Im Jahre 1872, nach dem Deutsch-FranzösischenKriege, verließ Herr von Ségur Paris und zog mit seiner Frau nach Saumur. Er war Leiter einer nicht sehr vichtigen Abteilung im Ministerium des Innern gewesen, und als nach der Gründung der Dritten Republik zahlreiche Beamte um ihrer bonapartistischen Gesinnung willen entlassen wurden, hatte die neue Regierung auch ihn vorzeitig in Pension geschickt, obgleich sie keine Veranlassung, haben konnte, ihn für einen Staatsfeind zu halten. Seine Vorgesetzten hatten einfach die günstige Gelegenheit benutzt, um sich, dieses überflüssigen und unfähigen Beamten zu entledigen. Es ist nur natürlich, daß Herr von Ségur hierdurch auf das tiefste erbittert wurde. Aber er konnte diese Ungerechtigkeit nicht offen beklagen, da er fürchten mußte, daß seine Zuhörer bald den wahren-Grund seiner Entlassung erraten würden, und so begann er, um nicht belächelt zu werden, die heroische Rolle eines politischen Märtyrers zu spielen, die doch seinen einfachen Gefühlen durchaus nicht entsprach. Hierdurch kam in sein Leben, das bisher, in den engen Grenzen beschränkter Rechtlichkeit verlaufen war, ein Element des Abenteuerlichen und Unwahrhaftigen, dem er nicht gewachsen war, und durch das er schließlich auf jene Bahn gedrängt wurde, die zu seinem schrecklichen Ende führte.

Es fing damit an, daß er sich durch, eigene Schuld gezwungen sah, Paris zu verlassen. Seine Bekannten dort waren auch die Freunde oder Kollegen seiner Vorgesetzten, und er traf bei ihnen wohl auf schonende Zurückhaltung, aber er fand niemanden, der bereit gewesen wäre, in ihm das Opfer einer politischen Überzeugung zu sehen. Da er hartnäckig an seiner Rolle festhielt, fühlte er sich bald zurückgestoßen und verlassen von denen, an deren Anerkennung ihm am meisten gelegen war. Nur seine Frau sah gläubig zu ihm auf, und zum ersten Male in seiner Ehe empfand er die demütige Achtung, die sie ihm entgegenbrachte, und um deretwillen er sie zu übersehen pflegte, als wohltuenden Rückhalt gegenüber einer fremden und feindlichen Welt. Je länger er darauf beschränkt blieb, nur ihr seine Gefühle zu offenbaren, um so pathetischer wurde er in seinen Anklagen und Verwünschungen. "Ich kann nicht länger in einer Stadt bleiben", erklärte er ihr eines Tages, "wo mich Undank und Verrat täglich an die gesinnungslose Käuflichkeit der Menschen erinnern! Es gibt für einen Mann von Ehre unter solchen Umständen nur einen einzigen Ausweg: freiwillig in die Verbannung zu gehen." Er wiederholte diese starken Sätze häufig, und da seine Frau ihm nie widersprach, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als die Ernsthaftigkeit seiner Gesinnung durch die Tat zu beweisen.

So kam er nach Saumur. Der Bürgermeister dort war ein Vetter von ihm, mit dem zusammen er die Schule besucht hatte. Der gutmütige Mann nahm die Pariser Verwandten freundlich auf, und alles schien sich sogleich aufs beste zu entwickeln. Herr von Ségur fand einen gläubigen Kreis von bewundernden Zuhörern, besonders unter den zahlreichen Offizieren der berühmten Reitschule, die für die Niederlage im Kriege weniger den Kaiser als die neuen Machthaber verantwortlich machten. Mit seinem Vetter pflegte er die neuesten Erlasse der Regierung zu besprechen, in deren spöttelnder Ablehnung sie einer Meinung waren, und der Nimbus des ehemaligen Ministerialdirektors gab seinen Worten in Beamtenkreisen ein Gewicht, das ihn zu Urteilen über Dinge hinriß, von denen er nichts verstand, um deren Kenntnis man ihn jedoch hier bewunderte. Sei es aber, daß seine Phantasie nicht ausreichte, um seiner Rolle immer neue interessante Seiten abzugewinnen, sei es, daß man auch sonst seine Mittelmäßigkeit durchschaute – wobei möglicherweise einige Pariser Briefe aufklärend gewirkt hatten –, man begann jedenfalls nach einiger Zeit, sich seiner Gesellschaft zu entziehen. Die Offiziere sahen von ihren Kartentischen nur flüchtig auf, wenn er das Spielzimmer im Kasino betrat, die Beamten mieden ihn, und sein Vetter entschloß, sich sogar eines Tages, ihn auf sein Amtszimmer kommen zu lassen, um ihm ernste Vorhaltungen zu machen.

