Hochschulfragen auf der Göttinger Tagung

Wer nach Göttingen kam, fand Hitze, Arbeit, wenig Zeit. Und dennoch, welch ein Unterschied für uns großstadtverstaubte Studenten. Man hetzt nicht, man schreitet; man schlingt nicht das Essen, man speist; nicht die Politik durchwirbelt die Stadt, sondern ruhig stehen am Rande des Weges die Großen der deutschen Wissenschaft und mahnen. Es gäbe der Beispiele mehr.

Erster Studententag der britischen Zone. Delegierte aller Hochschulen der britischen Zone. Als Gäste viele Vertreter der Militärregierungen, Kommilitonen des Auslandes (Schweden, Schweiz) und der anderen Zonen. Erfahrungsaustausch und Erarbeitung konkreter Anträge und Vorschläge für die Militärregierung und die deutschen Verwaltungsstellen in allen Fragen des Universitätswesens und des studentischen Lebens (von dem Antrag auf halbjährigen Aufbaudienst als Voraussetzung zum Studium bis zur Stromzuteilung für nachtarbeitende Studenten).

Welche Bedeutung hatte diese Tagung für unsere heutige Zeit und für uns Studenten? – Man fragt heute überall: Inwieweit kann von der heutigen studentischen Jugend, die unter dem Nationalsozialismus aufgewachsen ist, eine Gesundung des deutschen geistigen und politischen Lebens ausgehen? Ist sie jung und gesund genug dazu? Wie wird sie beginnen?

Es ist in aller Öffentlichkeit viel dazu beigetragen worden, gewisse Zweifel aufkommen zu lassen. Diese Tagung aber gab eine erste Antwort: Die Studenten nahmen scharf gegen manche Art der Behandlung studentischer Fragen in der Öffentlichkeit Stellung. Wenn zum Beispiel noch vor drei Wochen im Hinblick auf angebliche Erlanger Vorfälle, die bereits Monate vorher von Pastor Niemöller selbst klargestellt worden waren, von einer "verlotterten Studentenjugend auf der Universität Erlangen" gesprochen wurde, können die Studenten darin nur unverantwortliche Verleumdung sehen, die sie zurückweisen. Die Studenten bitten um sachliche und objektive Behandlung studentischer Fragen.

In offener Auseinandersetzung betonen die Studenten, daß sie keinerlei Unterschiede innerhalb der Jugend etwa im Sinne einer Trennung von Arbeiter- und akademischer Jugend sehen und empfinden. Sehr überzeugend wird herausgestellt, daß alle Jugend, gleich ob als Arbeiter oder Student, zur arbeitenden Jugend gehöre und derartige Betonungen Trennungen vornehmen, die nicht mehr vorhanden sind.

Besonders lebhaft waren alle Diskussionen, die das Verhältnis Universität und Parteipolitik berührten. Die Studenten wandten sich dabei entschieden dagegen, daß Parteipolitik in irgendeiner Form Einfluß auf die Universität nehmen könne. Die wissenschaftliche Forschung und Lehre müsse unabhängig von parteipolitischen Strömungen bleiben, erklärten die Studenten, die daher die Bestrebungen der Universitäten nach einer Erweiterung der Selbstverwaltung unterstützen wollen. Dagegen sollte gerade aus der Universität auf Grund des besseren Wissens und besonderen Verpflichtetseins eher ein Einfluß auf das öffentlliche Leben ausgeübt werden, als daß es etwa umgekehrt der Fall sei