"Helena" in Lübeck

Das Land der Griechen mit der Seele suchend" – ist es die Nachfolge eines Goethe-Wortes, daß auf unseren Bühnen wieder die altgriechischen Stoffe auftauchen, sei es, daß mit Äschylos, Sophokles und Euripides. das Dreigestirn der antiken Tragödiendichter aus kühler Ewigkeit in diese zerrissene Gegenwart leuchtet, sei es, daß, wie Giraudoux und Anouilh es wollen, die klassischen Gestalten, Namen und Gewänder nur die bedeutsam-pikante Maskierung zu zeitkritisch-literarischen Exkursionen liefern? Ach, diese Gegenwart ist so verstört, so zweiflerisch und aus den Fugen, daß die Hinwendung zur griechischen Antike einer Flucht in jenes Land gleichkommt, das der Ursprung des europäischen Denkens und Fühlens ist, der Quell eines Geistes, den wir im vergangenen Jahrzehnt so gründlich verleugnet und verraten haben. Nun halten wir die Scherben des alten Idealbildes in den Händen. Und da wir vor der Aufgabe stehen, ein neues Panorama der Weltanschauung zusammenzusetzen – was liegt näher, als daß wir uns aufs neue der großen Kunst des antiken Griechentums nähern, dem tiefen, ungetrübten Spiegel dessen, was wir waren und was wir sein könnten!

Aber wohl nicht deshalb allein haben sich die Bühnen der Hansestadt Lübeck einem antiken Werke zugewandt. Die "Helena" des Euripides ist in noch höherem Sinne aktuell, und das will sagen: geeignet, Geschehnisse der Gegenwart aus allgültiger Sicht zu deuten. "Des Flüchtlings Heimkehr", wie es als Untertitel im Programm hieß, klingt zwar ein wenig sentimental und bis zur Schockierung unklassisch, trifft jedoch Sachverhalt Spartanerkönig, um dessen Weib der Trojanische Krieg entbrannte, kehrt nach der Zerstörung Ilions als Schiffbrüchiger am Königshof von Ägypten ein. Und der zum Bettler gewordene Sieger wird hier gezwungen, sich mit dem eigenen Schicksal und dem seiner wiedergefundenen Gattin Helena auseinanderzusetzen, ehe er die Heimkehr nach Sparta erzwingt. Eheproblem des aus dem Kriege Heimkehrenden – auch heute sind die Städte und Dörfer aller Völker, die am Kriege teilhatten, voll davon!

Es darf vermutet werden, daß die Lübecker Inszenierung, die durch eine klangvolle neue Übersetzung von Ludwig Wolde ermöglicht wurde, eine deutsche Uraufführung bot. Zumindest wissen die erreichbaren Theaterarchive nichts von Programmen, die der "Helena" des Euripides galten. So hätte sich also Friedrich Siems, der Lübecker Intendant, der jüngst erst als Regisseur der stark diskutierten Hamburger Aufführung von Giraudoux "Sodom und Gomorra" viel Aufmerksamkeit auf sich lenkte, auch hier das Verdienst einer Pionierleistung erworben. Seine Regie vermied die naheliegende Gefahr, sich im ästhetisierend-symbolhaften Ausdruck zu erschöpfen, sondern gab dem Theater, was des Theaters ist: dramatische Effekte, temperamentvolles Aufeinanderprallen der szenischen Kräfte. Da war nicht nur, was "die Herzen höher schlagen", sondern auch, was "den Atem stocken" läßt, wenn freilich im klassisch schönen Bühnenbild von Alfred Siercke zuletzt bei dem für die antike Tragödie typischen Hervortreten des "deus ex machina" ("dei ex machina" waren es hier sogar, da es sich um das Zwillingspaar der Dioskuren handelte) ein etwas theaterhafter Zug ins Romantische wohl nicht zu vermeiden blieb.

Um des dramatischen Impulses willen trat die Exposition des Dramas mit Recht zurück, weil die sich entfaltende Szene so intensives Leben brachte, daß auch ohne eine breit ausgespielte Introduktion die eigenartige und ungewohnte euripidische Abweichung vom bekannten Sagenstoff mühelos aufgenommen wurde.

Der altgriechische Chorlyriker Stesichoros – be- – rühmt, weil er im 7. Jahrhundert v. Chr. die bukolische Dichtung von Daphnis sang und so das Fundament für das Traumland Arkadien der römischen Klassiker schuf – hatte das offenbar auch für damalige Zeiten schwierige Moralproblem der geraubten, vergewaltigten und zurückgeholten Frau genial einfach und zugleich phantastisch gelöst: Hera, die Schützerin ehelicher Treue im Olymp, hatte die leibhaftige Helena an den ägyptischen Königshof verbannt und damit zunächst in Sicherheit gebracht, während der arglose, betrogene Paris nur ein ihr ähnliches Scheinbild nach Troja entführte, ein schöne, leere Hülle. Mit diesem Grundmotiv ausgerüstet, konnte auch Euripides die "Schönste aller Frauen" treu bleiben lassen. Und doch ist die naive Unschuld dieser Variante der Helena-Sage nicht mehr ganz rein vorhanden. Helena muß sich vor, dem Liebeswerben des jungen Ägypterkönigs unablässig zum Grabmal seines Vaters, in die Zone des Tabu, retten, und wenn sie schließlich gemeinsam mit Menelaos aufs Meer hinaus und nach Sparta flieht, so geschieht dies nur durch Trug und List.

Schon hier spürt man, was überall hervortritt: dem Euripides ist der leichte, schlichte Glaube der früheren Generationen längst verlorengegangen. Was Nietzsche und zuvor schon Schlegel an ihm tadelten, nämlich die Freigeisterei, den tiefgründigen Hang zum Zweifel und zur Ratio, hat ihn unserer Zeit ganz nahegebracht.