Wir leben in Deutschland in zwei Welten. In der einen kostet die Zigarette sechs Pfennig, in der anderen vier Mark. In jener beträgt der Preis der Kirschen und Erdbeeren theoretisch nur wenige Pfennige, wird praktisch aber nicht wirksam, weil es keine gibt. Für die Schuhreparatur werden ein paar Mark bezahlt, es ist jedoch unmöglich, die Schuhe in einer auch nur irgendwie übersehbaren Zeitspanne geflickt zu bekommen, in der anderen Welt wird mit anderen Maßstäben gemessen. Es wird nicht bezahlt oder verrechnet, es wird getauscht.

In der einen Welt stammen die Einnahmen aus festen Geldbezügen. Sie sind gering und einem dauernden Druck nach unten ausgesetzt. Sobald die Löhne und Gehälter steigen, sobald die Gewinne das bescheidenste Ausmaß übersteigen, werden sie einer Steuer unterworfen, die sie bis zu einem Satz von 95 v. H. konfisziert. Die andere Welt, die Welt des Warentausches, zahlt überhaupt keine Steuern. Dort werden die Einnahmen nicht nach Hunderten, sondern nur nach Tausenden gerechnet, wenn sich jemand, die überflüssige Mühe machen sollte, die Zigaretten oder anderen Waren an Hand des "Schwarzmarktkurses" in Geldwerte umzurechnen.

Wir können die Menschen der beiden Welten deutlich unterscheiden. Wir brauchen nur in einer deutschen Großstadt Straßenbahn oder Eisenbahn zu fahren. Da sehen wir die ausgemergelten, hohlwangigen Gesichter aus der Welt der Geldwerte. Das sind die Unglücklichen, die seit Monaten mit tausend Kalorien auskommen müssen, die Gestalten der inneren Auszehrung und des Hungerödems. Daneben sitzt der Mann der Sachwerte, aus der Tauschwelt, wir wollen nicht einmal so weit gehen, zu sagen des "Schwarzen Marktes", rund, blühend, vergnügt Wer sich heute in der Straßenbahn eine Zigarette anzündet, gehört zu dieser Welt jenseits der gesetzlichen Regelung.

Es hat immer die zwei Weiten gegeben, die bürgerliche Welt der staatlichen Ordnung und die Unterwelt der Gesetzlosigkeit. Früher waren die Gesetzlosen kenntlich, am scheuen Blick, an der Vorsicht, mit der sie der Polizei aus dem Wege gingen. Sie verkrochen sich in Kellern und Spelunken, um nur aufzutauchen, wenn der Schatten der Nacht sie verbarg. Heute drängt die Unterwelt ans Licht. Schlimmer noch ist die Tatsache, daß sie eine Anziehungskraft gefährlicher Art auf die Restbestände der bürgerlichen Welt ausübt. Fast möchte es scheinen, als ob Kräfte am Werk sind, die alles daransetzen, die letzten Überbleibsel der Welt gesetzlicher Ordnung ebenfalls in das Dunkel der Unterwelt hinabzustoßen.

Es ist so leicht hinüberzuwechseln aus der Welt der Auszehrung und des Hungers in die andere Welt, deren goldene Regel lautet: "Gib nichts, schaff nichts, wenn man dir nicht gibt." Wer treu und brav, seine Pflicht tut und aufgeht in seinem Beruf, der gerät in das Räderwerk der amtlichen Vorschriften und Steuersätze, zwischen die Mühlsteine der Kalorien und erlahmenden Arbeitskraft. Der ist gezeichnet in seinem Gesicht. Der andere geht dorthin, wo es noch Sachwerte gibt, Güter, die freigesetzt werden, wenn der Bedarf übermächtig ist oder eine Leistung erwartet wird.

in vielen Fällen wird das für die landwirtschaftlichen Bezirke zutreffen, denn schließlich erzeugt das flache Land die Lebensmittel, die im Vordergrund des allgemeinen Verlangens stehen. Das gleiche gilt jedoch für viele städtische Berufe. Welcher Schuster arbeitet heute noch, ohne die Daumenschrauben anzusetzen und Zigaretten als Zugabe zu fordern? Welcher Schneider nimmt noch Kunden an, wenn ihm. nicht handgreifliche Vorteile geboten werden? Des Gelderwerbes wegen heute sich noch anzustrengen, bringen nur wenige erlesene Geister fertig, denen man diesen Idealismus dann auch auf weite Entfernung ansieht.

Die anderen raffen alles zusammen, was sie noch besitzen, die Tauschwerte, die ihnen geblieben sind, wenn sie nicht einen Beruf haben, der "Nebeneinkünfte" ermöglicht. Abseits von den Buchwerten der Geldwirtschaft, die dem unerbittlichen Zugriff des Steuerfiskus ausgesetzt sind, lebt eine neue Welt, die Welt jenseits des Gesetzes. Wer in ihr tätig ist, ganz gleich, ob in erlaubter oder unerlaubter Beschäftigung – jedenfalls nicht unter Kontrolle des Arbeitsamtes und der Preisprüfung der beginnt sich aus der Not der tausend Kalorien langsam wieder zu einem Menschen zu erholen.