Zum Todestage E. N. v. Reznieeks

Der Vergleich erscheint nur deshalb kühn, weil der Abstand der Zeiten groß ist, aber das Menschlich-Gemeinsame ist so evident, daß es wundernähme, wenn nicht auch im Werke ein gewisser Gleichklang vorhanden wäre. Wagen wir es also, die beiden nebeneinanderzustellen, wobei wir uns freilich hüten wollen, über Größenordnungen zu richten: Carl Maria v. Weber und Emil Nikolaus v. Reznicek. Wenn jener erste Ritter der Romantik dem Wogen, Weben, Raunen der Natur das Herz geöffnet hatte, wobei er dennoch die Formen der klassischen Musik unversehrt ließ, ja zu neuer klassizistischer Brillanz erweiterte und glättete, so waren auch noch dem Herrn v. Reznicek, dem letzten Ritter unter den letzten Romantikern, die Formen der deutschen Klassiker heilig. Blickt man von diesem zu jenem, so ist es, als hätte Richard Wagner nie gelebt.

Wie ist es nur geschehen, daß in Deutschland solche Künstler, die das Ritterliche, die chevalereske Haltung verkörperten, unglücklich waren, obwohl gerade sie so viel Talent hatten, glücklich zu sein? Gibt es etwas Helleres, Schäumenderes als Webers "Euryanthe"-Ouvertüre? Etwas Schwunghafteres als die von silbernem Kichern erfüllte "Donna-Diana"-Ouvertüre Rezniceks? Dennoch ist das Leben dieser lebensfreudigen Kavaliere so schwer und so voller Ungerechtigkeit verlaufen, daß man geneigt ist, empfindsam halb und halb sarkastisch das Wort von "Des Künstlers Erdenwallen" zu zitieren.

Wie günstig zwar schien sich alles anlassen zu wollen, als Freiherr Emil Nikolaus v. Reznicek am 4. Mai 1860 zu Wien als Sohn eines Feldmarschall-Leutnants geboren wurde! Ein glänzender Name, eine zauberhafte Vaterstadt in gesegneter Epoche. Sie feierten Feste, tanzten nach Straußschen Walzern, hatten ihre Liebesaffären und Skandale. Aber der junge Reznicek, früh mutterlos und vom sechsten Jahre an in Internaten gehalten, rüttelte an den Stäben, die ihn von der Freiheit trennten – ein mißtrauisches Kind, ein lebenshungriger, von Skepsis zerfressener Jüngling, der seine Begabung nicht immer als Begnadung fühlte.

Fruchtbare Lehrjahre auf dem Leipziger Konservatorium, wo Reznicek, wie immer, wenn es ihm gutgeht, den ritterlichen Scharm seines Blutes und seiner Heimat entfaltet; harte Kapellmeisterjahre an schlechten Bühnen, Armut und Entwürdigung. Reznicek irrt durch die Stadt Prag, sein fieberndes Kind in den Armen, das sterben muß, Weil kein Krankenhaus einem Manne die Tür öffnet, der arm wie eine Kirchenmaus ist. Sein zweites Kind stirbt im Elend; die junge Frau geht zugrunde – kein Geld. Und das einem Manne, der durchaus weiß, was er wert ist! Einer zweiten Ehe ist mehr Glück beschieden, aber Ruhe oder gar Wohlstand sind auch dort nicht eingekehrt. Und es ist rührend anstehen, wie Reznicek inmitten aller Sorgen ums tägliche Brot immer wieder in seinen Partituren die hellste Lebensfreude singt und eine Musik schreibt, in der sich eine unfehlbare, scheinbar zu unproblematischer Höhe entwickelte Kompositionstechnik mit einem hinreißenden Schwung und einem Element verbindet, das in der deutschen Musik seit Weber selten ist: beseelte Eleganz. Selbst die leise Melancholie in seinen Adagio-Sätzen ist nur wie ein Hauch, wie ein zarter Schmelz über einer prallen, von Schönheit funkelnden Frucht, die in goldener Naturfülle gewachsen ist.

