"Verließen am 18. Juni 1946 in sehr gut ausgerüstetem Zustand den Hafen von Wesermünde. Nahmen um 19 30 Uhr Lotsen an Bord und dampften nach dessea Anweisung die Weser abwärts. Passierten uns 22 30 Uhr Feuerschiff Weser und gingen auf Kurs N. Wind NW g—10, grobe See, starke Regenböen (Aus dem Journal des Fischdampfers Oldenburg ) A m Polarkreis bekommen wir zum ersten Male " Funksprechverbindung mit Schiffen, die bei der Bäreninsel und unter Island fischen, und hören ihre abendlichen Fangmeldungen. Sie haben anscheinend nicht viel Glück, durchschnittliche Tagesfänge voa nur 200 Korb, zerrissene Netze, Nebel und Ostwind. Eines von ihnen muß die Arbeit abbrechen, weil ihm die Kohlen auszugehen drohen — Der Kapitän, der — in der Tür zum Funkraum stehend — die Meldungen mitangehört hat, kehrt ins Ruderhaus zurück, stellt sich ans Fenster und schaut voraus. Er meint, daß das mit den schlechten Fanges am Ostwind läge. Der führe kalte Strömungen herbei und vertreibe den Kabeljau.

"Wohin?" frage ich. Und er antwortet: "Das kann man nicht so sagen Während ich im stillen überlege, wie ich das karge und ganz verstummte Gespräch wieder in Gang bringen kann, schaue auch ich durchs Fenster nach vorn au! das rollende Vorschiff unl die glatte, lange Dünung, jdie aas der Grönlandsee heranwogt, auf den wolkenschweren Himmel un4 die weißschäumende Bugwelle.

Der Rudersmann wird abgelöst, es ist 22 Uhr, aber der Himmel bleibt hell und blaßgrau, wie et Zifferblättern der Uhren, denn hinter den Wolken steht am Himme! die Sonne, die nun für uns nicht mehr untergeht, sondern sich nur noch sacht dem Horizont zusenkt und nach Norden schiebt, m nach Mitternacht sacht wieder nach Osten hin anzusteigen. Schließlich fängt der Kapitän voa slleiä wieder an und sagt: "Das kann man alles sieht sagen. Wo wird denn schon gefischt! In der Nordsee, unter Island, in der Barentssee drüben und bei der Bäreninsel, und dann vor Neufundland und aa ein paar anderen Plätzen in der Welt. Aber wenn Sie bedenken, daß es beinahe dreimal soviel Wasser als Land gibt auf der Welt, dann sind das alles in allem doch bloß eis paar Punkte. Was wissen wir schon, wo der Fisch hingen Einmal ist er da, ein andermal nicht. Wenn Sie Glück haben, ist er immer da!" Einer der Netzmacher (so heißen die beides ältesten Matrosen an Bord) trägt eine Six PenceMütze und eine leuchtend blaue Hose mit einem handbreiten Streifen von knallroter Farbe am rechten Hosenbein entlang. Wenn er über Deck geht, sieht er ein bißchen aus wie ein General und ein bißchen wie ein fremder Vogel aus Übersee. Mehr wie ein Vogel. Heute ist er mit seinem Kameraden dabei, das Netz klarzumachen. Da liegt t an Deck, ein formloser Haufe aus Hanfgarn und fingerlangen Maschen, und sie legen einen Zipfel frei, den Steert, und benähen ihn mit Ochsenhäuten, damit er beim Schleppen über den Meeresgrund nicht so leicht aufreißt — Indessen gerät allmählich die norwegische Küste außer Sicht, dieser bergedüstere und schneeschimmernde Schattenstreif an unserer östlichen Kimm, zerklüftet, zerrissen da JMSJ4djdk V>%?b nndAotfhmffjnjL emporgeworfen, bald nebelverhangen und Sana wieder blau und braun und goldgrün aufleuchtend, wenn ein Sonnenieck darüber hinfährt, ein Schattenstrich fünf Tage lang, während wir nach Norden dampfen. Nun ist nur noch See rings um uns her. Der Wind dreht auf Ost, und mit einem Male ist es kalt. Wir blasen Atemfahnen in die Luft, und ich ziehe mir noch einen Troyer mehr unter die Jacke. Dann kehre ich zu den Netz machern auf dem Vordeck zurück.

Der mit der Six Pence Mütze erzählt mir, daß er seine bunte Hose aus Kanada habe. Er ist 1940 auf einem Fischdampfer im Kanal torpediert worden und in Gefangenschaft geraten. Dann hat er fünf Jahre lang im Wald von Quebec Holz gefällt "Das ist ein feines Land, dieses Kanada", sagt er. Genug zu essen, mehr als genug, und so viel Freiheit, wie Sie brauchen. Auch für uns mit unserem rotea Streifen an der Büx. Auf dem Rücken hatten wir übrigens dazu noch eine große, rote Sonne. "Wären Sie gerne drüben geblieben?" "Doch, schon! Wenn ich meine Frau und meine Kinder hätte nachholen können. Und wenn" — und dabei richtet er sich ein wenig auf und schaut über die Reling auf das Meer hinaus — "wenn sie mich hätten fahren lassen. Ich meine zur See "Fahren Sie gerne?" frage ich ihn.

