An der großen Ausfallstraße, die durch die schwer zerstörte Vorstadt Rothenburgsort JaieMarsch- und Vierlande, liegt, fast schon am Stadtrand, eine kleine Bretterbude, die Notunterkunft eines ausgebombten Geschäfts, das, wie das schön gemalte Ladenschild besagt, "Obst und Gemüse" zu verkaufen hat. An der Tafel neben dem Eingang steht mit Kreide angeschrieben: "Heute Sauerkraut — Trockengemüse!" So zu lesen im Juli 1946, unmittelbar vor der Einfahrt ins reiche Gemüseanbaugebiet der Vierlande . Der ganze Jammer der ungenügenden Versorgung der Städte, speziell Hamburgs, mit Frischgemüse (und Obst) wird hier angesichts der unscheinbaren Tafel klar. Dazu paßt ausgezeichnet die Tatsache, daß heute noch, im Juli, in Hamburger Gaststätten — als Gemüse "Ersatz" — Kohlrübenmus gereicht wird, während doch ein alter pommerscher Erfahrungssatz lautet, daß der Landwirt, bei dem die Kohlrüben nicht bis zum 15. Februar reichen, schlecht gewirtschaftet hat und daß der Landwirt, der nach dem 1. März immer noch Kohlrüben verfüttert, seine Kühe und sich selbst betrügt: weil mit dem "beginnenden Frühjahr die Kohlrübe nur noch Zellstoff und Wasser, praktisch aber keine Nährstoffe mehr enthält.

Warum sind die Städte so schlecht versorgt? Sicherlich nicht deshalb, weil — wie es bösartige, sich hartnäckig am Leben erhaltende Gerüchte wissen wollen — Feingemüse und Frühobst "mit Flugzeugen" ( ) nach England geschafft werden. Man kann auch den Versicherungen der mit der Marktordnung betrauten Stellen und der Vertreter des Groß- und Einzelhandels Glauben schenken, wonach die Erfassung und Verteilung im großen nd ganzen klappt, d h also keine nennenswerten Möglichkeiten zur Alimentierung "schwarzer" Geschäfte offenläßt (Freilich könnte vielleicht die relativ reichliche Belieferung reia ländlicher Gebiete mit Frischgemüse zugunsten der geschlossenen städtischen Verbrauchergebiete noch eingeschränkt werden; es ist ein Unding, daß z. B ein Bauer, der einen großen — wenn auch vernachlässigten — Gemüsegarten am Haus hat und obendrein noch Feldgemüsebau betreibt, reichlich Frischgemüse beim Händler zu kaufen bekommt?) Entscheidend ist also das Mißverhältnis zwischen dem stark angestiegenen Bedarf und der — trotz größerer Anbauflächen — nicht annähernd gestiegenen Erzeugung. Auf der Produktionsseite macht sich dabei vor allem geltend, daß auswärtige Zufuhren, die früher eine bedeutende Rolle gespielt haben, jetzt ausfallen. So fehlt für den Hamburger Markt das Gemüse aus Holland und Italien; es fehlen die Zufuhren aus Mecklenburg, Hannover und dem Rheinland, die in den letzten Jahren etwa zwei Dritte! des Bedarfs ausmachten.

Von dem Drittel, das ehemals aus dem "natürlichen Einzugsgebiet" von Hamburg (also aus den Vierlanden und den holsteinischen Gemfiseanbaugebieten) hereinkam, steht heute wiederum nur ein Teil — knapp die Hälfte — zur Verfügung. Das Absinken der Erateerträge hat mancherlei Ursachen: der Mangel an Natur- und Kunstdünger (früher kamen ganze Züge mit Mist aus Mecklenburg in die Anbaugebiete ) ist entscheidend; es fehlt noch an Glas und Kohle für die Frühkulturen es fehlen Mittel zur Schädlingsbekämpfung; der Sortenabbau macht sich geltend; es fehlt sogar an Arbeitskräften. Ein Teil des Bodens, der früher doppelte und dreifache Ernten an hochwertigem Gemüse brachte, trägt heute Kartoffeln für den eigenen Bedarf der Gemüsebauern, die, mangelhaft versorgt durch Zuweisungen, jetzt zunächst für sich nd ihre Arbeiter sorgen müssen. Schließlich hat der Erwerbsgartenbau, aastatt für eigene Rechnung zu arbeiten, in großem Utfrfaag sites Jahr Gemüsefungpflanzen für die Schrebergärtner gezogen; also auch deshalb eine geringere Produktion an marki?Den verringerten Erträgen steht ein achtfach gestiegener Bedarf gegenüber: die Zahl der von Hamburg aus zu versorgenden Verbraucher hat sich (einschließlich Schleswig Holstein und Teile des Bezirks Stade) auf 4 5 Millionen Menschen erhöht, d h gegen die Vorkriegszeit etwa verdoppelt. Entscheidend aber ist, daß Gemüse nicht mehr "Zukost", sondern heute Hauptnahrungsmittel ist. Ferner wird die Versorgungsbilanz darch das politische Faktum erschwert, daß — während Hunderttausende von Flüchtlingen aus dem Gebiet jenseits der Oder Neiße Linie hereinkommen und dort die Gärten und Felder brachliegen — hier noch 80 000 "displaced persons" (Polen) mit dreifachen Gemüserationeu zu versorgen sind.

