Die Bevölkemng der britischen Besatzungszone ist m der Fettzuteilung auf die Hälfte des bisherigen Satzes beschränkt worden, der uns als solcher schon unzureichend vorkam. Wie Staatsminister Hynd, der- Leiter des englischen Kontrollamtes für Deutschland und Österreich, bei seinem Aufenthalt in Hamburg feststellte, besteht zur Zeit nur wenig Hoffnung, daß die Fettrationen wieder erhöht werden, weil die iettkge auf dem Weltmarkt besonders schlecht ist.

Furchtbar lastet auf dem deutschen Volk die Tatsache, daß es in, seiner Lebensmittelversorgung nicht mehr "unabhängig ist, weil die wesentlichen landwirtschaftlichen Gebiete von Deutschland abgetrennt sind und nun zu einem großen Teile brachliegen, brach in einer Zeit, da die ganze Welt vom Hunger bedroht ist Nur das Ausland kann helfen, und auch da ist es nicht der deutsche Kaufmann, der hinausziehen kann, um das Unmögliche möglich zu machen, wie er es in früheren Zeiten immer und immer wieder getan hat. Von Staats wegen müssen wir zugeteilt bekommen, was wir brauchen, um, wenn auch unter den schwierigsten Umständen, nur leben zu können, und diese Zuteilung wird von einem fremden Steuerzahler getragen, der keine —Verpflichtung "anzuerkennen braucht. In früheren Zeiten hat die Welt aus ihrem Überflusse abgegeben. Es gab Zeiten, da sich die Scheuern boge>, vom goldenen Reichtum der Felder, da Weizen und Mais verbrannt werden mußten, weil die Menschen nicht wußten, wohin mit den Gaben der Natur. Wie ist es nun gekommen, daß ein volles Jahr nach Beendigung der Kampfhandlungen eine derartige Knappheit in allen Ländern herrscht? Liegt es nur an der geschrumpften Erzeugung und hat die Verteilung keinen Einfluß auf die ungunstige Entwicklung? Einige Zahlen sind notwendig.

Es wird errechnet, daß im kommenden Jahre der Menschheit rund 15 v. H weniger Getreide als Nahrungsdecke dienen wird als im normalen Friedensjahr.

Ein Sechstel ist ein empfindlicher Einschnitt, wenn er vorgenommen werden muß. Erinnern wir uns jedoch daran, daß m den nebelhaften Zeiten der Vergangenheit die durchschnittliche Ernährung in Deutschland auf über 3000 Kalorien Jag, und daß damals durch sorgfältigere Einteilung und durch bessere Ausnutzung des Bodens leicht ein Zehntel der verzehrten Nahrungsmittel hatte em, gespart werden können, dann erschiene einer hungernden, mit den Kräften sich dem Ende nähernden ein Sechstel, sondern auf ein Drittel gekürzt worden, und selbst dieses Drittel steht uns nicht in hochwertigen Eiweißerzeugnissen, sondern m pflanzlichen Nahrungsmitteln zur Verfügung. Wenn alle Völker eine Einschränkung um ein Zehntel vornehmen würden, also um einen Hundertsatz, den in den Zeiten der Überfülle die Arzte als nicht nur unschädlich, sondern aus medizinischen Gründen als vielfach heilsam, ja dringend erforderlich hinstellten, dann könnte der Rest, des Fehlbetrages leicht durch größere Sorgfalt, durch geringere Schäden und bessere Verwertung wieder aufgeholt werden. Um dieses Zehntel, das den schlimmsten Hünger brechen würde, geht es im Augenblick. Aus der Entwicklung der Nahrungsmittelversorgung in Deutschland entnehmen wir, daß dieses Zehntel nicht eingespart werden kann. Alle Völker sind vom festen Willen erfüllt, die schlimmsten Auswirkungen einer Hungersnot abzuwenden, die Seuchen, dunkle Leidenschaften und Verzweiflung nicht nur in dem betroffenen Gebiet, sondern mit unerbittlicher Konsequenz auch in den Nachbarländern hervorrufen würden. In England ist zum ersten Male die Brotrationierung eingeführt, auf die selbst in den härtesten Kriegszeiten nicht zurückgegriffen worden ist, und dennoch gelingt es nicht, die fehlenden 10 v. H, wohlgemerkt nicht vom Stand des Krieges mit reinen" verschiedenen Einschränkungen, sondern des Friedens mit seiner scnemDäfen Überfülle einzusparen. Wir dürfen nicht immer von den Spitzenbeträgen ausgehen, sonst kommen wir zu falschen ErgeV lissen fe gal vor dem Kriege große, weite Gebiete, deren Bevölkerung inmitten einer überquellenden Fülle so eingeschränfe gelebt hat, daß eine- weitere Minderung ihrer Ernährung technisch nicht möglich, war, ohne schwere Hungersnöte auszulösen. In China sahen sich Hunderte von Millionen Menschen einer sozialen Not gegenüber, die verhinderte, daß sie mehr als die unbedingt not" wendigen Lebensmittel verzehrten. In Indien gingen selbst in den Jahren des Friedens Erscheinungen des Mangels, ja des Hungers durch das Land, so daß die Rechnung, nun 10 v. H einzusparen, falsch sein würde. Schließlich stellen diese beiden riesigen Gebiete mit rund 900 Millionen Einwohnern einen so hohen Anteil der gesamten Erdbevölkefung dar, daß wir an dieser Tatsache nicht vorbeigehen dürfen.

