Von Hans Hajek U in bloßes Blättchen — denn das bedeutet ja so viel Kraft haben und solche Bedeutung? Wenn es wenigstens ein lyrisches Gedicht wäre oder ein Börsenzettel, ein Tausendguldenblatt oder der Liebesbrief eines Mädchens, das wir vorige Woche noch nicht kannten! Aber ein Feuilleton, sogar ein gutes Feuilleton, ist keins von dem allen und noch viel weniger. Es ist fast ein Nichts. Aber dahinter steht ein loh. Und man sieht durch dieses Nichts hindurch auf ein Etwas, das uns angeht: auf ein Stück Welt, auf eine Ecke des Lebens. Lächelnd oder melancholisch, kritisch oder gläubig; und oft alles das zusammen.

Man hat Literaturgeschichten des Feuilletons geschrieben, und man könnte sogar ein Buch über den kulturgeschichtlichen Wert dieser Causerien verfassen. Aber beides kommt mir vor wie eine Sammlung von Totenkränzen m der Ehrenhalle des menschlichen Geistes: es ist imposant, nur — es raschelt von dürren Blättern. Und von dem Wesen des Feuilletons wie des Feuilletonisten erfährt man in solchen Büchern so viel wie man von dem metallisch schimmernden Glanz eines Schmetterlings gewahrt in einer Insektensammlung oder von dem feinen Reif auf den Früchten des Herbstes in einer Markthalle. Um es mit einem Vergleich aus der Kochkunst zu sagen: das Feuilleton ist wie eine Omelette. Der Gast muß auf sie warten, nicht sie auf den Gast; man kann sie auf keiner Ausstellung und in keinem Museum zeigen. Man muß sie auf heißem Teller genießen, wie sie gerade frisch vom Feuer kommt.

Dieser Vergleich macht klar, daß ein Einverständnis zwischen dem Schreiber und dem Leser herrschen muß, eine beinahe freundschaftliche, auf alle Fälle aber nachbarliche Beziehung. Das heißt: eine Gesellschaft. Eine städtische, eine landschaftliche, eine nationale, eine europäische. Und darum gibt es ein Feuilleton nicht überall und zu jeder Zeit. Ob die Gesellschaft bürgerlich oder proletarisch ist, macht dabei nichts aus, sie muß nur eine Verbindung in sich selbst haben und (noch oder schon) an sich glauben. Deshalb sind Städte einer alten Kulturtradition ein fruchtbarerer Boden als etwa koloniale Zentren. Paris und London, Hamburg und Wien, München und Leipzig hatten das Feuilleton eher als Berlin und Neuyork und Chikago; Petersburg hatte es, bevor es in Moskau möglich war. Doch Awertschenko ist darum nicht schlechter als Tschechow. Und die amerikanische selbstironisdte Glosse ist nicht bedeutungsloser als die scharfgeschliffene Dialektik des ersten großen Feuilletonschreibers deutscher Zunge, Gotthöld Ephraim Lessings.

Übrigens kommt es wahrscheinlich auch aus der daß so viele ausgezeichnete Dichter und Autoren als Feuilletonisten berühmt wurden: Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Alfred Polgar, Alfred Kerr. Sie waren ihrer interessierten und verstehenden Leser immer sicher. Das Wiener Feuilleton, das von Ferdinand Kürnberger und Ludwig Speidel bis zu Hermann Bahr und Victor Auburtin unzweifelhafte Meisterwerke hervorblühen ließ, ist aber aus dem gleichen Grunde groß geworden. Das Feuilleton bedarf eben mehr als jede andere literarische Form eines aufnahmefreudigen zeitgenössischen Publikums; es kann nicht auf eine verständnisvollere Nachwelt rechnen. Ein derartiges Publikum gab es zuerst in Paris: daher wurde das Feuilleton in Frankreich geboren und feierte dort seine ersten Triumphe.

Das gute Feuilleton ist oft hintergründig, verschlagen, ein Wolf im Schafspelz; es hat einen doppelten Boden. Nicht was gedruckt steht, sondern was zwischen den Zeilen zu lesen ist, macht dann seine Wirkung, seine Explosivität aus. Aufsichtsräte aller GmbHs der Kunst, der Wissenschaft und der Politik, zu aller Schrecken sei es gesagt: je sanfter oft ein Feuilleton klingt, desto aggressiver ist es; je humoristischer es scheint, desto ernster ist es zu nehmen; in dem begeisterten LobliecT auf eine Kunstreiterin kann geradezu eine Bedrohung der persönlichen Sicherheit und Nachtruhe manches Menschen liegen. Ich sage das natürlich nicht, um zu warnen; ich sage es, um die Angst zu vervielfachen.

Der Nationalsozialismus hat das Feuilleton überhaupt verboten. Er hat es für fremdrassig erklärt und für ein verrucht intellektuelles Produkt. Aber auch das Fuhrerprinzip der unheilbar Humorlosen hat es nicht auszurotten vermocht, nicht einmal alle Feuilletonisten, die in Deutschland blieben. Diese flüchteten s;<& in die wenigen Zeitschriften und Zeitungen, die ihnen noch offenstanden. Sie waren als Spaßmacher verkleidet, sie machten Witze, auch wenn es ihnen zum Weinen war; und sie Schossen ihre tödlichsten, Pfeile mitten aus dem Dickicht der Banalitäten und Großtuereien. Denn sie hatten ihr Publikum. Sogar Pgs lachten manchmal über die Worte, die sie nicht verstanden. Aber man soll nicht lachen über den Geist und noch weniger soll man sich über ihn siegreich fühlen. Das Feuilleton, das kurzlebigste und vergänglichste Erzeugnis eines Kopfes und eines Herzens, hat das tausendjährige Reich überdauert! Denn der allertiefste Hintergrund eines guter Feuilletons ist die Liebe, die Ehrfurcht, die Andacht, Zugegeben, es ist oft eine Andacht <zum Kleinen; die Ehrfurcht gilt dem Geringstgeachteten und Mißbrauch testen unseres täglichen Lebens: dei Sprache; und die Liebe zu den Menschen kann sich auch m der gründlichsten Verachtung der Leute unserer Gegenwart darstellen. Mit einem Wort zu sagen: der letzte Daseinsgrund des Feuilletons ist die skeptische Weisheit. Und zwar eine Weisheit, die sich lieber als Torheit kostümierte, ehe sie sich offen gestände. Zu der Tarnkappe aus sieben Häuten, in der sich der Feuilletonist geflissentlich verbirgt, gehört als das fast Unentbehrlichste die Selbstironie. Vielleicht kommt es daher, daß das Feuilleton immer ein Kind republikanischer und demokratischer Zeitläufte war, während sie noch mit Reaktion und Restauration im bitteren Kampfe lagen. Wer noch an den Weihnachtsmann — ich wollte sagen: an den gottgegebenen Unterschied zwischen stolzen Herren und treuen Dienern glaubt, dem ist ein Märchenbuch angemessener als ein Feuilleton. Also dürfen wir wohl 1946 mit immerhin einiger Zuversicht in eine auch für dieses Kunsthandwerk glückliche Zukunft sehen und behaupten: das alte Feuilleton ist keineswegs tot, es lebe das neue Feuilleton!