Von Wilhelm Vins

Man sagt dem Engländer nach, seine Stärke bestehe in seiner Systemlosigkeit. Mehr als die Einfügung in die starre Form liegt ihm deshalb die bewegliche Anpassung an die Verhältnisse. Die Eigenarten der englischen Rechtspflege, die mehr als die kontinentale aller Prägungen der Persönlichkeit ein weites Feld eigenwilliger Betätigung reiläßt, sind daher am sinnfälligsten an der Lebhaftigkeit der Gerichtsverhandlung abzulesen, weil eben dort alles abgestellt ist auf die Mannigfaltigkeit des bewegten Daseins, auf Praxis, angewandten Menschenverstand. Überhaupt ist ja der Gerichtssaal für den, dem es um den Einblick in die unverfälschte Wirklichkeit zu tun, der vor allem anderer Völker Lebenshaltung zu beurteilen gesonnen ist. ein denkbar günstiger Ort. Das Tribunal wird in einem tieferen Sinne immer zur Szene, auf der im Rampenlicht der Öffentlichkeit das Leben einer Gemeinschaft in seiner zugespitztesten Form sich in typischer Wiederkehr und ständigem Wechsel von tragischer Verstrickung und heiterem Mißverstehen, von grausamer Schuld und harmloser Unzulänglichkeit abspielt. Deshalb zauderte Goethe. der das Gleichnis im Vergänglichen überall wahrzunehmen wußte, nach seiner Ankunft in Venedig nicht lange mit dem Besuch einer Gerichtsverhandlung, und auf den ersten Tagebuchseiten seiner Italienreise ist der Eindruck einer Sitzung des italienischen Tribunals, die er als komödienhaftes Schauspiel empfand, lebensvoll wiedergegeben.

So wie man beim deutschen Gericht unschwer die unpersönliche, der objektiven Rechtsfindung sicher günstige Art des Denkens häufig wiederfindet, wie man im französischen Justizpalast dem starken Pathos und in der italienischen Verhandlung dem Überschwang des Gefühls begegnet, so erkennt man die Wesensart des Engländers auch in seinen Gerichtssälen bald wieder. Man rühmt ihm mit Recht die Sachlichkeit als nationale Eigenschaft nach und heißt ihn geradezu einen Fanatiker jener intellektuellen Unbestechlichkeit, mit der alle Lebensvorgänge ohne persönliche Voreingenommenheit geprüft und berücksichtigt werden. Sie ist darum aber längst keine gefühllose Absage an das Menschliche, das vielmehr durchaus als Schwerpunkt aller lebendigen Wirklichkeit empfunden bleibt. Was uns hier als Sachlichkeit begegnet, ist eine eigentümliche, man möchte sagen männliche Art von Menschlichkeit, die sehr individuell geprägt ist und frei von dem, was wir gemeinhin Sentimentalität zu nennen pflegen, aus dem Bereich des Gehirns zu kommen scheint und von einem tiefen Wissen gerade um das Menschliche und Allzumenschliche gespeist wird. Das äußert sich oft in verständnisvoller Nachsicht, die des ironischen Beigeschmacks nicht entbehrt, manchmal auch in bissigem englischem Witz, der nach des Franzosen Taine Ausspruch bitter schmeckt wie englische Nationalgetränke und der doch frei von niederziehendem Zynismus ist. Man spürt die Dosis weltmännischer Skepsis, die ihrer Denkungsweise beigegeben ist, Skepsis bis zum Sarkasmus gegen das. was der Rechtsuchende oder des Unrechts Beschuldigte als sein vermeintliches Recht vorzutragen hat, Skepsis bis zur Selbstironie vor dem eigenen an die große Aufgabe nie ganz heranreichenden Können, Skepsis bis zur Melancholie gegenüber den gutgemeinten und doch so fragwürdigen Maßstäben, an denen wir das Rechte und das Unrechte zu messen pflegen. Man spürt – mit einem Wort – die aus der Welterfahrung geborene Einsicht in die tragische Unzulänglichkeit aller menschlichen Erkenntnis.

Der Grundsatz der individuellen Geltung beherrscht das ganze englische Rechtsleben. Nicht ein anonymes Gericht, unterscheidbar von anderen nur durch orts- und zahlenmäßige Bezeichnung spricht hier Recht, sondern ein namentlich genannter und bekannter Richter, dessen persönliche Überzeugungen als schwerstes Gewicht in die Waagschale fallen. Gegenüber dem deutschen Rechtswesen ist für die englischen Verhältnisse vor allem bezeichnend, daß dieses Gesetz der Persönlichkeit bis über den Gerichtssaal hinaus wirksam ist. Auch seitdem im Wege der Gesetzgebung im fahre 1926 die Presseberichterstattung ganz erheblich eingeschränkt worden ist, gewinnt der Leser aus den täglichen "Law Reports" der großen Blätter immer noch einen genauen Eindruck vom Verlauf einer Verhandlung und der persönlichen Färbung, die ihr die Beteiligten zu geben vermögen. In der Überschrift wird das Gericht und der Streitfall benannt, und dann folgt jedesmal der namentliche Hinweis auf den entscheidenden Richter. Die Presseberichte stellen, mehr als es bei uns üblich ist. eine persönliche Beziehung zwischen Gericht und Leser her und beginnen häufig mit den Worten: "Bis Lordship gave judgment for the platntiff", Seine Lordschaft fällte ein Urteil zugunsten des Klägers. Auch die beteiligten Rechtsanwälte und Staatsanwälte werden mit Namen genannt, und die Proben ihrer geistvollen Argumentation oder ihres schlagfertigen Witzes, mit denen sie die Verhöre und Plädoyers würzen oder mit denen der Richter in die Verhandlung eingreift, nehmen einen breiten Raum in der Berichterstattung ein. Dadurch sind die meisten Richter an den Hohen Londoner Gerichtshöfen Persönlichkeiten, die der Engländer mit Namen kennt, über deren Ernennungen und Beförderungen er durch Presse und Rundfunk unterrichtet wird und die ihn durch ihre Eigenarten unverwechselbar geworden sind. Das alles ist zugleich ein Beweis für die Bereitschaft, mit der die englische Öffentlichkeit an der Justiz des Landes Anteil nimmt und welche Resonanz sie im breiten Publikum hat.

