Von H.-A. v. Dewitz

Der Haß ist ein schlechter Ratgeber." Die Ausspräche, in der dieser Satz des russischen ’Außenministers Molotow fiel, galt Deutschland und dem Ruhrgebiet, und die Adresse, an die er offensichtlich gerichtet war, ist Frankreich. Es war eine Kette von Feststellungen, in denen Molotow eine scharfe Absage an den Geist Richelieus in der deutschen Frage aussprach. Auch die Pläne. Deutschland in autonome Staaten zu zerschlagen, haben nach Molotows Auffassung ‚,in derselben Politik ihren Ursprung, die Deutschland zerstören und zu einem Agrarstaat machen will, denn es ist leicht zu begreifen, daß Deutschland ohne das Ruhrgebiet nicht als unabhängiger und lebensfähiger Staat bestehen kann". Die damit aufgeworfene grundsätzliche Frage beantwortete Molotow mit der Bemerkung: "Man sollte sich vor Augen halten, daß Deutschland infolge seiner industriellen Macht ein wichtiges Glied im System der Weltwirtschaft ist." Eine Auslöschung Deutschlands als Industriestaat würde zur "Untergrabung der europäischen Wirtschaft, zu unnatürlichen Verschiebungen in der Weltwirtschaft und zu einer chronischen politischen Krise in Deutschland führen, die den Weltfrieden und die Ruhe bedrohen würde". Im Gegenteil, eine Erhöhung des im Industrieplan kürzlich festgelegten Umfanges der deutschen Industrie, eine unbehinderte Steigerung der Produktion von Stahl, Kohle und Industrieerzeugnissen friedlicher Art sowie das Recht Deutschlands, Außenhandel zu treiben, sind die Empfehlungen, die der russische Außenminister auf der Pariser Konferenz ausgesprochen hat Für das Ruhrgebiet setzte er sich für eine Kontrolle der vier Großmächte und für Gesamtdeutschland für die Errichtung einer einheitlichen Zentralregierung ein

Mit dieser russischen Stellungnahme schien sich ein Stein von den bedrückten, belasteten Herzen der Deutschen zu wälzen. Was stand dann noch einer Einigung der Mächte für die Bereinigung unserer Probleme im Wege, wenn der Vertreter des Landes, das am schwersten durch den deutschen Angriff betroffen und zerstört worden ist, die Politik der Vernichtung ablehnt, den Haß als schlechten Ratgeber bezeichnet, wenn er in der Forderung der deutschen Einheit, in der Ablehnung der Teilungs- oder Absplitterungspläne den Geist zurückweist, der in der Zerstückelung des gestern noch zu Mächtigen das alleinige Rezept einer ruhigen Zukunft erblickt? Konnte die Einigung im Einzelnen so schwer sein wenn die Plattform im Großen die gleiche war, auf der man sich bereits in Potsdam begegnet war? Odei warum sollte dieses Einzelne, dies Ringen um die Details, zum Sprengstoff werden, der nun auch die Einigung im Großen wieder vereitelt?

Dennoch ist es genau dies, was sich ereignet hat. Das Detail hat sich wieder als mächtiger erwiesen als das Ganze Das Ergebnis ist für den Deutschen enttäuschend. "Also werden wir weiterhungern!" Dieser erbitterte Ausruf stellte sozusagen das in einen Satz gepreßte Urteil aus dem breiten Publikum der britischen Zone dar, als die Zeitungen berichteten, daß die Aufhebung der Zonengrenzen von Molotow abgelehnt und eine neue Besprechung der vier Außenminister über Deutschland erst für den Herbst geplant sei. Für Millionen ist dieser Ausruf die erste Schlußfolgerung. Die Andeutung von 200 Gramm Fett, mit denen sich der ausgewachsene, normale Mensch der britischen Zone in Zukunft aufrechterhalten soll, sind doch nichts anderes als das in Gramm ausgedrückte Eingeständnis der Lebensunfähigkeit der britischen Besatzungszone Deutschlands. Kein Geringerer als Attlee war es ja, der nach der Rückkehr aus Potsdam vor dem britischen Unterhaus eingestand, man habe vielleicht einen Fehler begangen, indem man Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt habe Seit Potsdam haben sich die Erfahrungen vertausendfacht und dabei nichts an Eindringlichkeit verloren. Ihr Endergebnis bleibt nach wie vor, daß unter Beibehaltung der Zonengrenzen eine wirtschaftliche Wiederbelebung nicht zu erwarten ist. daß in lebensnotwendigen Waren die eine Zone nach wie vor Mangelgebiet bleiben, während die Nachbarzone als Lieferant ausfallen muß, daß der amerikanische Steuerzahler 200 Millionen Dollar, der britische sogar 80 Millionen Pfund aufbringen muß. für eine deutsche Lebenshaltung, die dennoch unter dem Existenzminimum bleibt und daher den sicheren gesundheitlichen Zusammenbruch nicht verhindern kann, daß die Ernährungsgrundlage

Deutschlands – durch die Unterstellung der deutschen Ostprovinzen und Kornkammern unter polnische Verwaltung ohnehin strukturell schwer getroffen – sich angesichts der hermetischen Abgeschlossenheit der Besatzungszonen geradezu ins Nichts verflüchtigt. Dies ist die Sprache der Erfahrungen. Sie waren leicht vorauszusehen. Auf jeden Fall liegen sie vor. Und Bevin und Byrnes haben nun in Paris die Schlußfolgerungen daraus gezogen. Beide verlangten die Verwirklichung der in Potsdam vereinbarten Wirtschaftseinheit Deutschlands. "Ich bin nicht im Begriff, mir Dollars zu borgen", so bemerkte Bevin unter Anspielung auf die amerikanische Anleihe, "lediglich um der Unmöglichkeit willen, zu einer Einigung zu kommen, die den britischen Steuerzahler entlastet. Wir werden dazu genötigt sein, der Industrie der britischen Zone wieder das Niveau zu geben, das es der Zone erlaubt, sich selbst zu versorgen."

