Am fünften Juli, wenige Minuten nach zwölf Uhr, gab der englische Sergeant dem Grenzpolizisten ein Zeichen. Der Schlagbaum senkte sich. Staub- und schweißbedeckte Menschen trieben sich zu einer letzten Anstrengung an, ihren turmhoch beladenen Handkarren ins englische Gebiet zu ziehen. Dann ließen sie sich erschöpft, doch aufatmend am Straßenrand nieder. Sie waren noch durchgekommen! Sie wußten, daß fünfzigtausend verzweifelte Menschen auf russischer Seite in Straßengräben und auf Feldern kampierten, in glühender Julihitze, ohne Verpflegung, ohne Obdach, ohne Hoffnung, nach wochenlanger Irrfahrt doch noch ins britische Gebiet zu kommen. Denn von jetzt an war die Grenze gesperrt.

Der Tag der Schließung war seit langem auf den dreißigsten Juni festgesetzt worden. Zwei Tage, bevor es soweit war, ist der englische Offizier zum russischen Schlagbaum gefahren. Wie viele wohl kommen würden? Vielleicht zwanzigtausend, hieß es. Gut, kalkulierte er. Unser Lager Friedland faßt etwa sechstausend Menschen. Ich kann jeden Tag dreitausend Neuankömmlinge störungslos verpflegen, registrieren, abtransportieren; also bleibt das Lager noch sieben Tage offen, bis zum fünften Juli. Dann dürften die Zwanzigtausend herüber sein ...

Aber sie waren es nicht. Es waren fünfzigtausend geworden. Weitere Fünfunddreißigtausend, hieß es, seien von Halle her in Anmarsch. Aus allen Winkeln des russischen oder polnischen Gebietes strömten Rückwanderer nach dieser einzigen Schleuse zwischen Mecklenburg und Hessen. Wer von Wismar nach Lübeck wollte, sechzig Kilometer direkter Straße, mußte so mit Gepäck und Kindern siebenhundert zurücklegen. Und was für Gepäck war das. Es handelte sich ja nur zum kleinen Teil um Flüchtlinge und Umgesiedelte. Die meisten waren bereits fest in der englischen Zone gemeldete hatten dort Unterkunft und Arbeit und benutzten die „letzten Tage von Friedland“, um Hab und Gut, Möbel und Verwandte herüberzuholen. Als die bevorstehende Schließung der Grenze bekannt wurde, hatten sich Zehntausende auf „der englischen Seite“ mit kleinem Rucksack aufgemacht, um die „grüne Grenze“ ins „Russische“ zu überschreiten und sich dann auf dem Rückwege schwerbepackt ordnungsgemäß in Friedland „durchschleusen“ zu lassen.

Seine Majestät das Gepäck! Es war, als wanderten die Lasten allein über die Grenze, als wären die Menschen nur nebensächliche Imponderabilien, allenfalls gut genug, Gepäck zu bewegen oder zu bewachen. Rechts und links der Straße von Friedland war das Gepäck zu Bergen getürmt, zu kunstvollen Häusern und Höhlen zusammengebaut, in denen Familien Schatten suchten. Ganze Schlafzimmereinrichtungen waren auf wackligen Leiterwagen herübergekarrt worden, Kaninchenställe, Klaviere, komplette Hühnerfarmen. Seine Majestät der Handwagen! Er war unzertrennbar vom Gepäck, ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger gar. Denn der Handwagen war international. Er hatte einen Interzonenpaß. Wer auf der „russischen Seite“ einen „Handwagenschein“ besaß, war berechtigt, die Grenze beliebig oft zu überschreiten. Schicksale hingen daran!

Da war eine elegante junge Dame, die gerade angesichts eines berghoch beladenen Wagens mit seinem etwas struppigen vermeintlichen Besitzer abrechnete. Ich kam gerade zurecht, daß – o Staunen! – er der Dame zwanzig Mark in die Hand drückte. Er hatte sie gemietet, und sie hatte gezogen. Ob ihr die Arbeit nicht zu schwer wäre? fragte ich. „Und ob“, meinte sie. „Ich fing damit an, um von der Lebensmittelklasse sechs auf drei oder zwei aufzurücken. Und als ich abspringen wollte, war ich beim Arbeitsamt als Karrenzieher registriert und mußte jeden Tag meine Fuhre machen ...“

Von dem Augenblick an, da das Gepäck „auf englischem Boden“ steht, beginnt das Uhrwerk einer gut eingespielten Organisation. Die fahrbare Kantine der Heilsarmee verteilt Kakao an Kinder, Kaffee an Erwachsene. Sechzig Lastwagen nehmen auf, was an Menschen, Möbeln, Säcken am Straßenrand steht, und pendeln von früh bis spät zwischen Grenze und Lager. Dort gibt es die Altersbaracke und die Kinobaracke, die Schusterbaracke und Post, die katholische Kirche und den Lagerwachdienst. Man wird „marschverpflegt“, registriert, entlaust; man wird ärztlich behandelt, wenn es not tut, und von der Caritas betreut; man wird für einen Sonderzug eingeteilt oder bekommt schwedische Bohnensuppe; und will man der fürsorgenden Liebe entfliehen, ruft dich der Lautsprecher in der hintersten Lagerecke zurück, dich wie jeden einzelnen der 835 000 Menschen, die seit September hier betreut wurden.

Eine Frage an die Lagerleitung: „Melden sich auch ,Schwarzgänger’ hier?“