Betty Smith: ‚,A Tree Grows In Brooklyn."

Jean Stafford: "Boston Adventure."

Christopher Morley: "Kitty Foyle."

Drei Frauen – drei Städte aus dem Osten der Vereinigten Staaten: Neuyork, Brooklyn, Boston, Philadelphia.

Brooklyn, die Riesenvorstadt. Schmelztiegel für Einwanderer aus der alten Welt, in dem jeder, der schon in den Staaten geboren ist, zur "alteingesessenen Aristokratie" zählt. Massenquartier für Elend und Schmutz, für Arbeit und Erfolg. Selbst ein Kind dieses Völkerbabels, hat Betty Smith erst spät zu schreiben begonnen. 1906 in Brooklyn geboren, heiratete sie mit 18 Jahren. Als ihre eigenen Kinder in die Schule gingen, entstand in ihr der Wunsch, sich weiterzubilden. Auf der Universität entdeckte sie ihre Begabung für das Drama, und in den Jahren von 1930 bis 1942 entständen 70 Einakter. 1943 kam ihr Erstlingsroman "A Tree Grows in Brooklyn" heraus. Noch vor der Veröffentlichung hatte "20th Century Fox" das Verfilmungsrecht erworben. Fünf Wochen nach Erscheinen stand der Roman an der Spitze der amerikanischen "Best Seiler" von 1943. Nach sechs Wochen waren 300 000 Exemplare verkauft. Viel Autobiographisches ist in das Schicksal der Hauptfigur, der kleinen Frances Nolan, verwoben. Als Tochter eines heruntergekommenen Kellners irischer Abstammung und einer Österreicherin muß Frances von frühester Jugend an am Lebenskampf der Familie teilnehmen. Aber Armut, Hunger und Überarbeitung können den Willen zu einem besseren Leben, den ihre Mutter ihr eingeprägt hat, nicht ersticken. Nicht Geld ist es, das sie aus der Masse ihrer Mitbürger herausheben wird, sondern das Zauberwort "education". Obwohl sich die Anstrengungen der Familie auf den jüngeren Bruder konzentrieren, kämpft sich Frances über eine bessere Schule, die Arbeit in einem Pressebüro und Abendkurse den Weg frei zu einer Universitätslaufbahn. Ein Hoheslied auf die Macht der "education" und die Möglichkeiten der Frau. Das Symbol: Der Baum, dessen Wurzeln durch Mauerwerk hindurch die Erde finden, dessen Blätter auch im engen Hof der Brooklyner Mietskasernen Sonne und Luft finden. Bild reiht sich an Bild: Das absteigende Leben des Vaters; die Mutter, die als Scheuerfrau den Lebensunterhalt verdient; die Tante, die mit sieben Männern verheiratet ist; die Schlachterfrau, deren Kinder trotz des vielen Geldes bleiben werden, was die Eltern sind; die Klavierlehrerin, die – dank ihrer "education" – trotz ihrer ewigen Geldsorgen aus dem niederdrückenden Milieu herausragt. Menschenschicksale, aufregende Erlebnisse, Kinderstreiche, das ganze bunte, vitale Leben Brooklyns wird mit Wahrheitsliebe, menschlicher Wärme, und einem klaren, in seiner Einfachheit wuchtig wirkenden Stil vor uns hingestellt.

Boston, das geistige Zentrum der "New England"-Staaten, zeigt ein anderes Gesicht. Hier herrscht noch der Ton des alten, nach England hingewandten Amerikas. Hier muß man seine amerikanischen Vorfahren bis zu den frühesten Einwanderern nachweisen, um zur Aristokratie gerechnet zu werden. Jean Stafford beschreibt in ihrem Erstlingsroman Boston Adventure", wie sich ein junges Mädchen den Weg aus einer hoffnungslosen Hafenvorstadt, aus der zerbrochenen Ehe eines deutschen Schuhmachers und einer Russin erkämpft in die Metropole der alten Familien, der Konzerte, der literarischen Unterhaltungen und Zeitschriften, der verfeinerten Wohn- und Lebenskultur. Es gelingt ihr, über eine Stellung als Vorleserin bei einer alten vornehmen Dame in den exklusivsten Kreisen Alt-Bostons Fuß zu fassen. Ihre Erlebnisse auf diesem Wege werden in einem anspruchsvollen Stil, mit einem Wortschatz, der selbst gebildete Engländer zwingen wird, dann und wann das "Oxford Dictionary" zur Hand zu nehmen, und mit gründlichen psychologischen Betrachtungen verfolgt, die erkennen lassen, daß die Verfasserin auf diesem Gebiet kein Neuling ist. Die alte Weisheit, daß erste Romane meist halbe Autobiographien sind, wird auch im Falle von "Boston Adventure" Geltung haben.

Anders liegt es bei Christopher Morley, dem erfahrenen. Romanschreiber. Seine "Kitty Foyle" stellt den Prototyp. des "White-Collar Girl" dar. Eine aus dem Millionenheer der kleinen Sekretärinnen und Angestellten. Die Szenerie des Romans ist reicher. Für Frances Nolan bedeutet eine Fahrt über die große Brücke nach Neuyork hinein ein Abenteuer, das die Mehrzahl der Bewohner von Brooklyn noch nie gewagt hat. Während Jean Staffords Heldin ganz auf den engen Kreis. der alten Familien Bostons beschränkt bleibt, verfolgen wir Kitty Foyle von Philadelphia in eine Universitätsstadt des mittleren Westens und weiter bis in das Gechäftstreiben Neuyorks. Philadelphia beherrscht den Hintergrund. Wie Boston ist es ein Zentrum kulturellen Lebens (man denke nur an das "Philadelphia Symphonie Orchestra"!), aber es schaut weniger nach dem alten Kontinent hin. Seine großen Familien denken rein amerikanisch und haben ihrer Vaterstadt durch: ihre Vorliebe für Vornehmheit und reges geistiges Leben eine Sonderstellung unter den Städten Amerikas gesichert. In der Atmosphäre einer dieser Familien ist Kittys Freund aufgewachsen. Da er ein charakterlich schwacher, überzüchteter Junge ist, kann er den Widerstand seiner Familie gegen den Sprößling einer zwar geachteten, aber nicht zur ersten Gesellschaft gehörenden Familie nicht überwinden. Der Roman, der am Anfang des Krieges geschrieben wurde, ist später erfolgreich verfilmt worden. Seine Personen sind zwar glänzend charakterisierte "Typen", es fehlt ihnen aber die Echtheit und Kompromißlosigkeit der Personen aus den beiden anderen Romanen. Da aber Morleys Stil in gleichem Maße glatter und eleganter ist als zum Beispiel der massive, wie aus Stein gehauene einer Betty Smith, wird seine "Kitty Foyle" immer spannend und interessant bleiben. Kitty, die ungefähr um 1912 geboren sein muß, wird bei ihren Zeitgenossen in Deutschland, die für die Entwicklung des amerikanischen Lebens in den letzten Jahrzehnten das größte Interesse haben, sicher starken Anklang finden. Peter Adami