Münchner Stück im Münchner Volkstheater

Während im Orchester all das Schmalz aufjubelt, nach dessen Verbleib wir uns daheim bei Tisch so oft gefragt haben, und eines jener Singspiele anhebt, mit denen Städte wie Wien, oder München, die sich das auch auf "musikalisch" leisten können, ihren Genius loci immer mal wieder knusprig herauszubacken – während dann, wie erwartet, Singsangs mit Anspielungen, Kehrreimen und pantomimisch durchwaten Zappelschritten, der Handlung jeweils. Halt gebieten, um selbstherrlich für ein Weilchen ins Kraut zu schießen, verfestigt sich in uns die Meinung, daß wir es mit einem nach bewährten Rezepten ange"rühr" ten Stück zu tun haben. Dieses Vorurteil wird auch nicht Lügen gestraft, wenn wir erfahren; daß der pensionierte Hofrat Geiger nach zwanzig Jahren von einer unehelichen Tochter durch einen verstaubten Akt Kenntnis erhält und nach Rottach an den Tegernsee hinkutschiert, um die Mutter ein bisserl verspätet zur Hofrätin zu machen, sie, die bis dahin nur Gasthofrätin, auf bayrisch Kassierin gewesen ist.

Und doch! auch wenn man sämtliche Nachtigallen des Volksstücks laufen hört und der Himmel von Wunschtraumerfüllungen funkelt, geht einem dieses Stück von Karl Füssel merkwürdig nahe. Es sind nicht einmal die alten Herzblattschüsse, auf die auch der älteste Theaterhase mit nassen Augen "zeichnet": Wiedersehen nach langer Zeit, Schmollen hier, Reue dort, Versöhnung am Ende. Esist etwas, das weniger mit den Qualitäten als der Tatsache eines solchen Stückes in diesem Augenblick zusammenhängt. Oder sollte es uns nicht wirklich rühren, daß München in seiner Trümmerherrlichkeit, als wäre nichts geschehen, von sich selber singt, das Oktoberfest pantomimisch heraufbeschwört, ein Saufbruderduett zwischen einem kgl.bayrischen Hofrat und einem Sauhandler in Szene setzt – wozu das Stück freilich vorsichtshalber ins Jahr 1862 verlegt worden ist, als habe der Autor sichergehen wollen, daß er eine intakte Vergangenheit unter die Füße bekam. Aber zugleich liegt doch auch darin: daß diese Stadt sich nicht aufgibt, nicht ihre Lebensart zwischen Grant und Gaudi, und schon gar nicht ihren rauhen Humor (der nicht bloß Frotzelei gegen Norden, sondern auch schonungslose Selbsterkenntnis ist).

Es gab aber noch einen zweiten Grund, der uns diese neue Premiere des Münchner Volkstheaters segnen heißt: das war die Darstellung insgesamt, besonders aber die der Hauptrolle durch Hans Fitz. Zwar, wie oft bei Holsboer, war auch diese Inszenierung in manchem zu laut. Besonders das Orchester fortissimierte drauflos, daß der Sänger auf der Bühne für uns zum bloßen Luftschnapper wurde, ein oder zweimal. Aber schon die schrill keifige Wirtin der Thea Aichbichler war trotzdem ein Sondererfolg, nicht weil die Durchführung einmalig, sondern weil die sie Durch- und Durchführende so echt war. Gleiches gilt vom Sauhandler des Hans Pössenbacher. Aber es ist eben der hohe Vorzug von Hans Fitz, daß er als älterer Herr und Hofrat gezeigt hat, wie es auch noch ein anderes Bajuwarisches gibt als das Grobklotzige oder Gaudiburschenhafte des Klischees: nämlich ein ganz unaufdringlich herzhaftes und immer irgendwie nobles, Man wurde unwillkürlich öfters an Gustl Waldau erinnert: der hatte diesen kommoden Fünfziger auch so gedämpft und doch so ganz männlich-bestimmt hingelegt! Die Einheit zwischen Rolle und Darsteller war so groß, daß unsereiner auch für die Partien, für die nicht Fitz als Textverfasser ausdrücklich benannt wurde, seine Verfasserschaft anzunehmen Lust bekam, zumal bislang der Name Füssel hier unbekannt ist und überhaupt so was Pseudonymelndes hat. Das bayrische Publikum bewies vor ein paar ganz hinterhältigen Pointen viel spontane Gespitztheit, und dazu gab’s Beifall die Fülle; Hanns Braun.