Seit der Eröfhiung des Suezkanals im Jahre 1869 ist Nahostpolitik ein integrierender Bestandteil der WeltpolJiik. England, Frankreich, die Türkei waren zunächst die in erster Linie interessierten Mächte. Das Ende des ersten Weltkrieges brachte mit der Ausschaltung der Türkei eine wesentliche Stärkung der englischen Position, das Ende des zweiten scheint das Problem unter erheblich veränderten Bedingungen neu zu stellen. Auch der andere ursprüngliche Konkurrent, Frankreich, ist ausgefallen, aber dafür ist in den arabischen Staaten ein neuer Partnci herangewachsen, mit dem England rechnen muß, und die Sowjetunion wie die Vereinigten Staaten haben ihre Interessen angemeldet. Aber geht es überhaupt noch um den Saezkanal? Sind Micfat andere Faktoren wie Öl, Flugbasen wichtiger? Manchmal möchte es so scheinen, allein der Schein trugt. Die Fragen, um die es sich hier handelt, sind keine Angelegenheit des (9. Jahrhunderts. Das Problem einer unmittelbaren Verbindung zwischen europäischem und südasiatischem Raum besteht, eit es Welthandel gibt, und wird bestehen, solange es Welthandel geben wird.

Gewiß, im Altertum war der Verkehr über Land suf Karawanen angewiesen, und doch führte die Seideastraße", auf der die Mittelmeerländer nicht nur diesen kostbarsten Rohstoff aus China importierten, quer durch den ganzen asiatischen Korittaent. Gewiß, im Altertum waren die Schiffe an dse Küsten gebunden und konnten nur zaghafe fiier und da einen kurzen Sprang über das offene Meer wagen, and doch löschten sie in den Häfen des Persische Golfs und des Roten Meeres die Guter Indiens and des indonesischen Archipels. üsmals wie heute war der entscheidende Punkt Jene Stelle, an der sich die Mittelmeerwelt, die gewissermaßen den "Konsumentenblock" bildete, wnd die Welt des Ostens als "Produzentenblock" unmittelbar berühren. Damals wie heute lag es safte, hier eine Verbindung zu schaffen. Der älteste Kanalbau, von dem wir wissen, wurde Bereits im H. Jahrhundert v. Chr vom Pharao ieti 1 unternommen. Eine Inschrift im Tempel von Karnak berichtet davon, und noch heute sind im Wadi Tumilat zwischen Kairo und Suez die Spuren zu erkennen. Den Schiffen jener Zeit genügte das Bett des Nils. So brauchte man nur zwischen dem am weitesten östlich gelegenen Arm des Stroms und dem westlichen Ausläufer des Roten Meeres , eine Verbindung zu schaffen. Wie lange sie offengehalten werden konnte, darüber schweigen die Quellen. Im 7. Jahrhundert v. Chr war sie jedenfalls verfallen. Der Versuch des Pharao Necho, sie wiederherzustellen, scheiterte, nachdem, wie Herodot berichtet, 120000 Arbeiter dabei den Tod gefunden hatten Ägypten war damals wohl nicht mehr mächtig genug, ein Projekt dieses Umfangs zu verwirklichen Dazu mußte der Anstoß von außen kommen. Er kam aus dem Osten, aus Iran. Die Idee des "Weltreichs" ist altorientalisch. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr nannte sich Sargon von Akkad "Herr der vier Erdteile", mit denen natürlich nicht unsere Kontinente gemeint sind. Seitdem st der Gedanke, die "Welt" zu beherrschen, immer wieder im Zweistromland aufgetaucht. Verwirklicht wird er zum ersten Male im niden seine Macht von Nordindien bis zum Nil und zu den Küsten des Ägäischen Meeres ausdehnte, ja in einzelnen Vorstößen auf den europäischen Kontinent übergriff. Daß es rhm gelingt — auch das zum ersten Male in der Geschichte —, ein, Gebiet dieser Größe nicht nur zu erobern, sondern auch zu einem einheitlichen Reich zusammenzuschweißen, liegt nicht zuletzt in seinem Verständnis für die eminente Bedeutung des Welthandels. Das Straßennetz, mit dem Darius ganz Vorderasien überzpg, ist berühmt und zum Teil heute noch in Gebrauch. Weniger bekannt ist, daß r die gleiche Sorgfalt dem Ausbau der Wasserwege widmete. Expeditionen wurden ausgeschickt, um