Für die Durchführung des auf 6 15 Mrd. Dollar bezifferten Monnet Planes zum Wiederaufbau der französischen Wirtschaft haben die USA statt 2 2 Mrd an neuem Geld nur 650 Millionen zur Verfügung gestellt. Wenn die aus "anderen Quellen erwarteten sonstigen Ausländsanleihen den erhofften Betrag bringen, dann ständen 5 Mrd bereit, davon 3 Mrd aus französischen Quellen. Aus finanziellen Gründen brauchten also in der Durchführung des an Colbert erinnernden genialen Monnetplanes keine Verzögerungen mehr einzutreten. Dieser Plan sieht unter anderem vor: Erhöhung der Kohlenförderung um 40 v. H, der Produktion an Nichteisenmetallen und Maschinen um 60 v. H, der Elektrizitätswirtschaft und Stahlindustrie um nahezu 100 v. H. Schon 1950 soll die Erzeugung 50 v. H über der von 1938, d h. 25 v. H über der von 1929 liegen.

Die bisherigen Verzögerungen wie auch das Zurückbleiben beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Frankreichs werden von französischer Seite vor allem mit dem Mangel an Rohstoffen und Maschinen erklärt. Dies trifft weitgehend zu, denn das reiche Frankreich ist an Rohstoffen und Maschinen arm. An wichtigen Rohstoffvorkommen sind nur Eisenerze, Bauxit und Kali zu nennen; die Kohlenförderung deckt zwei Drittel des Bedarfes, fast völlig fehlen u a. Erdöl, Buntmetalle, Textilrohstoffe, technische öle und Fette. Noch empfindlicher ist der Mangel an Maschinen und Werkzeugen.

Bei der geringen Bedeutung der modernen auf Massenabsatz eingestellten Großbetriebe war der Maschinenbedarf Frankreichs bisher gering. Frankreich stand unter den westeuropäischen Ländern im Maschinenverbrauch je Kopf der Bevölkerung an letzter Stelle, so daß die Herstellung vieler wnd wichtiger Maschinen sich kaum lohnte, die Einfuhr praktischer erschien. Seit 1930 wurde wegen der andauernden Krise der Neubedarf fast völlig zurückgestellt, so daß viel nächgeholt werden muß, enn Frankreich in der technischen Ausstattung seiner Betriebe "vorne" liegen will. Dasselbe gilt für die Ausrüstung der Landwirtschaft. Für sie macht sich außerdem empfindlich bemerkbar, daß während des Krieges nicht genügend Düngemittel zur Verfügung standen. So erklärt es sich, daß Frankreich gemäß der Hooverschen Bilanz für 194546 einen Weizeneinfahrbedarf von 1 75 Mill. Tonnen hatte, während es mit Recht als ein klassisches Weizenland gilt, wegen seines schönen weißen Weizenbrotes oft beneidet wurde und vor dem Kriege ein Weizenüberidraß bis so 2 Mill t nur schwer abzuietzen war.

