Nicht nur die deutschen Studenten, auch die in England haben ihre Sorgen. Deshalb wird in England ein Bericht des staatlichen Komitees über Maßnahmen zur Vermehrung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Stipendienplan des Erziehimgsministeriums interessiert aufgenommen. 1s ist fast wie mit der Entnazifizierung bei uns: einigen gehen die vorgeschlagenen Maßnahmen zu weit, ändern sind säe zu flau. Dazu kommt, daß sich nicht nur die Gedanken, sondern auch die Tatsachen hart im Räume der Britischen Inseln stoßen: es gibt einen Mangel an Nachwuchs in der Wissenschaft, und doch können Tausende nicht zum Studium kommen, weil die Lehrkräfte fehlen und die vorhandenen Assistenten in der Wehrmacht sind oder wegen der höheren Bezahlung in andere Berufe der Wirtschaft gehen.

Nach dem Bericht eines Komitees für "Maßnahmen zur Ausnutzung und Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeitskraft für die nächsten, zehn jähre" werden in England 1950 zehntausend Wissenschaftler für Lehre und Forschung fehlen. Das erwähnte Weißbuch sieht nun vor, daß die Zahl der mit einem Staatsexamen abgehenden Wissenschaftler jährlich von 2500 auf mindestens 5000 gesteigert werden muß und daß dies einen Ausbau und eine Neuerrichtung von Universitäten Jaedjngftr , ", —., durdi schnellere Demobilisierung von Wissenschaftlern behoben werden. Der so nötige Ausbau der technischen Colleges (räumlich und studienmcßig) wird unterstützt, aber die Gefahr der Überbewertung der Technik, wie sie bei uns in vergangener Zeit sogar vom Staat unterstützt wurde; soll in England durch die Gleichstellung der Studierenden der feinen Forschungsfächer und der "freien Künste" im Sinne der Universitas des Mittelalters bei Entlassung und Freistellung vom Wehrdienst ausgeschaltet werden. Durch den Wehrdienst auch im Frieden wird das Alter der Studierenden stark ansteigen und damit auch die Lehrmethode sieb ändern müssen. Obwohl nun also die Notwendigkeit der Vergrößerung des wissenschaftlichen Nachwuchses amtlich begründet wurde, ist es in England fast ebenso schwer, sich immatrikulieren zu lassen wie in Deutschland. 90 v. H der neuen Studenten sind aus dem Wehrdienst Entlassene Wie in den kriegsbetroffenen Ländern überall ist der Studienbeginn für fünf bis sieben Jahrgänge nun auf dieses Jahr komprimiert, und die Freiheit der britischen Universitäten hat es zu einer Unzahl von Ausleseprüfungen gebracht, die auch auf der Insel drüben nichts von ihrer Ungerechtigkeit gegenüber dem Schulwissen lange entfremdeten Menschen eingebüßt haben. Das im Dienst und oft in Übersee erwoibene Wissen und die Reife zum Urteil stehen zu oft hinter gutem Sdnilwissen zurück.

Als Ausweg für die zurückgestellten Kriegsteilnehmer soll eine Zusatzuniversität in London gesdiafien werdenin der die Lehrkörper der in und um London liegenden Colleges geistige "Zusatzschichten" ableisten sollen, wogegen sich diese wegen der dadurch notwendigen Verrichtleistung auf wissenschaftliche Forschung weinen. Nach dem neuen Stipendienplan des Erziehungsministers wird jeder Student, der durch seine Leistung in einer Prüfung ein Stipendium erlangt hat, vom Staat die ihm noch fehlenden Zuschüsse erhalten, "die für Lebensunterhalt und Gebühren notwendig sind. Wie auch die Reifeprüfungen der Schulen verschiedenen Wert haben, so sind auch die Examina der Universitäten von verschiedenem Wert und verschiedener Bewertung, und die übergroße Anziehungskraft einiger berühmter Universitäten — aatfirlicb sind Oxford tffld Cambridge darunter — gibt AnlaB s Vorschlägen, die zum Teil aber auch den Pferdefuß einer Parteianimosität Beigen. Die entgegengesetzte Kreise dagegen warnen vor einem "Sozialisieruagsrausdi". Von Interesse ist ein Bericht von dem Stand der Dinge in Oxford und Cambridge, die zwar erst zwei Drittel der Vorkriegshörerschaft zählen, aber schon Anmeldungen von sieben bis acht Bewerbern auf jederi Platz des Wintersemesters haben. Das Durchschnittsalter beträgt 22 bis 23 lahre gegen 19 vor dem letzten Krieg. Eine auffällige Zunahme wiesen die HörerzaWen in Philosophie, Politik und Wirtschaft auf. Wolf W. Rautenberg