Werden wir jetzt ein "Zeitalter der Genossenschaften" erleben, im Gegensatz zur Blüte der Aktiengesellschaften und Gesellschaften m b. H, nach dem ersten Weltkrieg? Die Voraussetzungen scheinen gegeben, in wirtschaftlicher wie in politischer Beziehung, Die einschneidende Wandlung der deutschen Wirtschaftsstruktur ist ausgesprochen "genossenachaftsgünstig". Eine starke Schwergewichtsverlagerung zur Landwirtschaft und KoHSumgüterindustrie nicht nur, sondern gleichzeitig auch zu den Klein- und Mittelbetrieben, zu den Bauern und Handwerkern noch im besondere, bringt jene Wfttschaftsglieder in den Vordergrund, die von jeher Hauptträger der solidarischen Selbsthilfe waren. Auf kreditwirtschaftlichem Gebiet tendierten diese Mittelstandskreise ebenso zu den (gewerblichen) Volksbanken der Richtung SchultzfDeiitzsch oder den (landwirtschaftlichen) Raiffeisenkassen, wie die industriellen Konzerne und Großbetriebe in den Aktienbanken, in den Großbanken vor allem ihre wesensverwandten finanziellen Partner fanden. Der genossenschaftliche Zusammenschluß war ferner, dies auch für breite Verbraucherschichten (Konsumgenossenschaften), ein Mittel, in Erzeugung und Handel durch "Addition der Kräfte" eine natürliche betriebswirtscfiaftlicheUnterlegenheit auszugleichen. Genossenschaften können auch den "Kiemen" Vorteile der Kartellierung und Konzemierung oder des monopolistischen Großbetriebs verschaffen, ohne z Gebilden dieser heute verpönten Artung zu werden.

Noch unmittelbarer als hierdurch ergibt sich eine Berührung mit der politischen Sphäre us dem orgaBisäioriscaea ttaos a$t vnsaosgensaicut — si& Ist ihrem Ursprung wie ihrem Wesen nach demokratisier Natur und hat sich daher wohl nicht ganz, Im wenigstens vielleicht im agrarischen Bereich, einer praktischen Einspannung für die (Kriegs ) Ziele der nazistischen Wirtschaftspolitik entziehen können, ist aber einer wirklichen "Gleichschaltung" unzugänglich gewesen. Der Versuch einer Genosseaschaftsrerorm ist im Gegensatz zu der recht schnell erfolgenden Schaffung eines neuen Aktiengesetzes naih jahrelangen Verhandlungen im Krieg versardet. Er scheiterte vor allem, weil sich der entscheidende Umbildungsgedanke, Einführung des sogenannten "Führerprinzips", als unvereinbar mit deo genossenschaftlichen Lebensgesetzen erwies. Man konnte zwar die Konsumvereine, die als Unternehmen der organisierten Arbeiterschaft (und auih als unbequeme Konkurrenten) sich besonderen Ha8 zugezogen hatten, zerschlagen und mit ihrem Vermögen DAF Einrichtungen alimentieren, doch blieben im übrigen die Genossenschaften "rudimentäre" Fremdkörper im Wirtschaftsbau des Zwölfjahre Reiches, Heute sind sie bereitliegende Baustene einer neuen deutschen Wirtschaft. Weil ihre erzieherische Wirkung gewissermaßen als Nebenprodukt einer nüchternen wirtschaftlichen Betätigung sich ergibt und deshalb weitgehend unmerklich bleibt, mag sie kräftiger sein als die prononziertea Schulungsbemühungen politischer Parteien. Dieses ist auch der Punkt, an dem Entwickluagstenienzen in der sowjetischen Zone ansetzen, stäiker wirtschaftspolitisch, ja politisch orientiert als Förderungsmaßpahmen in den westlichen Zonen, die im wesentlichen auf einfache Weiterführong oder Wiederherstellung der alten Organisation gerichtet sind.

