Es ist nicht ohne Bedeutung fürs Künftige, daß die erste internationale Ausstellung, an der Deutschland beteiligt ist, im Zeichen des Kindes stattfindet. Wo soll diese zertrümmerte, durch Haß, Unveistand, Machtgier noch immer entzweite Welt sich vieder zusammenknüpfen, wenn nicht dorr, wo de Unschuld das Entwaffnend Gemeinsame ist und lie Liebe der hart oder hoffnungslos gewordenen Erwachsenen sich wie in einem letzten Brennpunkt sammelt? Wenn ihr nicht werdet wie die Kindelein Dieses Wort spricht mahnend aus der Schau, die im "Haus der Kunst" zu München eröffnet wurde, und zu der von den aufgeforderten vierzehn Nationen vor allem Amerika, England, Frankreich, dann aber auch die Schweiz, Italier, Holland, Belgien, die skandinavischen Lände, ja sogar Persien und China viel Sehenswertes beigesteuert haben. Etwa viertausend Bücher für du verschiedenen jugendlichen Altersstufen, die meisten natürlich illustriert, sind auf Tischen und Schaukästen, die kostbarsten in Vitrinen, ausgelegt. Dazu kommen Jugendzeitschriften, und, was besonders reizvoll ist, Gezeichnetes, Gepinseltes, Modelliertes mit der genauen Altersangabe der kindlidien Urheber selbst. Es sind frühe Talentprober darunter. Aber zugleich wurden jene phantomhaiten, gänzlich unnaturalistischen Gebilde nicht ausgelassen, die da beweisen, daß Kinder mehr aus dem Wissen und Wollen als aus dem Beobachten und Können gestalten — weswegen die wohlbekannten "Männerchen" auch von der Seite oft zvei Äuglein, mindestens aber ein eiförmig gerundetes sehen lassen.

Anregungen die Fülle ! In den Büchern, die Erwachsene für die Kinder ihres Volkes geschrieben und bebildert haben, erkennt der Betrachter unschwer die nationalen Vorlieben und Vorzüge wieder Er erkennt sie aber auch in den kindlichen Schilderen selbst. So wird man dort, wo französische und deutsche einander gegenüberstehen, die natürliche malerische Begabung, die sinnenfrohe Lebenslertigkeit der Franzosen schon m der kindlichen Vorform ebenso ausgeprägt finden wie die Schwert, den Ernst, die den Deutschen an die Tiefe und of- an den Abgrund, an die Versponnenheit und dimit ans Unbeholfene verweisen. Diese Kinderlücher alle sind vortreffliche Spiegel: groteske Clownerie wetteifert mit netten Humoren, das Paihetisch Zärtliche mit heiterer Naivität, und dies ales mit inniger Märchenlust und ernstem pädagogischem Bemühen.

Was hierin den deutschen Anteil betrifft, so steht er insofern hinter seinen wahren Möglichkeiten zurück, als vorerst nur Neuerscheinungen und Nachdrucke von lizenzierten Verlagen ausgestellt sind. Wer die unendlichen Schwierigkeiten und Verstörungen dieses "ersten" Jahres kennt, wundert sich höchstens, wie viel sogar trotzdem schon wieder zusammengekommen ist. Doch gebietet Gerechtigkeit, festzustellen, daß namhafte deutsche Jugendbuchautoren und Illustratoren fehlen, nicht, weil sie sich alle mit Nazismus oder Militarismus befleckt hättep, sondern einfach, weil ihre Bücher noch nicht neuaufgelegt werden konnten.

Daß alles, was an Kriegsspielerei erinnert, ausgeschlossen wurde, wird niemanden verwundern. Es entsprach das dem Willen der Veranstalter, die auch aus den ausländischen Einsendungen die i kriegerisch getönten zurückstellten. Das war zu- i mindest pädagogisch richtig. Denn wie sollte r andernfalls der Betrachter auf deutschem Boden begreifen, daß man den Spielzeugkrieg einmal als harmlos hingejien läßt, ein andermal aber (nämlich beim Deutschen selbst) als höchst bedenklich und unstatthaft ausmerzt? Was Deutschland als Jugendbuchdorado sein könnte, ermißt man vor jenen kostbaren Vitrinen, in denen ausgebreitet ist, was einmal war. Und da wir uns dort, vor Grimms Märchen wie drüben vor dem Struwwelpeter mit unserer echtesten und tiefsten Art begegnen, haben wir ein Recht auf die Hoffnung, als Spielzeug- und Märchenbuchland eines Tages auch vor den Augen der Welt wieder die Stelle einzunehmen, die uns einstmals niemand geweigert hat.

Angesichts dieser vielen schönen und rührenden oder heiterstimmenden Dokumente, die spater von München aus den Weg in verschiedene andere deutsche Städte der westlichen Zonen nehmen und zu guter Letzt den Grundstock für eine internationale Jugendbibliothek bilden sollen, versteht man die Begeisterung des Münchner Stadtbibliothekdirektors, Professors Hans Ludwig Held, der sie mit so viel unermüdbarer Hingabe wie Sachkennerschaft zusammengestellt und aufgebaut hat. Er sieht in dieser Schau mit Recht den Keim zu vielem, was ähnlich wertvoll und segensmächtig sein könnte. Und gern nimmt man von Mrs. Jella Lepmann, die ihr Bestes für das Hereinkommen der ausländischen Bücher getan hat, das nachdenklich leise Wort mit auf den Weg: daß eher vielleicht als an Konferenztischen der Friede in Kinderstuben begründet werden könnte und sollte. Halms Braun