Das Problem der Selbstverwaltung bildete den Kernpunkt aller staatsrechtlichen und vor allem politischen Überlegungen. Man glaubte dabei von dem Gesichtspunkt ausgehen zu müssen, daß die Adoption eines, andern Regierungssystems, beispielsweise des demokratischen Prinzips allein, zunächst noch keine Besserung bringen könne, wenn sich – nicht zugleich mit diesem Wechsel der äußeren Form auch eine innere Wandlung vollziehe. Es war darüber diskutiert worden, daß nicht nur im früheren Deutschland der liberale Kapitalismus im sogenannten freien Spiel der Kräfte zum Monopolkapitalismus und damit zu seiner Auflösung geführt hatte, daß der antikapitalistische Kommunismus in Rußland durch den Prozeß der Verstaatlichung aller Produktionsmittel zum Staatskapitalismus geworden war, ja daß die bolschewistische Weltrevolution sich in ihre Antithese, den nationalen Imperialismus, verwandelt hatte. Die Demokratie sollte auf eine Weise aufgebaut werden, in der Politik nicht zum Beruf gemacht wurde. Der Gedanke war daher, den einzelnen nicht einfach dem Widerstreit der Parteidoktrinen auszuliefern, und in der Möglichkeit, zwischen den für ihn oft gar nicht übersehbaren Ideologien zu wählen, die höchste Errungenschaft bürgerlicher Freiheit zu sehen, sondern ihm seine staatsbürgerlichen Rechte in der Stellung- und Anteilnahme innerhalb seiner Gemeinschaft wahrnehmen. zu lassen. Man formulierte daher so: "Die politische Willensbildung des Volkes vollzieht sich in einem Rahmen, der für den einzelnen überschaubar bleibt. Auf den natürlichen Gliederungen der Gemeinden und Kreise bauen sich landschaftlich, wirtschaftlich und kulturell zusammengehörige Länder auf. Um eine wirksame Selbstverwaltung zu ermöglichen, sollen die Länder etwa die Zahl von drei bis fünf Millionen Einwohner umfassen."

Eine nach Größe der Gemeinden zu bestimmende Zahl von Wahlberechtigten einigt sich auf die Kandidatur. der ihnen als Gemeindeverwaltung geeignet erscheinenden Mitglieder, die dann von allen Wahlberechtigten in geheimer, unmittelbarer Wahl gewählt werden. Die Vertretung der Kreise und kreisfreien Städte wird nach entsprechenden Grundsätzen gewählt. Der Landtag der Länder wird wiederum von den Vertretungen der Kreise und Städte gewählt. An der Spitze der Länderregierungen steht der Landesverweser; die Regierung selbstwird ausgeübt von einem Landeshauptmann und den Staatsräten als Ressortministern, denen Landtag und Landesrat als beratende Körperschaften beigegeben sind. Die Landesverweser sind dann wiederum im Reichsrat, der neben dem Reichstagder eigentlichen Reichsregierung beigeordnet ist. zusammengefaßt.

Diesem innerpolitischen Staatsaufbau entsprachen gewisse Vorstellungen über eine überstaatliche Völkergemeinschaft: "Der Frieden erfordert dieSchaffung einer die einzelnen Staaten umfassenden Ordnung. Sobald die freie Zustimmung aller beteiligten Völker gewährleistet ist, muß den Trägern dieser Ordnung das Recht zustehen, auch von jedem einzelnen Gehorsam, Ehrfurcht, notfalls auch den Einsatz von Leben und Eigentum für die höchste politische Autorität der Völkergemeinschaft zu fordern."

Alle Pläne und Ideen gingen von der Voraussetzung aus, daß jegliche geistige Erneuerung und der Aufbau der staatlichen und zwischenstaatlichen Ordnung nur auf religiöser Grundlage wachsen und nur in der Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung liegen könne. Man glaubte, daß erst, – wenn diese Ordnung zum Maßstab der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern würde, die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden könne. Darum wollte man sich auch nicht damit begnügen, neue Wirtschaftsordnungen zu planen, soziale Gesetze zu entwerfen und ein parlamentarisches System einzuführen; das alles waren Selbstverständlichkeiten, die nicht ausreichend erschienen, gemessen an der verzweifelten geistigen Situation der Zeit. Längst hatte man eingesehen, daß es kein Rezept zum Regieren gibt und keine sozialen und verfassungsmäßigen Patentlösungen. Der Mensch sollte in allen Lebensbezirken angesprochen und neu geformt werden. Daher sollte schon die Schule neben dem sachlichen Wissen und einer gründlichen Allgemeinbildung den Charakter des Kindes formen. "Die Charaktererziehung bildet einen anständigen Menschen religiöser Grundhaltung, der gute Sitte und Rechtlichkeit. Wahrheit und Aufrichtigkeit, Nächstenliebe und Treue vor seinem Gewissen zur Richtschnur des Handelns zu machen imstande ist. Der so erzogene Mensch wird die Reife besitzen, selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen."

Auch im Aufbau der Universitäten war eine Neuordnung geplant. Seit langem hatte man voller Besorgnis die durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt auf allen Gebieten bedingte, immer stärkere Spezialisierung aller Disziplinen beobachtet und den Mangel, eines gemeinsamen "Daches" empfunden. Durch die vorgesehene Reform wollte man in den Hochschulen, als fachwissenschaftlichen Lehrstätten, den Erfordernissen moderner Forschung gerecht bleiben und gleichzeitig in den "Reichsuniversitäten" etwas von dem Ideal der alten Universität wieder lebendig in unsere geteilte und zersplitterte Welt hineinstellen.

Alle Gedanken und Pläne zum Neuaufbau Deutschlands hatten eine gemeinsame Grundlage und stellten in allen Lebensbezirken die gleiche Forderung in den Mittelpunkt: die geistige Wandlung des Menschen, die Absage an den Materialismus und die Überwindung des Nihilismus als Lebensform. Der Mensch sollte wieder hineingestellt werden in eine Welt christlicher Ordnung, die im Metaphysischen ihre Wurzeln hat, er sollte wieder atmen können in der ganzen Weite des Raumes, die zwischen Himmel und Erde liegt, er sollte befreit werden von der Enge einer Welt, die sich selbst verabsolutiert, weil Blut und Rasse und Kausalitätsgesetz ihre letzten Weisheiten waren. Und eben damit waren diese Revolutionäre weit mehr als nur die Antipoden von Hitler und seinem unseligen System; ihr Kampf ist darum neben der aktuellen Bedeutung für das Zeitgeschehen unserer Tage auf einer höheren Ebene der Versuch gewesen, das 19. Jahrhundert geistig zu überwinden.

Die Vorstellung von diesem neuen Deutschland war geboren aus dem Gefühl höchster Verantwortung für das Schicksal des Volkes. Auch wer mit den skizzierten Ideen nicht übereinstimmt, wird die geistige Haltung spüren, die dahinterstand, und die ganze Verwirrung einer Zeit ermessen können, die solche Männer als ehrlose Verräter und Verbrecher hinrichtete. Eines der letzten Zeugnisse ihrer auch durch Kerker und Folterung unveränderten Gesinnung war ein Abschiedsgruß an die Freunde, geschrieben zwischen Verurteilung und Exekution – im Bunker des Volksgerichtshofes im Februar 1945. Sein Schluß lautet so: