Von Egon Vietta

Auf der Höhe schwebt das Züglein, das nachZürich fährt und den Bodensee, das Münster von Konstanz und die stille, weltweite Geruhsamkeit des Hegaus langsam hinter sich läßt: all die arkadischen Plätze, in denen die Maler hausen, Künstler, die einmal in Paris und Kiew, in Berlin und Rom geträumt und an den gewaltigen Ölgemälden des Louvre und der Pitti-Galerie sich gebildet haben. Sie sitzen, wo vor Jahrhunderten die Mönche der Reichenau begonnen haben, Kultur in das unwirtliche Germanien zu pflanzen, und das Stille, Besinnliche, Außer-der-Welt-Stehende ist dem Bodensee geblieben. Die Bodenseeidylle ist unwirklich, weil die Welt heute aus ganz anderem Stoff gemacht scheint, aber immer ist’s eine festliche und herbstliche Unwirklichkeit. ist’s sommerliche Heiterkeit oder morgendliche Frische, nicht die unruhige Phantasterei, die langsam und unaufhaltsam von Europa Besitz nimmt. Die Idylle am Bodensee träumt so unschuldig wie einmal Tiepolo und Tintoretto in Venedig zu träumen anfingen, wie Francesco Guardia aus der alternden Stadt eine Reverie gesponnen hat, doch auf liebenswürdigeren Ruinen als den klobigen Eisenträgern und spitznasigen Häuserfronten, die heute überall in Europa verstauben und versinken, bis sie wieder zur Erde werden, aus der sie gemacht sind.

Das ist eine Anmutung, die nichts mit dem fröhlichen Züglein zu schaffen hat. Das rennt nach Winterthur, zieht mitten durch die Mahd eine Schleifspur, setzt sich gleichsam ins Grün und gleitet an den elektrischen Drähten fast lautlos in eine Welt hinein, die nichts mehr mit dem heutigen Europa und seinem sorgenvoll verzerrten, wie von Pablo Picasso entworfenen Gesicht gemein hat. Denn die alte europäische Ordnung von Natur und Mensch ist zerstört. Und man hat für diese Störung Worte und Begriffe gefunden, die im gestrigen Europa nah unbekannt waren: erst an den Rissen und Sprürgen wird die Technik offenbar, in der das heile Bild geschnitzt war. Durch die Sprünge sickert die lähmende „Nausée“, wie Satre es nennt, die innere Müdigkeit, der Ekel an allem und jeden, die leise Verzweiflung am Existierenmüssen. Die Schweiz hat niemals eine „Nausee“ gekannt, de war immer handfest und im Heimatboden vervurzelt, und darum war ihr das doppelte und unheimliche Gesicht versagt, das hinter der europäischen Maske grinst. Ihr Gesicht ist alt. Ihre Ratio ist die Ratio der Helvetia mediatrix, wie sie der feinsinnige Fritz Ernst in Zürich charakterisiert hat, und ein wenig verwundert, erstaunt und doch teilnehmend hat sie von je in die aufgeregten Wogen ringsherum geschaut.

Die Idylle ist der Boden, auf dem der Geist allein sich ausruhen und zu sich selbst kommen kann. Wir wissen nicht mehr, was Anerkennung, Wartung, Pflege des Geistes bedeutet. Wir haben Familien, Menschen, Häuser, Schlösser und Bibliotheken, an denen Jahrhunderte gearbeitet haben, zugrunde gehen sehen, und die Zertrümmerung aller Werte die geistig – keineswegs in den letzten Jahren allein – vorbereitet war, hat nur noch ein Gegenstück im Verfall der Antike, als noch Geister wie Synesios, begnadet mit all dem funkelnden Wissen der Spätgriechen, in Briefen das Schicksal beschworen. Der Zusammenbruch, die Zerstörung ist Teil der menschlichen Natur. Daher ist eine Geschichte „ohne die Zeiten der wiederkehrenden Barbarei“, wie Vico sich ausdrückt, gar nicht denkbar. Furchtbar ist nur der Übergang. Das wußte schon Jakob Burckhardt, der um die Jahrhundertwende in späten Briefen das Verhängnis vorausgesagt hat Und wenn Europa nach der Beresina das viel gräßlichere Stalingrad erlebte, den Einbruch der Werte, auf dem die Münster, Klöster und Universitäten gegründet waren, dann ist durch die Maschen der Geschichte etwas Neues sichtbar geworden; in Visionen der Künstler und Seher taucht es wie ein Nachtmahr oder eine Lichtkaskade auf. So hat Franz Marc das werdende Jahrhundert gemalt; es ist nicht anders als die geistige Entflammtheit des frühen Christentums ...

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Auf den Bahnsteig stehen nur wenig Menschen. Der Zug entrückt sich in glimmende Ferne, nach Rorschach, und der Züricher Zug ist noch nicht am elegant fließenden Band der Geleise aufgetaucht. Auf dem Bahnsteig liegt in verschwenderischer Fülle all das, was wir entbehren, aber Zeitungen, Zigaretten und selbst Süßigkeiten werden sofort bedeutungslos, wenn sie beliebig zur Hand sind. Man wird wählerisch. Man betrachtet das alles, als werde es immer geboten. Das Gedächtnis ist es müde, all die Bilder des Mangels wachzurufen, die wie Furien hinter uns herjagen.

Vergil hat am Ende der blutigen Bürgerkriege seine Hirten besungen. Lämmer und Meliboeus waren sein Idyll. Die munter fließende Bahn ist unser Idyll. Das Flechtwerk der Drähte leitet sie nach Luzern oder Biel, nach Basel oder St. Gallen, und wo wir auch ankommen, herrscht dieselbe Gemessenheit, dieselbe Bedachtsamkeit, die hier weit ab von dem Feuerwort der Zwingli und Kalvin das Göttliche im Ungöttlichen bewahrt...