Nicht minder kategorisch drückte sich Byrnes aus. "Wir können nicht dabei bleiben, Deutschland als vier luftdicht voneinander abgeschlossene Abteile zu verwalten und den Austausch von Gütern. Nachrichten und sogar von Ideen zu verhindern. Die Fortsetzung des gegenwärtigen Zustandes würde in Inflation und wirtschaftlicher Lähmung enden. Die Vereinigten Staaten sind nicht gewillt, die Verantwortung für die Fortdauer solcher Zustände mitzutragen." Auch Byrnes erklärte die amerikanische Bereitschaft, mit jeweils ein oder zwei anderen Zonen wenigstens eine Teileinheit mit der amerikanischen Besatzungszone zu bilden, falls die Gesamtherstellung der deutschen Wirtschaftseinheit nicht zu erreichen sei.

Hier nun setzte das Erstaunliche und Unvorhergesehene ein. Molotow, eben noch Anwalt der deutschen Reichseinheit, lehnte die Beseitigung der Zonengrenzen ab. In dieser Haltung scheint uns ein innerer Widerspruch vorzuliegen Sollte es der seit den Urtagen der Menschheit bekannte Widerspruch zwischen Theorie und Praxis sein? Welche Beweggründe veranlassen ein und denselben Mann, der soeben noch die Gesichtspunkte einer gesunden deutschen Volkswirtschaft im europäischen System so einleuchtend vertreten hat, ja, der auch den Gedanken der Wirtschaftseinheit nachdrücklich bejaht hat, der ersten Anwendung dieses Grundsatzes im Abbau der Zonengrenzen seine Zustimmung zu versagen? Er kennt so gut wie irgendein anderer der Staatsmänner die Entwicklung zum Chaos, zu der eine Fortsetzung des bisherigen Zustandes neigt. Er weiß auch, daß gerade sein Land dem Vorwurf ausgesetzt sein wird, dieses Chaos stillschweigend gefördert zu haben, indem es sich, seiner Verhinderung widersetzte. Er hat seine Unterschrift unter das Potsdamer Dokument aufrechterhalten, aber er sieht offenbar, daß man, kaum bei der Verwirklichung des Unterschriebenen angekommen, schon ganz Verschiedenes unterschrieben zu haben scheint. So geht der Kampf um die Auslegung von Potsdam. Wie schon im italienischen Falle, so sind auch hier die Reparationen der Stein des Anstoßes. Molotow fordert 10 Milliarden Dollar. Schon ist die Unklarheit da. Sowohl was die Summe, als auch was die Aufbringung angeht. Molotow betrachtet die 10 Milliarden als vereinbart. Bevin und Byrnes versichern, davon könne keine Rede sein. Zwar sei diese Zahl in Jalta einmal genannt worden. Schon in Potsdam jedoch sei niemals etwas Derartiges zugesichert worden, da alle Teile sich darüber klar gewesen seien, daß Deutschland Leistungen in dieser Höhe gar nicht aufbringen könne. Diese Aufbringung nun schafft das zweite Streitobjekt. Die Amerikaner und die Engländer sind der Ansicht, die Sowjetunion verstoße gegen die Potsdamer Abmachungen, indem sie fortgesetzt aus der laufenden Produktion der sowjetischen Zone Reparationen nach Rußland abführe. In Potsdam sei vorgesehen worden – und der neue Bevin-Plan arbeitet diesen Gesichtspunkt wieder klar heraus –, daß Überschüsse der einen Zone zum Ausgleich des Defizits der anderen Zone verwandt werden sollten. Erst nach Ausgleich dieses Mangels der Zonen untereinander sollen Überschüsse zu Reparationszwecken benutzt werden, und auch nur dann, wenn kein Defizit der Zahlungsbilanz besteht. Andernfalls muß auch hier der Überschuß zur Deckung des Zahlungsdefizits verwandt werden. Die Entnahme so erheblicher Sachlieferungen aus der sowjetischen Besatzungszone sei ein Bruch dieses Prinzips.

Weder in der Reparationsfrage, noch in der Behandlung der Zonengrenzen war eine Einigung, ja, auch nur eine Annäherung zu erzielen. Der duldende Dritte bleibt das deutsche Volk, das, seit über einem Jahre unterernährt und in Ungewißheit über sein Schicksal, nun auch diese weitere Chance für eine Lösung seiner dringendsten Nöte im blauen Dunst ferner Konferenzen verschwinden sieht. Es hört von allen Seiten Versicherungen hilfsbereiter Behandlung, Proklamationen wirtschaftlicher Notwendigkeiten und pädagogischer Zielsetzungen, denn, so hat Bevin gerade jetzt in Paris es ausgedrückt: "Die Tatsache, daß der von den Deutschen verehrte Hitler geschlagen wurde, mag das deutsche Volk zur Zeit demokratisch gemacht haben, aber wir wollen diese Bekehrung zu einer dauernden machen." Dieses Programm hat zur Voraussetzung, daß die Demokratie und die demokratischen Staaten im Bewußtsein des deutschen Volkes einen Kredit besitzen, von dem viele aufrichtige Beobachter befürchten, daß er schon in einem Jahr Waffenruhe verwirtschaftet worden ist.