h besonderem Maße wird im russischen Besafcungsbereich, unterstützt von den Militärbehörden, ein Neuaufbau der Konsumgenossenschaften betrieben, diese als Klassenkampfinstrumeit der sozialistischen Arbeiterschaft verstanden und mit deutlich expansionistischer Tendenz, selbst gewissem monopolistischem StreBen. Noch fehlt es an zentralen Unternehmen, die früher GEG (Großeinkaufsgenossenschaft Hamburg) und GEPAG (Großeinkaufs- und Produktiv Genossenschaft A. G ) — Großhandelsfunktionen wie auch Produktiorsaufgaben für die konsumgenossenschaftliche Organisation übernahmen. Um so lebhafter ist- der Ausdehnungsdrang mancher Einzelgenossenschaften. Er erstreckt sich nicht allein auf die Zahl der Versehen Fall über 2O0) eine Art von Kettenläden entstehen ließ. Gleichzeitig is| man vielerorts — und das ist grundsätzliches Ziel in die Großhandelssphäre vorgedrungen, hat sich neben Wiedereröffnung von Bäckereien und Fleischereien verschiedentlich bereits Käufhäuser und auch wieder Produktionsunternehmen bis zu handwerklichen Reparaturbetrieben angegliedert. Die ausgesprochene Absicht geht dahin, den Kreis der konsumgenossenschaftlichen Erzeugung noch erheblich über den früheren Umfang auszudehnen. Man denh an Textil- und Schuhfabriken, die Herstellung von kosmetischen und anderen Verbrauchssumjüterproduktion ohne Beschrankung auf das Nahrungsmittelgebiet an die freien Bauernmärkte hergestellt wird. Kaum zufällig ist neuerdings- zunehmend der in der sowjetisches Wirtsehaftsdiktion heimische Begriff "kooperativ" aufgetreten; er muß als kennzeichnend für den tendenziellen Inhalt des gegenwärtigen Geschehens angesehen werden. Dem augenblicklichen organisatorischen Tatbestand nach trifft er freilich besser auf die "Vereinigungen der gegenseitigen Bauernhöfe" zu, die im Zuge der Bodenreform als Übernahmestellen für nicht an die Neubauern verteiltes Inventar wie andere Vermögensbbjekte der enteigneten Güter entstanden und inzwischen weiterentwickelt wurden. Sie sind keine Genossenschaf ten der üblichen deutschen Gestalt, vielmehr öffentlich rechtliche Körperschaften. Die (freiwillige) Mitgliedschaft ist mit keinem anteilsmäßigen Besitzrecht verbunden. Anderseits organisieren die Vereinigungen nicht nur Anbau und Ernte mit überbetrieblichen Maßnahmen. Sie pflegen den Ausgleich sowie Verleih von Maschinen, Geräten und Arbeitsvieh, betreiben landwirtschaftliche Verarbeitungsunternehmen, wie beispielsweise "Molkereien, Flachsröstereien, Deckstationen, auch Saatzucht. Man hat sie die "Gewerkschaft der Bauern" genannt, eine unvollständige Charakterisierung, denn tatsächlich sind die Vereinigungen kooperative Leiter und Träger wesentlicher Teile der agrarischen Produktion. Die neben ihnen möglichen und vielfach schon bestehenden "echten" Genossenschaften finden demgegenüber ihre Aufgabe vor allem im gemeinschaftlichen Einkauf, ABsatz der Bauern und im Kreditgeschäft (an dem die Vereinigungen aber gleichfalls teilnehmen können), haben also sekundäre Funktionen. Noch etwas zurückgeblieben erscheint die Entwicklung im Handwerk, wo man an den Aufbau von Produktivgenossenschaften denkt, zum Teil unter Benutzung bereits vorhandener "handwerklicher Lieferangsgenossenschaften, im besonderen der "Lagos" (Landesliefenmgsgenossenschaften). Wie diese seit 193 S bemüht waren, dem Handwerk einen Zugang zu den großen Öffentlichen Aufträgen zu verschaffen und später es für die Rüstung zu mobilisieren, soll ihm jetzt der Weg zur Erfüllung der seiner harrenden Aufgaben gebahnt werden. Die durch Abbau der industriellen Kapazitäten und Umstellung auf friedensmäßigen Konsumbedarf sich eröffnenden Möglichkeiten können, wie man meint, vom Handwerk nur dann genügend genutzt werden, wenn es durch solidaren Zusammenschluß in die Lage versetzt wird, über die Leistungsfähigkeit der Einzelbetriebe hinausgehende Erzeugungsgrößea zu erreichen. Diese auf Massenfertigung abgestellte Zielsetzung umschließt auch den Export.