die- Küsten des Mittelmeeres oder die Schiffbarkeit dea Indus zu erforschen; es wurde ein allerdings vergeblicher Versuch gemacht, Afrika zu umschiffen. So ist es verständlich, daß auch der Plan des Nilkanals wiederaufgenommen wird. Im Jahre 520 v. Chr ist der Bau vollendet. Denkmäler mit dem Bild des Großkönigs verkünden an seinen Ufern in den drei Sprachen des Reichs, Altpersisch, Elamisch. Babylonisch, und in Hieroglyphen: "Schiffe fahren durch diesen Kanal von Ägypten nach Persien, wie es mein Wille war Mit dem Weltreich der Acfiämenidcn verfällt auch der Kanal des Darius. Ptolemäus Phitadelphus läßt slw ooch einmal in Betrieb nehmen. Zur Zeit Kleopatras ist er versandet, und die Ausbesserungsarbeiten der Römer unter Trafan scheinen keinen dauernden Erfolg gehabt zu haben. Die Jahrhunderte vergehen. Das römische Weltreich zerbricht. Ostrora Byzanz übernimmt sein Erbe auch am Nil Noch einmal greift am Anfang des 7. Jahrhunderts Iran nach Nordafrika hinüber. Dann fegt die Sturmflut der arabisch islamischen Eroberung alles hinweg. Wieder ist Ägypten Teil eines Reiches, das von Nordindien bis nach Nordafrika, ja weiter bis zum Atlantischen Ozean und bis nach Spanien reicht. Noch einmal wird im Rahmen eines "Weltreiches" das Problem einer Verbindung zwischen dem mediterranen und dem asiatischen Raum akut. 640 n Chr erscheint das erste arabische Heer unter Amr ibn ei ASS am Nil. Im gleichen Jahrhundert wird der Kanal wiederhergestellt. Seine Leistungsfähigkeit scheint unzureichend gewesen zu sein, denn am Ende des 8. Jahrhunderts taucht unter dem Kalifen Harun al Raschid der Plan auf, den Istljrous von Suez zu durAstechen. Zur Ausführung kommt er nicht. Um 1000 hat El Hakim das alte Kanalbett ooch einmal ausgebessert, dann lassen Kreuzzfige, Mongoleneinfälle und nicht zuletzt die innenpolitischen Ereignisse in Ägypten es still werden Hin das Projekt. Der Orknthandel allerdings blüht fa aimmt nach Beendigung des Kampfes um das "Heilige Land" einen ungeahnten Aufschwung. Venedig, Genua, Pisa auf der einen, Alexandria auf der ändern Seite beweisen seine Bedeutung, and die ununterbrochene Kette prachtvoller Bauten, mit denen die Mamelucken Kairo während des 13, 14 and 15. Jalirhunderts geschmückt haben, zeigt, welche Reichtümer Ägypten aus seiner Schlüsselstellung gewann. Am Anfang des 16. Jahrhunderts bricht diese Bautätigkeit jäh ab. Was ist geschehen? Im Jahre 1492 hat Kolumbus Amerika im Jahre 149899 Vasco da Gama den Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung entdeckt Man kann die Bedeutung dieser beiden Ereignisse kaum fiberschätzen. Mit einem Schlage haben sich alle Bedingungen verändert. Die Einheit der Alten Welt, die mehr als 6000 Jahre bewahrt worden war, ist zerrissen. Das Mittelmeer ist nicht länger das Meer der Mitte. Vor der Weite der Ozeane wird es zum Binnenmeer untergeordneter Bedeutung. Der Schwerpunkt bat sich nach dem Westen verschoben. Die Länder am offenen Meer, Spanien und Portugal, Frankreich, England, die Niederlande, die bisher an der Peripherie lagen, sind zum Zentrum der nun einsetzenden Entwicklung geworden, Sprungbrett in die Neue, größere Welt. Der Nahe Osten dagegen hat seine bisherige Schlüsselstellung verloren und ist in einen toten Winkel gerückt. Nur eine Stadt hat sofort die Bedeutung dieser Ereignisse in aller Schärfe erkannt: Venedig. Unmittelbar nach der Fahrt Vasco da Gamas knüpft er mit den Mamelucken in Ägypten Verhandlungen an über den Bau eines Kanals zum Roten Meer. Aber die Eroberung des Landes durch die Osmanen läßt diese Pläne scheitern. Venedig büßt seine Stellung als "Königin des Meeres" endgültig ein. Der Nahe Osten wird von seiner Lebensquelle abgeschnitten, kann mit dem raschen Aufstieg Europas nicht Schritt halten und versinkt langsam in Lethargie and Erstarrung.

