K. W, Berlin, im Juli Die deutsche Schule hat seit 1918 so viel Schulreformen, mehi in den Ansätzen steckengebliebene als abgeschlossene, durchmachen müssen, daß der pädagogische Eifer nicht wundernimmt, der sich nach dem Zusammenbruch sehr bald aufs neue der Schule angenommen hat. Die Fülle der Lösungsversuche, mit einer neuen äußeren Ordnung des Schulweges einer künftigen deutschen Generation das Rüstzeug für eine wirklich bessere Zukunft in die Hand z geben, weist diesmal besonders viele Schattierungen auf, weil sich jetzt nicht nur die einzelnen pädagogischen Bestrebungen gegenseitig den Rang ablaufen, sondern auch die Zonentrennung ihre gerade auf diesem, Gebiet besonders gefahrlichen Möglichkeiten ausbreitet. Nicht nur, daß eine verständliche Neigung besteht, die künftige deutsche Schulordnung in den einzelnen Zonen dem Erziehungsschema der jeweiligen Besatzungsmacht anzuähneln es werden hier Vorschläge erörtert, die die Einheitlichkeit der deutschen Schule in diesem frühen Stadium einer neuen und noch sehr unbeholfenen Entwicklung ernstlich in Frage stellen Nun braucht freilich diese Besorgnis keine allzu ängstliche Beobachtung, weil ein differenziertes Schulsystem nach dem einzelnen Charakter der deutschen Landschaften, mit Ernst und Verantwortung entwickelt, der Herausarbeitung der Persönlichkeitserziehung beste Dienste zu leisten vermöchte. Diese Bedenken beginnen erst dann, wenn das ausländische Vorbild der einzige Maßstab der Reform werden sollte.

Am weitesten ist die Entwicklung auf diesem Gebiet, wie tn manchen ändern Punkten, in der sowjetischen Zone vorangetrieben worden. Hier ist, ohne daß eigentlich diese Frage recht Gegenstand einer langen, vertieften und öffentlichen Diskussion gewesen wäre, die Schulreform bereits Wirklichkeit und Gesetz geworden Ähnlich etwa wie die Bodenreform seinerzeit in wenigen Tagen alle Länder und Provinzen der östlichen Zone überkam, erfuhr die Öffentlichkeit die Verwirklichung der Schulreform m der ganzen Sowjetzone Wie alle derartigen Maßnahmen und Gesetze, tritt das "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule" nicht Mir Berlin m Kraft, so daß mit diesem Gesetzesakt ein weiteres Merkmal für die sich immer stärker herausbildende Eigenart von Berlin als der "fünften Zone" hervorgetreten ist. In den Zeitungen der Sozialistischen Einheitspartei, die weitgehend das Gesicht der Parteizeitungen in der gesamten Ostzone beherrschen, ui u? ucue wcseci us tue "mdgiu v u<ui<i oes kommenden sozialen 1>eutschhi£ffnffeieteft fjrden, während die Zeitungen der Christlich Demokratischen Union und der Liberaldemokraten zwar dem Gesetz ihre Anerkennung in sehr verspäteten Kommentaren ausgesprochen, aber doch mancherlei kritische Randbemerkungen nachgeschickt haben. Die parteimäßig nicht gebundenen Organe, wie der "Tagesspiegel" und der "Kurter", haben merkwürdigerweise das Gesetz kaum notiert, und die SPD war offensichtlich in ihrer ersten Entfaltung nach der Neuzulassung zu sehr mit mnerorganisatonschen Fragen beschäftigt, als daß einstweilen von ihr eine besondere Stellungnahme zu erwarten gewesen wäre.

Von allen bislang bekanntgewordenen Reformplänen unterscheidet sich die in der Sowjetzone verwirklichte Reform in bedeutender Weise. Vergleicht man die beiden ändern Pläne, die vor allem in der deutschen Öffentlichkeit besprochen werden, den hannoverschen Plan aus dem Kreis um den früheren preußischen Kultusminister Grimme und den hessischen Plan des hessischen Kultusministers Schramm mit dem der Sowjetzone, der in seinen Grundzügen von dem thüringischen Direktor für Volksbildung ausgearbeitet worden ist, so fällt vor allem die grundlegend andere Einteilung der Schultypen beim östlichen Plan ms Auge Wohl gehen alle Pläne mehr oder weniger von dem Grundgedanken der Einheitsschule aus. Während aber sowohl der hessische wie der hannoversche Plan nach den vier Jahren der Grundstufe den wesentlichen Einschnitt macht, bricht der östliche Plan zum erstenmal mit einem jugendpsycfaologischen Grundsatz, der seit je in diesem Alter eine erste Aufspaltung der Begabungsentwicklung ansetzt. Im östlichen Schulgesetz werden nämlich die ersten acht Schuljahre für alle Schüler als gemeinsame Schuljahre verbindlich. Der große Knick des Schulweges, der vom fünften Schuljahr an eintrat, soll in dem System der östlichen Zone nicht mehr beachtet werden. Erst nach acht gemeinsamen Schuljahren soll sich für die theoretisch und wissenschaftlich Begabten eine vierjährige Oberstufe öffnen, die etwa den Charakter der früheren Oberschule haben soll, während für die ändern dann die zweijährige Berufsschule und darüber die zweijährige Fachschule aufgestockt ist, von der aus wiederum noch einmal "nach einer Sonderreifeprufung die Möglichkeit zum Übergang auf die Hochschule erscheint.

