Von Reinhold Schneider

Über die äußeren Verhältnisse, in die Land und Volk gebracht worden sind, sprechen wir kein Urteil aus. Die Sorge um das Innere, um die etwa mögliche Genesung eines in die Irre gegangenen Geistes, einer zerrütteten Seele kann uns niemand abnehmen. Diese Sorge wird aber auch von der Verpflichtung an die Welt gefordert, für welche Verpflichtung wir versuchen müssen, unser Volk zu erziehen, nachdem es zu lange geglaubt hat, sein eigener Gesetzgeber zu sein. Es kann um die Welt nicht wohl bestellt sein, wenn ein Schwerkranker in ihrer Mitte lebt und sei er unter noch so mächtigem Gewahrsam. Land und Volk wurden in vier Gebiete zerteilt, deren jedes seine eigene, entschiedene Färbung, trägt. Vergleichen wir die Zeitungen aus verschiedenen Zonen, so können wir diese Färbung deutlich wahrnehmen; hinter jeder steht eine andere Geschichte, eine andere Denkweise; dieselben Ereignisse und Personen, dieselben Aufgaben reflektieren sich auf ganz verschiedene Weise.

An den Zeitungen liegt nicht alles, aber doch viel; mögen sie gut, mögen sie schlecht sein. Wir haben erfahren, welche Wirkung eine schlechte Presse auszuüben vermag. Auch heute ist die Presse zum großen Teil schlecht: sie vertritt keine Potenz, sondern eine Absicht; sie gibt die Wirklichkeit nicht sachlich wieder, sondern mit einem Unterton, der die Wucht dieser Wirklichkeit erschüttert oder in Frage stellt. Wir müssen aber wünschen, daß die Wirklichkeit als solche in ihrer ganzen Stärke dem Volke vergegenwärtigt werde; denn nur von dem Zusammenstoß mit der echten Wirklichkeit wäre die Wandlung zu erwarten, die wir ersehnen. Die Presse färbt sich zuerst wie die Blätter zunächst dem Stamme; die Farbe, die sie annimmt, wird auf die Menschen ihres Gebietes übergehen.

Unser Volk ist immerfort in Gefahr, unerhört anmaßend zu sein in Zeiten der Kraft und wahren oder scheinbaren Glücks und knechtlich in der Ohnmacht und im Unglück. Es ist zu erwarten, daß es in einiger Zeit in vier Sprachen reden, das heißt in vier verschiedenen Denkweisen und Anschauungsformen leben wird, daß sich ein jeder Teil der Geistesmacht seines Herrn ausliefern wird. Diese Geistesmächte mit allen ihren Ausstrahlungen sind ja von weit größerer Bedeutung als Heere: ihr Einfluß kann es dahin bringen, daß die Deutschen, die ohnehin kaum jemals zur Klarheit gelangten über sich selbst, sich untereinander nicht mehr verständigen, das Gespräch mit der Zeit nicht mehr führen können. Was ist für den Schwerkranken zu hoffen, der zugleich von vier Ärzten behandelt wird, selbst wenn es wohlmeinende und vorzügliche Ärzte wären? Mit dem Zerfall des Geistes wird aber der Raum entleert, den das Volk bewohnt; diese Entleerung muß von schrecklichen Folgen sein, denn der von innen nicht erfüllte Raum wird zur Wohnstätte aller schlimmen Geister, gleich einem zertrümmerten, nicht mehr verwalteten Haus. Lassen wir uns nicht täuschen Ein Raum kann leer sein, auch wenn er bis obenan mit Waffen gefüllt ist. Und hier setzt die Verantwortung der Geistigen und derer, die sich der Vermittlung des Geistes widmen, ein.

Unglück will getragen werden; getragen wird es nur von der Person, einer in sich geschlossenen Kraft. Es kann den Menschen überfordern und furchtbar verwunden; zerspalten darf es ihn nicht, Die großen Dichter des Altertums haben ihre ganze Kunst darangesetzt, Menschen zu gestalten, denen eine Überlast an Leid auf die Schultern geworfen wurde. Oft empfinden diese Helden. ihr Los als unverdient; niemals scheint uns eine gerechte begreifliche Entsprechung zwischen Schuld und Unglück zu bestehen – so entsetzlich ist die Verstrickung, so über alle Maßen groß der Schmerz. Aber diese Helden nehmen das unverdiente Unglück an und tragen es – und damit werden sie groß, gerät das Schicksal ins Unrecht–, niemals aber hat Unrecht die höchste, göttliche Macht, die über dem Schicksal waltet. Seit jene wunderbar hohen Gestalten über die Bühne des Altertums schritten, wurde vom Erlöser der Menschen das Gewissen erweckt. Wir fragen es und wir wissen: unser Unglück ist nicht unverdient, Sollten wir nicht um so mehr lernen, es zu tragen? Und wenn das ganze Gewicht des Leides, das vertriebene und wandernde Volksscharen erdulden, uns heimsucht, sollten wir dann nicht ganz werden, eins im Geiste, im Trachten nach der Bewältigung unserer geschichtlichen Erfahrung?