Da wendet er sich wieder seiner Arbeit zo und antwortet: "Nein. Sie müßten das hier mal im Winter erleben. Das verdammteste Geschäft, da Sie sich denken können — Und er schielt noch einmal aus den Augenwinkels auf die See hinüber. Ich aber bin still, denn es fällt mir ein, daß ich dümmer kaum fragen konnte und daß es eine gute Rasse von Männern gibt, die ihre Liebe verleugnen Ändern und sich selbst gegenüber auch. Einfach weil sie dergleichen für eine Art von Schwäche halten.

Wenn man Glück hat, dreht der Wind auf West, und der Fisch ist wieder da. Wir haben Glück. Als wir zwei Tage später erreicht haben, was der Kapitän "einen von ders paar Punkten" nannte, die Kante der ungeheuren Bank nämlich, die sich von Spitzbergen aus bis zur Bäreninsel in die Grönlandund die Barentssee nach Süden und Westen erstreckt, und das Netz aussetzen und drei Stunden über den Grund schleppen und aufhieven, sind hundert Korb Kabeljau darin, hundert Zentner. Und nach vier Stunden wiederhundert Korb, und in der Nacht hundertfünfzig. Dann wird es weniger, fünfzig Korb, dann wieder mehr. So geht es auf und ab und im ganzen nicht schlecht, sieben Tage lang, bis wir dreitausend Korb haben und das Schiff voll ist.

Unser Netz hat die Form eines ungeheuren Trichters, dessen Spitze verstopft ist. An seinem Mau! sind drei Scherbretter angebracht, zwei große und ein Meines, leichtes drittes, das ihm gleichsam die Ober!ite anlüftet. An den beiden großen Scherbrettern Mod die Kurrleinen angesteckt, starke und schwere Stahldrähte. Wenn das Netz ausgesetzt wird, entfaltet es sich langsam und sinkt mit dem Stert voran, einem setzen Ende, sacht in die Tiefe. Dann werden die Sciiebretter über Bord gefiert, sie reißen das Netz auf der. Grund hinab. Wir fischen etwa auf 200 Meter Wasser und stecken dreimal soviel Kurrleine aus. Dann schleppt das Schilf diese ganze Last drei Stunden lang an der Kante der Bank entlang. Hier an den unterseeischen Berghängen steht der Fisch, Ein paar Möwen begleiten uns, umkreisen uns und äugen herab. Nach drei Stunden stoppen wir und hieven die Kurrleine ein, bis die Scherbretter aus dem Wasser tauchen und mt ihnen die Mündung des Netzes, Nun kommt ein Augenblick vollet Spannung. Noch ist nichts zu sehen, die glatte Dünung wogt gegen die Bordwand. Die Möwen sammeln sich in Luv, sie sind voller Unruhe und beobachten mit vorgestreckten Hälsen das Wassef, Eswerden immer mehr Möwen, hundert sind es schon, auf eine geheimnisvolle Weise angelockt. Und plötzlich dämmert fünfzig Meter voa def Bordwand entfernt ein fahler Schemen aus der Tiefe heraus. Grünlich erst, dann weiß schließlich gläsern, ein Schwall von Luftblasen, der an die Oberfläche emporschießt und zerplatzt. Und aus dem zerstiebenden Schaum taucht wte das ungeheure, triefende Haupt eines Meergottes der Stert des Netzes herauf. Seine Maschen siffd zum Springen gespannt, es zuckt und pulst in seinem Innern, er ist prall voll Fisch. Kabeljau; Weiße Bäuche und grüne Rücken, dazwischen kärmesinrosa Barsche. Und die Möweö stoßen herab, Umflattern das Netz, schlingen kleine Fischeheranter, die aus den Maschen schlüpften, hacken großen die Lebern aus den lebendigen Leibern, schreien, flattern, verjagen einander nd sind schon tausend an der Zahl. Die Männer an Boret holen Hand über Hand das Netz über die Reling. Der Stert Weibt im Wasser und treibt an die Bordwand heran. Sein Endstück wird abgeschnürt und aufgehievt. Fünfzig Korb Fisch sind darin. Es steigt in die Luft empo! wie ein riesiger Pompadour uns! schwingt über Deck ein. Der Steuermann kriecht darunter und langt nach der Cotleine, die den Stert mit einem kunstvollen Slipsteek versehließt, reißt daran, und wie bei einer Explosion platzt da Netz auseinander und der Fisch schießt an Deck. Fünfhundert große Kabeljau schnellen über die Planken, winden sich und schlagen mit den Schwänzen — Der Stert wird wieder zu Wasser gefiert füllt sich und neue fünfhundert Kabeljaus schießen über das Deck. Und noch ein drittes Mal, bis alles an Bord ist, was wir im Netz hatten: Kabeljans, Rotbarsche, einige Heilbutte, dazwischen ein leuchtender Purpurstern und die keifenden AltTeiiergesichter der Katzenfische. Aber zumeist sitkT es Kabeljaus, große, Weine, zuweilen $ großer und ein kleiner zusammen, das heißt ein großer, der vom Netz überrascht wurde, als e? ger?de einen kleinen verschlang. Ein sachliches Idyl — Dann wird das Netz von neuem ausgesetzt, und die Männer gehen daran, den Fisch zu schlachten und im Eisraum zu verstauen.