Eines der europäischen Länder allerdings vollzieht diese Wendung nicht in voller Schärfe. Frankreich macht den Sprung über den Ozean nur zögernd mit und vergißt nie, daß- es zugleich Mittelmeermacht ist. Frankreich allein hat während des 16 , 17 und 18. Jahrhunderts eine positive Nahostpolitik. Darum ist es kein Zufall, daß Frankreich die Macht ist, durch die der Vordere Orient nach einer Pause von rund dreihundert Jahren zum ersten Male wieder in die europäische Auseinandersetzung eingeschaltet wird. In Erkenntnis seiner Unfähigkeit, England im Mutterland anzugreifen, richtet Napoleon seinen Angriff gegen Indien. Seine Landung in Ägypten im Juli 1798 ist der erste Schritt auf diesem Wege. Der Sieg bei den Pyramiden wird zwar wenige Tage später bei Abukir mit der Zerstörung der französischen Flotte durch Nelson zunichte gemacht, trotzdem ist das ganze mehr als eine Episode im Leben des großen Kaisers.

Die Folgen dieses Unternehmens sind für die weitere Entwicklung im Nahen Osten entscheidend. England erkennt in Ägypten die verwundbarste Stelle seines Empires. Die Befime Malta (1814) und Adens (1839) Gibraltai halt es suion seit 1784 in Besitz sind seine Reaktion. Gleichzeitig wird der alte Plan eines Kanalbaues, der bereits unter Ludwig XIV wieder lebhafter diskutier worden war, von neuem aktuell Schon während seiner Anwesenheit m Ägypten läßt Napoleon das Gelände am Isthmus von Suez untersuchen Ei Nilkanal kommt bei der Entwicklung, die iie Schiffahrt seit 1498 genommen hat, natürlich nicht mehr in Frage Das Etgebms ist allerdings negativ. Die errechnete Höhendifferenz von fast zehn Meter zwischen dem Wasserspiegel des Roten und des Mittelmeeres läßt eine Realisierung unmöglich erscheinen Daß schon mehr als ein Kanal in früheren Jahrhunderten bestand wußte man nicht Erst i 846 wird durch die "Societe des Etudes pour le Canal de Suez" die erste Feststellung berichtigt Damit steht theoretisch einem Bau nichts mehr im Wege. Praktisch sind allerdings noch erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden, da England dann mit gutes Gründen eine Gefährdung seiner, Interessen siebt und als Gegenzug 1851 mit der Anlage efnej Eisenbahnlinie über den Isthmus begonnen bat Trotz , dem erhält der Franzose Lesseps von) Khedivea die Erlaubnis, die Arbeiten in Angriff z nehmen. Seiner verbissenen Energie gelingt e s, alle Hindernisse zxi überwinden Im November, des Jahres l §69 fährt nach einer Pause von mehr als 800 Jahreneine Flotte von 68 Schiffen, an ihrer Spitze der "Aigle" mit der Kaiserin Eugenie an Bord, vom Mittelmeer zum Roten Meer , Damit ist ein Strich gezogen unter die Entwicklung der letzten dreieinhalb Jahrhunderte. Dss Mittelmeer wird zwar nicht wieder zum Meer m der Mitte der Länder, aber doch aus einem Binneagewässer sekundären Ranges zu einer WasserstrsSe von primärer Bedeutung, und die Länder des Nahes Ostens rücken wieder, wenn auch unter wesentlich veränderten Machtverhältnissen in jene Schlüsselstellung ein die sie vor der Entdeckung Vasco da Gamas besaßen Der Ring schließt sich Nahostpolitik gewinnt für die Welt tene Bedeutung sarück, die sie im Mittelalter und zur Zeit der Renaissance für Europa hatte Sie wird sie behalten, solange das Problem eines Wasserweges zwischen Westen und Osten besteht, und das wird mögen auch die kühnsten Phantasien über die Entwicklung der Luftfahrt Wirklichkeit werden wie seit 3000 Jahren auch in der Zukunft der Fall sein.