Großes Unglück fordert einen großen Sinn, Dieser ist nicht darauf angewiesen, an den Grenzen, der äußeren Macht zu rütteln oder sich in Klagen und Anklagen zu ergehen und von Auflehnung und einer möglichen Wende der Geschicke zu träumen in dieser eisernen Welt, die gegen solche Träume wahrlich nicht nachgiebig ist. Wohin würden sie auch führen als auf den alten, vom Unglück schon ausgefahrenen Weg? Der Sinn kann sich beugen und doch groß sein; nach einem solchen Sinn müßten wir trachten. Wir müssen nach der Würde des Leides streben einem männlich-gefaßten, wahrhaftigen Verhältnis zur Schuld. Als Knechte würden wir unserem Los nicht gerecht. Aber ist es nicht ein großer Vorzug, zu trauern? Ist nicht das Gewand der Trauer das Zeichen einer neuen Würde? Wer achtet es nicht? Wer verschließt ihm die Tür? Kann nicht auch der entsetzlichsten Schuld gegenüber wirklich ergriffenes Leid ein Übergewicht erlangen, das erhöht? Solche Gesinnung könnte den getroffenen Stamm vielleicht noch zusammenhalten, ehe er sich bis in die Wurzeln zerteilt. Aber sie muß überall sein; sie muß sich gleichmäßig ausbreiten,

Und damit wird eine gewisse Größe des Handelns gefordert. Wo die äußeren Mächte Schranken setzen, da muß dasselbe Licht im Innern an den verschiedensten Orten aufbrechen; es müssen so viele Sterne aufgehen, daß ihre Strahlen sich berühren und dieselbe Helligkeit sich verteilt. Wo das Licht nicht hindurch, nicht hinüberdringen kann, da muß es ihm von der andern Seite entgegenkommen. Wir müssen viele, sehr viele Ausstrahlungsorte des einen Geistes schaffen. Ein Wort, ein Buch werden in der Zone aufgesogen, wo sie hervortreten; darum müssen sie sich wenigstens vervierfachen, wenn sie dem Volke wirklich helfen, wenn sie es für sein Unglück stark machen, für den Ertrag der Verfehlung erziehen sollen. Aber die Lautstärke, die Mittel sind vielleicht so gering, daß das vierfache Erscheinen nicht ausreicht und eine weit stärkere Vervielfältigung geschehen müßte. Wir möchten es so entschieden wie möglich sagen: Die geistigen und alle, die dem Geiste dienen, sind in besonders schwerem Sinne verantwortlich dafür, daß die Zeit erschlossen und ausgewertet, das Leid fruchtbar, der Tod unermeßlicher Scharen nicht vergeblich sei. Sie müssen ins Große hinüberhandeln. frei von der Bindung an Eigentumsrechte, die sie lange schon entwürdigt und höchst unfrei gemacht hat. Seelische Stärke, geistige Macht, die in die Zeit treten, wo sie am dunkelsten ist, können keine Eigentümer haben.

Der Künstler, der mit Geschenken der Gnade wie mit Eigentum schaltet, ist ihrer nicht wert; der Vermittler der Kunst und des Wortes, der Kunst und Wort binden möchte, statt sie in die große Freiheit ihres Wirkens zu entlassen, verfehlt seinen Auftrag, verkennt seine Stunde und seinen Ort. Heute, da die Not brennt, müssen wir frei handeln, über die Interessen hinweg. Alles geht darum, daß wir einander Feuerzeichen geben, die verbinden; ein jeder Fackelträger ist recht, trägt er nur das echte Feuer in reiner Hand. Morgen können wir vielleicht weiter blicken, besser ordnen; heute ist die Ordnung einheitlichen Geistes, die Ordnung von innen her, alles. Denn sie allein bewahrt vor dem Zerfall der Kraft und Gestalt unseres Volkes, das nun einmal vor der Geschichte einstehen soll für sein Wesen und seine Tat, verantwortend in Sühne und Wandlung, was ein anderer nicht an seiner Stelle verantworten kann. Die Einheit des Geistes allein kann ihm gewähren, was die Stunde offenbar von ihm fordert: die Seelengröße seines Leides.