Frankreidis Industrie und Landwirtschaft braudien also Werkzeugmaschinen, andere Maschinen, Geräte, Rohstoffe und Materialien aller Alt. Dies Güter können fast nur auf dem Weltmarkt bezogen werden, falls sie dort angeboten werden, was für Rohstoffe wahrscheinlich, für Maschinen aber weniger wahrscheinlich ist. Die zur Bezahlung der Einfuhr notwendigen Devisen hat Frankreich teils selbst und beschafft es sich zum Teil durch Auslandsanleihen "Wenn nach Einsatz der Rohstoffe und Maschinen die Wirtschaft angekurbelt und das Schwergewicht auf die Ausfuhreweige gelegt wird, dann müßte Frankreich bald wieder in der Lage sein, die Einfuhr von Rohstoffen und Maschinen wie vor dem Kriege durch Ausfuhr zu Plan über l Mrd. Dollar hinausgehen sollte, dann würde dies wohl Abstridie rechtfertigen, aber kaum weitere Verzögerung. Doch das Anrollende§ Monnet Plans stößt vorläufig noch auf erheblich . Schwierigkeiten., i In den Debatten über die Verzögerungen beim Monnet Plan wird immer wieder auf das fehlen voi Rohstoffen und Maschinen hingewiesen, aber kaum auf das zumindest ebenso wichtige Problem dei Arbeitskräfte. Der Mangel an Leuten ist nämlicl ein entscheidender Grund, warum Frankreichs Wirtschaft an dem Aufschwang des 19. Jahrhundeits nicht denselben Anteil hatte wie die der anderen kapitalistischen Länder, Dies macht jsich auch letzt hemmend bemerkbar; denn bei einer Bevölkerungsdichte von nur 74 j£ qkm gegen 119 im gesamten industriellen Europa ist das Land zu dünn besiedelt, als daß es" intensiv erschlossen werden konste. In mancher Hinsieht "vfar Frankreich nach" diesem Kriege güistiger gestellt als andere Länder; so waren die Kriegsverlaste gering, kehrten die Kriegsgefangenen und die ia Deutschland eingesetzt Gewesenen selr bald zurück, auch wurden zusätzlich deutsche Kriegsgefangene beschäftigt. Allerdings ist der Einsatz an Fremdarbeitern, insbesondere Italienern und Polen, geringer als vor dem Kriege. Das Moment des Kräftemangels ist also keineswegs stärker ausgeprägt als vor dem Kriege, eher kann man sagen, daß Frankreich im Vergleich zur Vorkriegszeit und zu anderen Ländern günstig gestellt ist. Schwerer wiegt ein gewisser Mangel an Aktivität. Der Rückgang der Geburten hat schon seit langem zu einem Nachlassen des wirtschaftlichen Tätigketsdranges geführt Weil der 2 oder S Sohn, die sie aus dem Nichts heraus ihr Dasein neu aufbauen müssen, fehlen, weil in diesen weiten und reichen Gebieten Platz für alle ist und der Boden alles, was, Menschen wünschen möges, in reicher Fülle bietet, braucht niemand zu drängen oder gar den anderen zu fürchten. Man kann sich frühzeitig nach getaner Arbeit in seine bescheidene Wohnung zurückziehen. Die Franzosen können sich das Leben relativ leicht machen. Sie sind wegen dieser ihrer Lebenskunst, wegen ihres "savoir vivre" oft beneidet worden, aber die Kehrseite ist das Nachlassen der Aktivität. Während der Besatzung hielten sich nun viele Franzosen völlig zurück und beschränkten sich auf ein Anpassen. Man hätte annehmen können, daß nach dem Abzug der deutschen Truppen aktive Kräfte um so stärker in Erscheinung treten würden, was auch auf manchen Gebieten der Fall war, aber am wenigsten auf wirtschaftlichem. Die Franzosen gaben sich zu gern der Hoffnung hin, daß das leichte x Leben wieder beginnen würde, nachdem der Schrecken überstanden und ungefähr alles gerettet war, was man 1939 besessen hatte. Mancher erwartete auch viel vom reichen Amerika. Es kam die bittere Enttäuschung des kalten Winters 194445 ohne Kohle und bei unzulänglicher Verpflegung. Es kam Anfang dieses Jahres die Wiedereinführung der Brotkarte usw. Kriegsgefangene haben im Arbeitseinsatz beobachten können, wieviel zielbewußter und tat kräftiger die Nachkriegsprobleme in Belgien angepackt werden, so daß dort die Mangelerscheinungen früher zurückgingen und die Preise am Schwarzen Markt weit niedriger sind als in Frankreich. Bei dieser Haltung besagt es viel daß Monnet in seinem Plan neben der Prodsiktionserhöhung Verbrauchseinschränkungen vorsehen muß denn nur durch Einsparungen im Verbrauch kann er die für seinen Plan erforderliehen Menschen, Rohstoffe und sonstigen Produktionsmittel freistellen. Das ist eine Binsenwahrheit. Wie schwer sie auf Frankreich lastet, zeigt sich darin, daß die neue Nationalversammlung als erstes wichtiges Problem die Gewerkschaftsforderung einer 25prozentigen Lohnerhöhung z behandeln hat. So berechtigt diese auch ist, so ist sie anderseits für den MonnetPlan eine weit schwerere Belastung als das magere Ergebnis der Amerikaanleihe. Auch viele Führer der Arbeiterbewegung, wie Leon Blum, haben dies offen, ausgesprochen. Zu der Gefahr der Belastung des Monaet Planes tritt die, daß die inflatorischen Kräfte sich voll auswirken können. Investitionen von 6 15 Mrd. Dollar bedingen eben, daß man den Riemen enger schnallt.

Das entscheidende Problem ist das der Menschenführung zur Stärkung der wirtschaftlichen Aktivi tat. Für Frankreichs Wirtschaft gelten die Worte aus Goethes Faust: "Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt, in deinen Lariden tief im Boden harrt, liegt ungenutzt Es fehlten Frankreich in den letzten Jahrzehnten die Kräfte und Geister, die "zum Grenzenlosen grenzenloses Vertrauen fassen". Not tut ein neuer Glaube, eine staatliche Führung, wie sie einst von Colbert vollbracht wurde. Monnefr will Frankreich den Glauben an die wirtschaftliche Zukunft des Landes zurückgeben. Wenn sein Plan durchgeführt wird, würde sein Werk nicht hinter dem von Colbert nachstehen, aber der Start des Planes ist durch Schwierigkeiten, Hemmungen ad Verzögerungen gekennzeichnet. W. Gr.