Vor einem Menschenalter erfüllte es sich zum letzten Male, daß die Jugend als große Einheit, als junge Generation sich selbst entdeckte. Die Zeitläufte waren damals allerdings wesentlich beruhigter und glücklicher als heute, wo gleichsam eine apokalyptische Stunde angebrochen ist. Damals strömten die jugendlichen Sucher und Entdecker bewegten, brennenden Herzens auf dem Hohen Meißner zusammen, dem breit hingelagerten Berg dort im hessischen Märchenland, um der Lehre und Haltung der Erwachsenen abzuschwören und aufzubrechen ins eigene Reich.

"Die deutsche Jugend will ihr Leben unter eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit selbst bestimmen. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein Das war eine Sprache, wie man sie bislang noch nicht vernommen hatte. Die Erwachsenen wußten nicht, ob sie wettern oder spotten sollten. Der Jugend war es gleich. Sie hatte sich gefunden und lebte, unbekümmert um Zustimmung oder Tadel, ihr neues, leuchtendes, überschäumendes Leben Eine unsagbar beschwingte Zeit brach an. Mit dem eigenen Jungsein entdeckten diese jungen Menschen auch die Jugend ihres Volkes. Mysterienspiele, alte Musik, Volkslieder, Fasnachtsschwänke, Tänze, in denen sie das zum Ausdruck brachten, was in ihnen jubelte, grübelte und weinte wurden aus ihrem Schlaf erweckt und erneuert. Mit einem Ungestüm ohnegleichen warf sich die Jugend der Landschaft, der nahen wie der fernen, ans Herz. Welch frohe und gedankenvolle Sommerabende ereigneten sich draußen unter den Linden der Landheime! So gut wie alles, was die Späteren als selbstverständlichen Besitz, ohne den ein jugendliches Leben überhaupt nicht mehr vorstellbar ist, übernommen haben, wurde damals entdeckt, durchdrungen, umgeschaffen und in den Dienst der eigenen Sache gestellt. In den Dienst der eigenen Sache! Denn die Jugend bot die Spiele und Gesänge nicht um ihres ästhetischen oder historischen Wertes willen auf, sondern um den eigenen Überschwang zu beseelen und unmittelbar zu verkörpern.

Nicht alles, was geschah, war erfreulich Es fehlte nicht an Torheiten und Lächerlichkeiten, auch nicht an fragwürdigen Dingen. Das gehört nun einmal dazu. Junge Menschen wären keine jungen Menschen, wenn sie immer das richtige Maß träfen. Eines der Vorrechte der Jugend besteht darin, daß sie hin und wieder danebenhauen darf, gründlich danebenhauen sogar. Es schadet nichts. Im Gegenteil, es beweist nur, daß die Bewegung, die da durch die Lande wogt, wirklich eine Bewegung ist und wirklich von jungen Menschen erregt und getragen wird.

Wie herrlich wäre es, wenn sich heutigentags etwas Ähnliches begeben wollte! Natürlich keine Nachahmung des Gewesenen. Die Tage der unbeschwerten Wandervogelromantik sind ein für allemal dahin. Die Jugend, die jetzt an der Reihe ist, sieht sich anderen Fragen gegenüber. Und so wird sie auch nicht umhin können, anders zu antworten. Mit Volksliedern und Ringelreihen ist es nicht getan. Vor allen Dingen darf die Jugend die größte Torheit derer, die vor dreißig Jahren jung waren, nicht wiederholen: sie darf es nicht ablehnen, sich um Politik zu kümmern, denn die Politik kümmert sidi auf jeden Fall um sie. Das ha ben die Unpolitischen von damals genugsam erlebt. Sie müssen sich heute über das innere und äußere Schicksal ihres Volkes und aller Völker, über Staatskunst, Wirtschaft und Kultur ihre Gedanken mächen. Ein unpolitischer Mensch ist kein Mensch. Nein, ähnlich kann nur die Entschiedenheit des Umbruchs, die Begeisterung in der Hingabe, die Kraft des Willens, die Lust des Schöpfertums sein. Die Substanz der neuen Welt wird eine andere, eine überaus andere Beschaffenheit haben. Niemand ist imstande, darüber etwas auszusagen, außer der Jugend selbst. Nur sie weiß oder ahnt, was für Geheimnisse sich zuinnerst in ihr rühren. Dann freilich, nach der Entdeckung und Gründung der eigenen Welt in der eigenen Brust, erwächst der Jugend sogleich eine neue und große Aufgabe, die dieser eigenen Welt erst ihre Weihe und Rechtfertigung verleiht und sie über ihre Jugendlichkeit hinaushebt in die Fülle des Tages urd in den Atem der Ewigkeit, die Aufgabe, die Begegnung heißt.

Nur ein Mensch, der ein Selbst ist, der über eine eijene Gestalt und ein eigenes inneres Vermögen verfügt, kann wirkliche Begegnungen mit Menschen, mit Völkern, mit Kunstwerken, mit geistigen Kräften habeh. Wenn ein Nichts einem Etwas über den Weg läuft, so ist das keine Begegnung. Ds Wort hat ja einen doppelten Sinn. Einmal besagt es soviel wie auf etwas stoßen. Er begegnete dem Menschen, der sein treuester Freund werden sollte. Und ferner besagt es soviel wie etwas entgegenhalten. Er begegnete ihrem Haß mit unbeirrbarer Liebe. Erst dann, wenn ein Etwas auf eh anderes Etwas stößt, eine Welt auf eine andere, sei es zur Freundschaft, sei es zum Kampf, darf von einer Begegnung die Rede sein. Und nur wer Begegnungen hat, kann weiter, schöner, besser, kraftvoller werden, als er vorher war "Werde, der du bist!" Ein tiefsinniger und kühner Satz! Aber es gibt einen noch tiefsinnigeren und kühneren, der freilich nur in Verbindung mit dem ersten, als seine Fortführung und Krönung, ausgesprochen werden darf: "Werde, der du nicht bist!" Eine Jugend, die auf diesen Satz schwört, wird begnadet sein; denn er umfaßt die ganze Erde und den ganzen Himmel.

Werde, der du bist, auf daß du werden kannst, der du nicht bist! 1dl gehe in meiner Beurteilung der Menschen auf die Gesinnung, als den Grund aller Gedanken, Vorsätze und Handlungen, und auf die gesamte Geistes- und Gemütsstimmung. Ob diese pflichtmäßig oder pflichtwidrig, edel oder unedel ist, das allein entscheidet bei mir.

Die ganze Veredlung des Wesens, die möglichste Erhebung der Gesinnungen, die größte Erweiterung der inneren Bestrebungen ist ebensowohl die Aufgabe, die der Mensch zu lösen hat, als die Reinheit seiner Handlungen.