Von Hanns Braun

Bei uns bekommen die Ärzte jetzt Schwerarbeiterzulage, heißt es. Die Neuigkeit wäre schon einige Anmerkungen wert. Aber gerät der Nichtprivilegierte, der sich zu einem Privileg äußert, nicht augenblicklich in den Verdacht der Mißgunst? Wagen wir’s darauf!

Was wäre das Neue? Daß zum erstenmal, seit die Mark entrechtet wurde, ein geistiger Beruf bei uns ernährungsmäßig bevorrechtet wird. (Vom „Diplomatenhaushalt“ letzthin und seinen der Öffentlichkeit gegenüber, amtlich abgeleugneten Nutznießern gebietet Ironie zu schweigen.) Aber wir leben in Umständen, in denen oft selbst das Gutgemeinte und an sich Richtige bei der Verwirklichung irgendwie schief gerät, und so geschieht es, daß jetzt auch dieser erste Fall legitimen Avancements zum Schwerarbeiter seine Ironie hat. Denn unter allen Studierten war natürlich der Arzt derjenige, der sich auch bisher schon „besser“ gestellt hat, weil die Dankbarkeit von Patienten der fleischlichen, fetten und mehligen Observanz vor entsprechenden Erweisen selbst in hartherzigen Zeiten wie heute nicht zurückschreckt. Wer liebte auch nicht sein Leben und den, der’s einem erhält! Besonders auf dem Lande dürften die Opfergaben an den Leibsorger denen, die der Seelsorger empfängt, kaum nachstehen – womit wir aber keineswegs in eine Diskussion über die metaphysischen Qualitäten von Schmalznudeln einzutreten gedenken. Immerhin läuft mir noch in der Erinnerung das Wasser im Munde zusammen, gedenke ich des Onkel Landdoktors, der mir neulich ganz arglos mit einem Frühstücksbrot entgegentrat, auf dessen Buttergletscher sich Käseblöcke von den Dimensionen des grönländischen Inlandeises türmten – von welcher kulinarischen Landschaft der liebe Gute Stück um Stück abbiß, was vielleicht auch ein Heilvorgang ist, nur nicht für knurrende städtische Besuchermägen.

Nun, mag die für unsere Zeit vorhergesagte und gewiß noch nicht beendete Entfesselung des Satans – als des großen Durcheinanderbringers – sich auch in solchen Lappalien noch kundtun, wichtig und verdienstvoll bleibt es, daß jener Schritt zur Bevorrechtung endlich einmal getan wurde. Er ist insbesondere gerechtfertigt gegenüber den Ärzten, die während des Bombenkrieges in den Städten und auch heute, wo Krankheit, Not und Tod darin umgehen, mit Hingabe ihrer letzten Kraft zu helfen suchen, dreifach überanstrengt, solange viele ihres Standes unfreiwillig feiern müssen. Jener Schritt ist aber noch aus einem allgemeineren Grunde gerechtfertigt. Er schlägt, spät genug, Bresche in eines der folgenschwersten Vorurteile des Jahrhunderts: das Vorurteil, daß der geistige Mensch weniger Nahrung gebrauche als der Handarbeiter. Womit implizite gesagt ist, daß jener es leichter habe, ja, daß alles Geistige im Grunde ludus, Spielerei und Spinnerei sei, ergo etwas im Ernstfalle Überflüssiges!

Das war freilich von jeher die Meinung des rohen Haufens; aber daß es einmal das zentrale Dogma hat werden dürfen, entlarvt und richtet ein Zeitalter, das über Dogmen stets nur mit überheblichem Hohne zu reden gewohnt war und es auch heute noch vielfach, laut oder leise, tut. Dennoch wäre es eben jetzt geraten, sich ein wenig umzusehen und nachzudenken. Zwei Weltkatastrophen sind über uns hereingebrochen, und daß sie uns ins Verderben brachten, wird kaum jemand der Untüchtigkeit der Handarbeiter in irgendeinem Teile der Welt aufrechnen. Selbst Leute, die ungern über ihre Nasenspitze hinaussehen, spüren doch heute wenigstens dumpf, daß die Katastrophe etwas mit dem Geiste zu tun hat, und zwar mit einem Verderb, der nie möglich geworden wäre ohne die schuldhafte, so ehrfurchts- wie lieblose Fehleinschätzung des Geistes und seines Trägers selber.

Wie? Haben nicht wir Deutschen uns allezeit unserer „Dichter und Denker“ gerühmt? Oh, über die abgestandenen Phrasen ohne lebendige Wirklichkeit! Wie stand es denn damit? Wie nennt ihn der Zeitgeist, diesen geistigen Menschen, wenn er ihm wohlwill? Er nennt ihn auch Arbeiter. Arbeiter nämlich „der Stirn“, als welchen er ihn gewöhnlich dem Arbeiter „der Faust“ nachordnet, was nicht weiter höflich, aber keineswegs unlogisch ist, wo der Grundbegriff und ehrenspendende Ausgangspunkt eben die Arbeit ist. Aber welche Verlegenheit gegenüber dem Geist, welche Unkenntnis seiner Wesenheit spricht aus diesem Mitkommenlassen! Denn was den Geistigen ausmacht, ist nicht die Arbeit, die er sich freilich auch, so hingebend wie irgendeiner, machen muß, sondern die Gabe, die Mitgift des Denkens, die Fähigkeit, dem Gedachten Wirklichkeit zu verleihen und damit auf schon vorhandene Wirklichkeiten einzuwirken. Je intelligenter ein Arbeiter ist, je erfinderischer, desto deutlicher spürt er, daß er damit in einer Ordnung steht, für die er „nichts kann“. Eine Fähigkeit kann und muß man durch Arbeit aus sich herausläutern, aber im eigentlichen Sinne „erarbeiten“ kann sie sich niemand. So schließt sich der Kreis, und damit bleibt der Ehrenname Arbeiter als etwas, das der sozialen Sphäre angehört, völlig unangetastet; er ist dort ja längst so mächtig, daß selbst Tyrannen sich hinter diesem Begriff verstecken müssen, wenn sie zur Macht schleichen und Macht, erschlichene, sich wahren wollen. Hier aber geht es, zum Besten auch der Arbeiters, um das Richtigstellen älterer Ordnungen, nämlich um die schuldhaft verachtete Wahrheit, daß es der Geist ist, der den Menschen ausmacht!

Wenn nun, recht zaghaft noch, im Falle des Arztes die verkehrte Wertsetzung des Materialismus in etwa modifiziert wird (wie pikanterweise des längeren schon in Rußland!), dann sollte gesehen werden, daß dies vermeintliche Bevorzugen nur Richtigstellen einer Benachteiligung ist. Es beweist wenig logische Denkkraft, wenn man wähnen kann, das Höchste, Edelste, Seltenste brauche just am wenigsten Speise – welcher Eindruck freilich entstehen mag, weil der geistige Mensch klaglos über seine Kraft zu leben, mindestens zeitweise im Werk „sich zu verzehren gewohnt ist. Aber daß er des Leibes Notdurft nicht den Ehrenplatz in seinem Lebenshaushalt einräumt, zeigt höchstens, daß er die Gefahr der Philisterei richtig abschätzt.