweils neuen Situation immer wieder verändern müssen.