"Du weißt", erklärte er ihm, "daß ich die neue Staatsform nicht liebe, aber du darfst eines nicht vergessen: wir alle sind Franzosen, und vor der Sorge um unser Vaterland müssen persönliche Wünsche zurücktreten." "Die Regierung muß zurücktreten, wolltest du sagen", rief aufgeregt Herr von Ségur. "Es ist keine Zeit zu Wortgefechten", fuhr der Bürgermeister, fort, "du mußt einsehen, daß ich in meiner Stellung nicht gleichgültig bleiben kann, wenn du in aller Öffentlichkeit den Staat beschimpfst. Wir sind alte Freunde, und ich brauche dir nicht zu versichern ." "Daß ich genau so handeln würde wie du, wenn ich nicht an die Zukunft meiner Kinder denken müßte", unterbrach ihn Herr von Ségur und schlug sinnlos vor Zorn mehrmals mit der Faust auf den Schreibtisch. "Ich kenne diese Litaneien, ihr seid alle gleich: feige käufliche, erbärmliche Kreaturen!" Er stürzte hinaus, und die Tür flog hinter ihm zu, ehe sein verdutzter Vetter ein beruhigendes Wort herausbringen konnte.

Herr von Ségur, von maßloser Bitterkeit erfüllt, lief lange ziellos umher, bevor er nach dieser Unterredung in seine Wohnung zurückkehrte. Dort brach er vor seiner Frau in wilde Klagen aus. Wer seine Haltung gerecht beurteilen will, kann nicht umhin, zuzugeben, daß er sich diesmal nicht nur im Rechte glaubte, sondern in manchem, was er vorbrachte, auch wirklich im Rechte war. Der Umschwung, den die Gewöhnung in der Gesinnung der Beamten und Offiziere hervorgebracht hatte, die patriotischen Redensarten, hinter denen der Bürgermeister seine Zaghaftigkeit zu verbergen suchte, hätten allerdings einen unbeugsamen Charakter mit Verachtung erfüllen, einen weisen Betrachter zu verstehendem Spott verleiten können. Aber so aufrichtig seine Gefühle auch waren, so war Herr von Ségur doch nicht der Mann, um sich mit ihnen zu schmücken, denn ohne Zweifel hätte er, wenn er im Amt geblieben wäre, nicht anders gehandelt als jene, die er jetzt verdammte.

Seine Frau in ihrem einfachen Herzen stellte solche Überlegungen nicht an. Sie empfand mit ihm das Unrecht, das er erfahren zu haben glaubte, und sie war glücklich über das Vertrauen, das er ihr bewies. Es kostete sie auch keine Überwindung, ich seinem Wunsche zu fügen, als er ihr verbot, in Zukunft mit den Frauen jener Verräter – wie ersie nannte – zusammenzukommen, obgleich sie dadurch eines Vergnügens beraubt wurde, das ihr das Leben bisher versagt hatte.

In diese Zeit fiel der Tod des Kaisers, der im Exil in England seiner alten Krankheit erlag. Es wäre für Herrn von Ségur leicht möglich gewesen, jetzt mit seinen Bekannten Frieden zu machen; denn viele von ihnen waren geneigt, sich unter dem Eindruck dieser Nachricht ihm wieder zu nähern, ihn gewissermaßen als einen legitimen Leidtragenden zu betrachten. Aber er wies alle wohlgemeinten Annäherungsversuche höhnisch zurück und verhehlte seine Ansicht nicht, daß der Kaiser aus Kummer über den Verrat der Armee und des Volkes gestorben sei. Er legte Trauer an, die er bis zu seinem Ende beibehielt und betonte dadurch hinfort auch äußerlich seine selbstgewählte Einsamkeit.