Es fügt sich in dieses Bild, daß dort das geschriebene Recht (Statute Law) in seiner Bedeutung zurücktritt gegenüber dem Gewohnheitsrecht (Common Law). Die geltenden Rechtssätze sind gewonnen aus der kasuistischen Fülle der früher entschiedenen Einzelfälle Das Recht, gestützt auf die Autorität, die vom Richterspruch ausgeht, ist daher in weitestem Maße ein Richterrecht. Eine Kodifikation des gesamten Rechtsstoffes oder umfassender Teilgebiete, wie sie etwa unserem Bürgerlichen Gesetzbuch oder dem Strafgesetzbuch entsprechen würde, existiert nicht, wohl haben in einer Reihe von Einzelgesetzen kleinere Ausschnitte ihre Regelung gefunden wie der Handelskauf in der "Sale of Goods Act" aus dem Jahre 1893, das Konkurswesen in der "Bankruptcy Act" aus 1924, die Jugendgerich sbarkeit in der "Children. and Young Person" Act" aus 1933 und manche anderen Rechtsgebiete. Diese kasuistische Entstehung des Rechtssatzes steht der fortschrittlichen Entwicklung nicht entgegen, sie fördert sie sogar. Das brachten die Ausführungen von Lord Justice Jackson klar zum Ausdruck, in denen er auf formelle Einwendungen der Verteidigung im Nürnberger Prozeß einging: "In der Tat gibt es hier keinen Präzedenzfall. Aber daraus folgt nicht, daß der Verbrecher frei von Strafe sein kann aus dem alleinigen Grunde, daß die Rechtsgrundsätze, die er verletzt hat, noch nicht Gegenstand eines Präzedenzurteils geworden waren. Wenn das Gesetz sich nach der kasuistischen Methode entwickelt, wie es das Common Law tut und wie es das Internationale Recht tun muß, wenn anders es sich überhaupt fortentwickeln soll, so entwickelt es sich auf Kosten derer, die falsch geraten haben und ihren Irrtum zu spät erkennen."

Der Engländer ist im Bereich der Rechtspflege aus seinen Sinn für das Althergebrachte heraus auf Wahrung der guten alten Tradition besonders bedacht Denn mehr als alles andere verkörpert die Justiz in einem Staate das Überzeitliche, die Dauer. Ihre Unberührtheit vom Wechsel der vergänglichen Tagesmeinung, vom Wandel politischer Formen zumal, drängt zum Symbol Deshalb tragen Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte außer den schwarzen Roben auch heute noch die weiße Allongeperücke, und – vor dem Zeugen liegt die Bibel, auf die er beim Eide die Hand zu legen hat.

Die hohe Tradition und die Wahrung des alten Brauches wird als Verpflichtung zur Haltung nach innen und außen empfunden. Die Oberen Richter werden mit "Mylord" oder "Your Lordship" angeredet und der Anwalt spricht vom Gegenanwalt als seinem gelehrten Freunde, "my learned friend". Ausbrüche lauter Erregung oder des Zornes sind in einem englischen Gerichtssaal schwerlich zu vernehmen. Zwar geht es sachlich manchmal ohne Schonung zu. Parteien und Zeugen sind den scharf zupackenden Fragen des Kreuzverhörs ausgesetzt, und es gibt unter den Staatsanwälten und Verteidigern bekannte Meister des Kreuzverhörs. Aber die vornehme Aufgabe des Gerichts ist es, die Sachlichkeit der Verhandlung gegen alle Leidenschaft der Parteien und Künste der Anwaltstechnik zu gewährleisten. Suggestivfragen zu unterbinden und persönliche Angriffe gegen den Verkommenen unmöglich zu machen. Die Verhandlung muß fair sein, der Angeklagte oder die Partei im Zivilprozeß soll aber auch die Überzeugung tief empfinden, daß ihr ein "fair trial" zuteil geworden ist. Auch an diesem feierlichen Ort verläßt den Engländer sein sportliches Empfinden nicht. Nie wird der Angeklagte, solange er nicht schuldig gesprochen ist, vom Richtertisch aus wie ein überführterr Täter behandelt, und es bleiben ihm alle Möglichkeiten einer anständigen Verteidigung offen. Dieser Grundhaltung unterwirft sich auch der Anklagevertreter, indem er sich fast gänzlich auf die Wahrnehmung des Verhörs beschränkt, dessen Würdigung er dem Gericht überläßt, und einen prozessualen Erfolg der Gegenseite wie der gute Verlierer eines sportlichen Wettkampfs einzustecken weiß. Auch in Zeitungsberichten wird niemand den Angeklagten, solange nicht das Urteil über ihn gesprochen ist, als schuldig behandeln. Überhaupt ist der Engländer sehr empfindlich gegen jede Verletzung der sachlichen oder formalen Würde des Gerichts, die er als Contempt of Court, als Mißachtung des Gerichts, ahndet. Die Lüge im Prozeß gilt als ein solcher Verstoß, und ein Anwalt der Gesetzesumgehungen seiner Partei fördert, indem er etwa eine Ehescheidung erschleichen will, läuft Gefahr, wegen "Criminal Conspiracy". wegen strafwürdigen Zusammenwirkens, von der Anwaltsliste gestrichen zu werden.