Es ist also kein Wunder, wenn die Zuteilungen jämmerlich gering sind und wenn mitten in der Erntezeit noch Sauerkraut, Trockengemüse und Kohlrüben dominieren. Deshalb ist es auch eine Milchmädchenrechnung, wenn der Handel mit der Angabe operiert, daß die Zuweisunges je Kopf für 1946 bisher 10 Pfund Gemüse betragen haben (gegenüber einem "Soll" von 150 Pfund fürs ganze Jahr) — weil nämlich in dieser Menge schon allein 3 Pfund Steckrüben enthalten sind (die als "Kartoffelersatz" eigentlich in die Kartoffelbilanz gehören) und 3% Pfund Kohl alter Ernte. Gewiß muß alles getan werden, um das Wenige, was erzeugt wird, ordnungsgemäß den "Nur Verbrauchern" zuzuleiten. Deshalb ist es auch richtig, daß umfangreiche Produktionsgebiete zu "Sperrgebieten" erklärt and vor Hamsterfahrern geschützt werden durch Einsatz von Polizeikräften, die freilich ("junge Menschen mit großem Hunger", sagte ein Vertreter des Handels kürzlich gelegentlich einer Pressebesprechung) nicht sonderlich zuverlässig sind und manchmal auch gewissen Versuchungen erliegen . Sinnvoll ist auch, daß durch Kontrollen und Verbesserungen in der Organisation dafür gesorgt wird, daß die Verteilung auf die einzelnen Ladengeschäfte und durch diese an die Verbraucher so gut und schnell (und möglichst, bitte, ohne "Schlangen "!) erfolgt, wie es nur möglidi erscheint; sicherlich bleibt gerade hier noch mancherlei zu tun. Aber das Entscheidende ist doch, daß man nun endlich darangeht, die Erzeugung zu intensivieren und — neben dem Anbau in den Schrebergärten — den gewerbsmäßigen Gemüseanbau auszudehnen.

Die Intensivierung ist in erster Linie eine Düngerfrage; charakteristisch ist, daß eine Fuhre Mist, "schwarz" gekauft, auf 500 Mark zu stehen kommt. In zweiter Linie handelt es sich m Kohle und Glas, um die wertvollen Böden möglichst friflt nutzen, also drei anstatt nur zwei Ernten auf ihnen einbringen zu können; schließlich ist wichtig, die hochintensiven Betriebe durch Herausnahme relativ extensiver Kulturen — wie Spätkartoffeln für den eigenen Bedarf — und durch Verfüglidhmachen von Arbeitskräften auf volle Touren zu bringen. Wie die Erweiterung der Anbauflächen möglich ist, das sei wiederum am Beispiel der Marsch- nd Vierlande gezeigt. Der erste Eindruck, daß diei durch typische "Gartenböden" (und durch klimatische Bedingungen — auch durch natürliche Bodenfeuchtigkeit) so überaus begünstigte Gebiet "erfüllt" von gärtnerischen Betneben sei, täuscht nämlich. Nur ein breiter "Randstreifen" liegt in intensivster gärtnerischer Kultur, mit 2500 von insgesamt 10000 Hektar. Das übrige Gebiet wird von bäuerlichen Wirtschaften eingenommen; neben einer nicht besonders intensiven Weidewirtschaft findet sich dort eine mittlere bis gute, aber nirgends überragende Ackerwirtschaft. Ergebnis: Während der gärtnerische Betrieb (je ha") Raftei träge von 20000 bis 30000 RM aufweist, bringt es — auf denselben Böden — der benachbarte bäuerliche Betrieb nur auf einen Rohertrag von 400 bis 600 RM. Es wird also im gärtnerischen Betrieb rund das Fünfzigfadbe der Werte erzeugt, di<5 der bäuerliche Betrieb schafft , Man sollte meinen, daß es angesichts dieser Zahlen nur die eine Konsequenz geben müßte: nämlich daß möglichst bald die Umwandlung eines möglichst großen Teiles des hier liegenden bäuerlichen Landes in die bewährte Form der gärtnerischen Nutzung zu erfolgen hat. Fehlinvestitionen iind um so weniger zu befürchten, als ja, wenn erst einmal Gemüse im Überiuß erzeugt wird (oder importiert werden kann), hier in den Vierlanden die Rückkehr zur traditionellen Blumengärtnerei — die dann ja auch wieder lohnend sein kann — gegeben ist. Und wenn auch für eine Anlaufzeit der im gärtnerischen Gemüsebau genutzte Boden nicht das Fünfzigfache, sondern nur das Fünffache der heutigen Produktionsleistung, dem Geld Roherträge nach, erbringt, so wäre die Umstellung trotzdem geboten, damit die Gemüseproduktion allmählich dem so erheblich gestiegenen Bedarf angepaßt wird und damit wir es unseren Frauen in einigen Jahren ersparen können, mitten in der Zeit der Gemüseernte noch nach Trockengemüse und Sauerkraut anstehen zu müssen . Erwin Topf