s scheint jedoch, als käme der Mangel, der uns heute bedrückt, nicht sosehr aus den armen, sondern aus den reichen Ländern. In ihnen hat sich ein Wandel vollzogen, der durch theoretische Betrachtungen vom rechnerischen Zehntel nicht umrissen werden kann. Auch in den reichsten Ländern gab es breite Verbraucherschichten, die nicht im Überflusse, sondern im Mangel lebten, und aus diesen haben sich viele während des Krieges durch höhere Löhne und verlängerte Arbeitszeit in die Schichten derjenigen emporarbeiten können, die an einem größeren Konsum teilhaben. Der Volkswirtschaftler stellt das an Hand der veränderten Lebensweise der Verschiebung des Anteils der ein zelnen Nahrungsmittel am Gesamtverbrauch fest. Wenn ein Volk reicher wird, dann geht sein Brotverbrauch zurück, aber nur, um dem erhöhten Verzehr von Fleisch, Eiern und Fett Platz zu i machen. Vor dem Kriege erschienen vergleichende Betrachtangen über die ostasiatische und westeuropäische Lebensweise. Dem westlichen Fleischi Standard wurde der östliche Reisstandard gegenübergestellt, um zu erklären, wieso auf engem Räume mit geringen Kosten und teilweise niedrigen Löhnen die Bevölkerung erhalten werden 1konnte. Auch die Konkurrenzfähigkeit etwa der japanischen Ausfuhrindustrie wurde damit begründet. Wir können feststellen, daß große Teile der Weltbevölkerung während des Krieges in einem Maße zum Fleischstandard übergegangen sind, der alle früheren Berechnungen umstürzt.

Es ist nicht zu erwarten, daß ein Mensch, mag er noch so reich werden, viel mehr Brot verzehrt, als einem normalen Durchschnittsverbrauch entspricht, wohl wird er jedoch seinen Verzehr an Fleisch und Eiern sehr steigern können, bevor ein unbedingter Sättigungsgrad erreicht wird. So sehen wir, wie etwa in den Vereinigten Staaten von Nordamerika der Verbrauch von Fleisch und Eiern während der Kriegszeiten gestiegen ist. Gewiß waren die Einschränkungen der Rationierung teilweise sehr bedeutend, aber hauptsächlich deswegen, weil trotz eines ständig steigenden Viehbestandes der Fleischanfall den gesteigerten Bedürfnissen nicht länger gerecht werden konnte. Der "schwarze Markt", über den vorübergehend mehr Fleisch lief als über den offenen und staatlich beaufsichtigten Markt, zog den Überschuß an sich und verteilte ihn auf die Verbraucher.

Wir brauchen uns nur zu überlegen, wieviel Getreide an Vieh und Hühner verfüttert werden mußte, um den größeren Eier- und Fleischbedarf zu befriedigen, damit "Wir erkennen, warum die großen Überschüsse trotz unbestreitbarer Rekordernten dahinschmplzen und im Falle einer Mißernte nicht mehr zum Ausgleich zur Verfügung standen. Die britische Presse hat ausgerechnet, daß bei einem Normalverbrauch von Fleisch und Eiern in Nordamerika die gesamte Welternährungslage wesentlich anders aussehen würde. Es handelt sich nicht um die 3300 Kalorien, die heute noch der Nordamerikaner im Durchschnitt täglich verzehrt, sondern um die Zusammensetzung dieser Kalorien, die es mit sich bringt, daß er Getreidemengen in Form von Eiweiöerzeugnisgen zu sicfi nimmt, die einem Mehrfachen der angegebenen Kalorienmenge gleichkommen.