In den kurzen Atempausen, die ihm von der Drangsal des Lebens noch gelassen waren, zeigte sich Rezniceks chevalereske Art. Er liebte den Wein, die Frauen, Plauderstunden, in denen er seine Sarkasmen und seinen Witz glänzen ließ. Er liebte das Wagemutige: ein Bergsteiger; er liebte das Zarte und Bunte der Natur, das Bizarre und Außergewöhnliche: er sammelte Schmetterlinge. Er war ein Grandseigneur – im Leben und in Tönen.

Es ist eigenartig und beklagenswert, daß man in Deutschland Künstler von der seltenen Begabung eines Reznicek – und mochten sie noch so groß sein – eigentlich nie nach Gebühr zu würdigen verstand. Dem Pathetiker, dem Tragikumwitterten wurde hier immer weit eher Ehrfurcht gezollt, und Künstler minderer Grade: die können leben, wenn sie nur das Aug’ bedeutsam rollen. (Aber als neulich der Pianist Eduard Erdmann ein ritterlichbrillantes, selten gespieltes Klavierkonzert Webers in sein Programm nahm, fragten sich die Hörer, die eben noch im Genuß geschwelgt hatten, schamhaft, ob diese Musik nicht vielleicht ein wenig zu unproblematisch sei – um nicht "seicht" zu sagen...)

Im Falle Rezniceks ist es die Freundschaft des Schweizers Hans C. Bodmer gewesen, die ihm eine Periode ungehinderten Schaffens schenkte. Da erst – nämlich in den Jahren 1916 bis 1930, also zwischen den 56. und 70. Lebensjahr des Komponisten – ist eigentlich Rezniceks Lebenswerk gestaltet worden, ein Werk, dessen größten Teil es noch zu entdecken gilt. Daß er verstummte, als das "Dritte Reich" anbrach – das Reznicek mit geradezu lebensgefährlich unbekümmerten Sarkasmen in Privatunterhaltungen zu apostrophieren pflegte – nimmt – keinen wunder. Er legte keinen Wert darauf, etwa noch gefördert zu werden. Er hatte ja schon im kaiserlichen Deutschland (mit Herrn v. Hülsen im Königlichen Opernhaus) und auch in der Republik bewiesen, daß, er nicht der Mann war, vor offiziellen Meinungen zu kapitulieren. Ein Mensch, geschaffen zu genießen, war er sein Lebtag gewöhnt, abseits zu stehen, und blieb doch lächelnderGrandseigneur.

Am 2. August 1945 ist Emil Nikolaus v. Reznicek nach langem Alter, nach langer Krankheit und nicht unberührt von den schrecklichen Ereignissen des Kriegsendes inmitten seines geliebten Berlins gestorben, dessen Zerstörung er noch miterlebt hatte. Es war keine Gelegenheit, ehrende Worte zu seinem Abschied zu sagen, es sei denn heute, da sein Todestag sich jährt. Nicht alle seine 150 Werke sind erhalten, eine Anzahl seiner Handschriften ist verbrannt. Ein Grund mehr, sich seiner Opern, wie "Ritter Blaubart", "Holofernes" und "Spiel oder Ernst", zu erinnern und seine Symphonien in f-moll, in D-dur, die Variationen über das Gedicht "Tragische Geschichte" von Chamisso, oder die ‚.Kol-Nidrey-Variationen", das "Vaterunser" und den "Steinernen Psalm" im Konzertsaal erklingen zu lassen. Es scheint das Schicksal der deutschen Komponisten, daß die Nachwelt wiedergutmachen muß, was die Zeitgenossen verschuldeten. Der ritterliche Reznicek verdient mehr als eine Verbeugung über seinem Grab.

Josef Marein.