Vom 1. August ab werden die Versorgungsrenten der Kriegerwitwen und -waisen nicht mehr gezahlt werden. Die Versorgungsämter werden auf Befehl der Militärbehörden aufgelöst. Unzählige Familien werden dadurch betroffen. Mochte die Rente noch so gering sein, sie war vielfach die einzige Einnahmequelle, der einzige Halt eines Kreises von Menschen, denen der Ernährer genommen. Die einfachste, selbstverständlichste Pflicht, die wir gegenüber den Opfern des Krieges zu erfüllen hätten, ihren Hinterbliebenen die letzte, äußerste Not zu ersparen, betteln zu gehen, können wir nicht erfüllen. Schutzlos stehen sie den Unbilden des Winters gegenüber, eines Winters, von dessen Schrecken uns die bevorstehenden Kürzungen der Fettrationen einen Vorgeschmack gegeben haben.

Furchtbares ist in den letzten Jahren über uns hinweggegangen. Millionen von Menschen sind von Haus und Hof vertrieben worden, Bomben und gierige Flammen haben ihr Hab und Gut vernichtet. Sie stehen heute vielfach ohne jeden Rückhalt in der Fremde, ohne die Möglichkeit, zu besitzen, auch nur das Geringste von dem, was sie verloren haben, durch Fleiß und Arbeit zu ersetzen. Wir wissen, daß das Elend nicht auf Deutschland beschränkt ist, daß der Krieg an diesem namenlosen Elend schuld ist, der gleiche Krieg, der den Witwen und Waisen ihren Gatten und Vater und Ernährer nahm. Aber daß wir, die wir am Ausbruch des Krieges ebenso schuld sind wie die meisten der Gefillenen, die Verantwortung gegenüber diesen Opfern einer sinnlosen Politik nicht länger übernehmen können, das läßt uns die ganze Schwere der gegenwärtigen Lage erst voll zum Bewußtsein kommen.

Es handelt sich nicht um die Möglichkeit, die Steuersätze, zu erhöhen, um noch eine Sondereinnahme für die Kriegsopfer zu gewinnen. Wir wissen, daß wir in jeder Hinsicht den Zerreißpunkt der steuerlichen Belastung erreicht, wenn nicht gar überschritten haben. Uns trifft die Erkenntnis, daß wir so arm geworden sind, daß wir nicht einmal diese Pflicht gegenüber den Toten mehr erfüllen können. Was soll aus den Schutzlosen werden? Sollen die Fluten des menschlichen Elends, die über Deutschland hinweggehen, um eine neue Welle vermehrt werden? Dieses Mal würde sie die Schwächsten treffen, die sich nicht gegen das Versinken im Nichts wehren können. Der Versorgung durch die Sozialbehörden, also die Armenfürsorge, kann sie nicht davor bewahren, hinunterzutauchen in das Meer der Verzweiflung, das kein Ende zu nehmen scheint.

Wir dürfen die Hinterbliebenen der Gefallenen nicht der Überzeugung überlassen, daß wir an ihrem Unglück kalt und gefühllos vorbeigehen, beschäftigt nur mit unseren Sorgen, mit den Fragen des Tages. Wir müssen uns der schweren moralischen Schuld eingedenk bleiben, die wir ihnen gegenüber übernommen haben, zwar nicht den Menschen zu ersetzen, den sie verloren, wohl aber den wirtschaftlichen Rückhalt zu bieten, den der Tote ihnen hätte gewähren können. Vielleicht ist es so, daß im Augenblick alle Möglichkeiten ausgeschöpft und als unzureichend erkannt worden sind! aber dann wird das erste Bestreben im Falle einer Besserung der Gesamtlage sein, die Früchte einer solchen Erleichterung der gesamten Lebensbedingungen den Kriegsopfern zugute kommen zu lassen. Bis dahin wird jeder einzelne an seinem Platz alles tun müssen, was er kann, um den betroffenen Unglücklichen zu helfen. In uns selbst müssen wir den Maßstab finden, wieweit das in jedem Einzelfalle möglich sein kann.