Das Umstürzlerische an diesem Gesetz ist zweifellos die völlig neue Aufgabe der Volksschule, die in der Gesamtheit der Laufzeit für alle Kinder verbindlich ist. Beabsichtigt ist offenbar eine besondere Niveauhebung der Volksschule und also der Gesamtbevölkerung im allgemeinen, die sieh vor allem dann ausdrückt, daß vom fünften Schuljahr an für alle Schüler eine Pflichtfremdsprache, m diesem Falle die russische, verbindlich werden soiL Vom siebten Schuljahr an besteht außerdem noch eine fakultative Chance für eine zweite Pflichtsprache. Die Kritiker dieser ungeheuer optimistischen Aufwertung der Volksschule setzen vor allem an zwei Punkten an. Sie fürchten erstens, daß die größere Menge der Volksschulen deren Lebenssmn heute mehr denn je in der praktischen Bewältigung des Lebens liegen wird, durch diese Überbetestung der Volksschule mit zu intellektuellen Stoffen das notwendige Grundwissen in sehr mangelhafter Form sich aneignen müßte; dies insbesondere mit Rücksicht darauf, daß laut Statistik nur jeder dritte eines Altersjahrganges die bisher viel bescheideneren Anforderungen der Volksschule zu erreichen vermochte. Und zum ändern sehen sie die große Umschichtung in der Erzieherschaft, die sieb heute aus politischen, moralischen und tatsächlichen Notwendigkeiten vollzieht und seine lange Zeit haben wird, als den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für eine Schulordnung an, die zweifellos höchst idealistische Zustände zum Stoff ihres hochgesteckten firziehungsstils macht.

Diese Kritik, die insbesondere von den LiberaSdemokraten, wenn auch erst nachträglich, geltend gemacht wird, findet ihre Ergänzung in der Sorge, welche stark eingeengte Rolle in solchem Schulaufbau die höhere Schule spielen müßte. Vor allem vermögen die Vater des Gesetzes nicht ihre Behauptung zu beweisen, daß in diesen der höheren Schule bleibenden vier Jahren auch Gelegenheit zur Entfaltung der humanistischen Fächer sei. Nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, der dem Gymnasium bereits eine Schattenrolle zuwies, ist, wie es der Hannoversche Entwurf Grimmes besonders hervorhebt, dieser Zeit mit ihrer Besinnung zur wahren Humanitas natürlich die Kunde und die Kenntnis der humanistischen Prinzipien besonders vonnöten. In diesem Sinne hat die "Neue Zeit", das Organ der CDU, auch zu bedenken gegeben, daß die vom zwölften Lebensjahr ab für besonder Begabte vorgesehenen "Fachkurse" als Unterbau der vierjährigen Aufbauschule in keiner Weise ein Ersatz für eine notwendige Erweiterung der Oberstufe sein könnten.

Bei der Grundsätzlichkeit der Kritik, die hier allenthalben nach Ausdruck sucht, erscheint et logisch, daß neben der allgemeinen Anerkennung des Grundsatzes, daß der Staat Schulträger zu sein habe, doch der Wunsch laut wird, neben den staatlichen Schulen müßte freilich das Recht zu privaten Schulen Gesetzeskraft erlangen. Während im Gesetz selbst der Religionsunterricht als Sache der Kirchen bezeichnet verwaltung für Volksbildung, Wandel, erläuternd erklärt, daß die Schule "nicht am Christentum vorbeigehen könne". In den Erklärungen der Christlich Demokratischen Union z diesem Punkt werden, wie sich versteht, mehr Wünsche als Tatsachen bekannt. In Berlin selbst ist hier nach längerem Hin und Her eine aüierte Übereinstimmung darüber erzielt worden, daß der Religionsunterricht innerhalb des normalen Stundenplans den Kindern erteilt wird, deren Eltern dies wünschen. Das Gesetz der Ostzone freilich verlegt den Unterricht, wie es die Praxis in Brandenburg seit einiger Zeit bereits erweist, außerhalb de laufenden Stundenplans.

So ist in der sowjetischen Zone eine Schulreform Tatsache geworden, die über das Stadium der Erörterungen bereits weit hinweggeschritten ist. Wenn auch anzunehmen ist, daß die Stufen der Verwirklichung entsprechend dem Aufbau des Gesetzes, dessen idealer Zweck ohne Zweifel ein Sozialinerüng der Bildungsmöglichkeiten auf breitester Grundlage anstrebt, sich der Wirklichkeit werde anpassen müssen, so ist doch hier ein neues Beispiel geschaffen, in welchem Tempo die Ostzone jjie rnorafajioffii Myvij JCfefcJCTi; Ff S 3a J H51_s[£!E— Zusammenbruch zu ziehen entschlossen ist.