DIE ZEIT

Von Karl N. Nicolaus

Ein großer Dichter der Antike war Horaz. Die meisten sind auf der Schule mit seinen Werken traktiert worden und haben ihn entsprechend unter Wind.

Dieser Mann nun hat jenseits der Schultraktate entzückende Fabeln geschrieben, beispielsweise die Fabel von der Feldmaus. und der Stadtmaus.

Eine Stadtmaus machte der Feldmaus einen Besuch und wurde von dieser nach Kräften bewirtet mit Erbsen, Haferkörnern, wilden Beeren und Speck. Der verwöhnte Gast aber verschmähte die gemeine Kost und sprach: "O Landmaus, was nützt es dir, hier in Feld und Wald einsam und fern von den Menschen zu leben? Komm, folge mir in die Stadt," und du wirst bessere Bissen finden." Sie brachen auf, es war tiefe Nacht, und sie krochen durch ein Loch der Mauer und schlichen in das städtische Haus. Dort standen noch die Schüsseln und Körbe vom Gastmahl des vorigen Abends; sie ließen sich’s schmecken und ruhten auf purpurnen Teppichen. Da plötzlich öffneten sich die Türen mit Getöse, und rauhes Hundegebell erschütterte das Haus. Die beiden Mäuse liefen ängstlich hin und her und fürchteten sich zu Tode. Da sagte die Feldmaus: "Ich danke schön für das schwelgerische Leben! Wieviel besser gefällt mir mein Loch in der Erde, wo ich sicher und ungestört bin, wenn es da auch nur Erbsen gibt."

Soweit die Fabel des Horaz. Nebenbei bemerkt spielt sie in der wissenschaftlichen Literatur eine Rolle wegen des darin auftretenden Hundes, und weil man daraus den Schluß zieht, daß es im damaligen Rom keine Hauskatzen gab. Je nun ob Katz’ oder Hund: es ist eine hübsche Fabel.

Als wir Schüler waren, hieß es, daß wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernten. Wie müßte also die Fabel von den beiden Mäusen im Jahre 1946 aussehen? Großer, lächelnder Horaz, gib Antwort!