Als ich den Grafen Stauffenberg kennenlernte, war er Quartiermeister der 6. Panzerdivision beim Vormarsch durch die Ardennen im Frankreich-Feldzug Unvergeßlich bleiben die Quartiermeisterbesprechungen, die er abhielt. Gewöhnlich war kein fester Zeitpunkt vereinbart; nach und nach trafen die Leiter der einzelnen Abteilungen, die Führer der Sonderkommandos, die Verbindungsoffiziere ein. Stauffenberg, groß, schlank, beweglich, ein Mann von ausgesprochenem persönlichem Scharm, empfing uns mit echter, strahlender Liebenswürdigkeit. sorgte dafür, daß jeder ein Glas zu trinken bekam, eine Zigarre, eine Pfeife Tabak, Er informierte, fragte, forschte nach scheinbar nebensächlichen Dingen, gab die neuesten Anekdoten zum besten, die aus dem Raum zwischen Aufklärungsabteilung und Feldbäckereikolonne der Division zu berichten waren, sprang von einem Thema zum anderen, unterbrach jedes Gespräch, um zunächst einmal den zuletzt ins Zimmer Getretenen ananhören und auszuforschen. So verging Viertelstunde um Viertelstunde, und noch immer war keine unseier Fragen entschieden – keinerlei Dispositionen für den nächsten Tag oder auch nur für die nächste Stunde waren getroffen, kein Befehl war gegeben. Bis dann, ganz und gar unkommissig und durchaus zwanglos, die Worte fielen: "Ja, also – ich denke, wir machen das jetzt so..." Und nun gab Stauffenberg, die Linke in der Hosentasche, die Rechte am Weinglas, gedankenvoll durchs Zimmer gehend, bald hier, bald da stehenbleibend, dann wieder zur Karte greifend, den Quartiermeisterbefehl in allen seinen Einzelheiten... Er sprach nicht "schulgerecht", wie man es vom Generalstäbler erwartet; das Schema lag ihm nicht, genügte Ihm nicht. Auch fiel ihm das Formulieren durchaus nicht leicht, und das, was er sagte, war weit entfernt von einem, flüssigen, "schreibfertigen" Befehlsdiktat – aber was er da an sorgfältig ausgewogenen Überlegungen und Dispositionen entwickelte. war im Sachlichen "fertig" und vollkommen.

Unvergeßliche Erinnerungen waren auch jene abendlichen Gespräche zu dritt oder viert in den Quartieren bei St. Omer, nach der ersten Phase des Frankreich-Feldzuges, die uns von der Maas zur Somme und von da nordwärts nach Flandern geführt hatte. Immer wieder war bewundernswert, über welche Fülle von Einsichten, über welch gegereiftes Urteil der damals 32jährige Stauffenberg verfügte, wie viel er der freilich ungewöhnlich belesen war, ohne jedoch eine systematische Schulung im Geistig-Wissenschaftlichen erfahren zu haben, dank einer genialen Begabung wußte, Diskussionen von einem ähnlich hohen Niveau habe ich weder vorher noch nachher kaum erlebt.

Verehrt und bewundert von Kameraden, Mitarbeitern und Untergebenen, geschätzt von allen Vorgesetzten, denen er, seines Wertes und seiner persönlichen Würde voll bewußt, mit schönem Freimut und ohne jede Spur von kommissigem Servilismus gegenübertrat, stets und in jeder Lage befähigt, den rechten Ton zu treffen, die passende Form zu finden: so war er, strahlend und schön wie Alcibiades, "angenehm vor den Menschen" und wahrhaft, wie es später einmal einer aus dem Kameradenkreise sagte, "ein Liebling der Götter". Noch während des Frankreich-Feldzuges trennten sich unsere Wege. Er verließ die Division und trat zur Organisationsabteilung über. Nach mehr als drei Jahren hörte ich wieder von ihm. Ein Freund hatte ihn in Bamberg besucht und war dort von ihm in den Plan eingeweiht worden, Hitler zu stürzen. Aus den Schilderungen trat mir ein anderer Mann entgegen, ein Mann, der mit jenem Stauffenberg, wie ich ihn gekannt hatte, fast nichts mehr gemein hatte. Durch einen Bombentreffer in Tunis schwer verwundet, hatte er die rechte Hand und das linke Auge eingebüßt. Als er ins Lazarett eingeliefert wurde, war zunächst das Sehvermögen völlig verloren; wochenlang lag er so, wirklich erblindet, und nicht nur, wie der "Gefreite des Weltkrieges", durch einen Nervenchock (also durch eine "hysterische" neuropathische Reaktion, nach Gasbeschuß) im Sehen behindert... Als ihm durch ärztliche Kunst das rechte Auge zurückgegeben war und er aus dem Lazarett entlassen wurde, ließ er sich, eine Prothese verschmähend, an den Stumpf des rechten Armes eine stählerne Kugel anbringen. "Um seine Worte zu bekräftigen, schlug er im Gespräch mit der Stahlkugel auf den Tisch", so berichtete mein Freund. "Er erinnerte mich an eine der Piratengestalten aus Stevensons ,Schatzinsel‘, und die ganze Unterhaltung hatte etwas Unwirklich-Gespenstiges an sich." Der Krieg hatte ihn nicht nur äußerlich verändert. Er hat sich im Fegefeuer des ihn umgebenden Grauens auch innerlich gewandelt. In den furchtbaren Jahren war die Erkenntnis gereift, daß schlimmer als alle äußere Zerstörung die innere von Recht und Sitte und Kultur wog und daß diesem unaufhaltsamen Zerfall der ethischen Werte des Abendlandes unbedingt Einhalt geboten werden müßte. Aus dem strahlenden Menschen, dieser so glückhaft in sich selbst ruhenden, in sich selbst ausgewogenen Persönlichkeit war, verdüstert und von schweren Ahnungen belastet, der Monomane seiner politischen Idee geworden – bereit, dafür jedes Opfer zu bringen: selbst das Opfer seines guten Namens, als er sich entschloß, zum Attentäter zu werden, das Opfer seiner Familie, seines Lebens. Durch welche Hölle muß er gegangen sein, bis diese Entschlüsse in ihm herangewachsen waren...

Er hat sein Ziel nicht erreicht. Aber er hat seinem Volk mehr gegeben, als es der zur Zeit seiner Tat bereits problematisch gewordene Sturz des politischen Systems – und die danach unvermeidbare innere Aufspaltung der Nation hätte sein können, nämlich das Beispiel dafür, daß es unter uns Männer gegeben hat, die das Äußerste wagten: in tyrannos. Erwin Topf