Von Fritz Schotthöfer

Die Deutschen haben keinen Sinn für Politik. Von allen Seiten her hören wir diese Feststellung. von denen, die uns nicht lieben, als verstellung, Vorwurf einer an Barbarei grenzenden Rückständigkeit, von den Wohlgesinnten als mitleidige Entschuldigung für unsere jüngste Vergangenheit. Wir selbst wiederholen diesen Spruch halb aus dem Bedürfnis, unsere heutige Lage zu erklären und sie uns zu verleihen, halb aus der schmerzlichen geschichtlichen Erkenntnis, daß wir in unserer nationalen Vergangenheit selten Glück und Erfolg gehabt haben. Und manche unter uns sind sogar stolz darauf, daß wir von der Politik nichts verstehen, die sie für eine Art Spiegelfechterei voller. Lug und Trug halten. Haben die Engländer und Franzosen, die nächsten Nachbarn, die uns in staatlicher und gesellschaftlicher Entwicklung um ein Jahrhundert voraus sind, keine politischen Fehler Jahrhundert Sind sie und andere Völker uns so sehr überlegen? Haben sie aus ihren älteren Erlebnissen größere, politische Reife gewonnen? Sie haben die schweren nationalen Umwälzungen, ihre Revolutionen längst hinter sich, während wir heute mitten darin stehen und die heilsamen bitteren Erfahrungen erst so spät machen. Ihre inneren Spannungen sind noch voll von Gefährlichkeit, ihre äußeren Unternehmungen kaum mit Ergebnissen gekrönt, die keinen Schatten enthalten.

Der Abstand zwischen dem politischen Leben diesseits und jenseits unserer Grenzen ist zu groß, um nicht von selbst sichtbar zu werden. Die Politik ist nicht als ein System von abstrakten Grundsätzen und formulierten Lehrsätzen aus den Geschehnissen herauszunehmen. Sie ist fest in den Gang der Wirklichkeit hineingewebt. Sie trägt wie jedes menschliche Handeln die Züge, die Instinkt Inspiration, Verstand, Willen und alle geistigen und seelischen Regungen aufprägen. In diesem Betracht ist dann des Menschen Charakter sein Schicksal, um die zu oft falsch angerufene Weisheit des alten Heraklit zu erwähnen, ohne ihren Fatalismus zu billigen. In ihrer Verflochtenheit mit dem, was vor und hinter uns liegt und in uns wirkt und treibt, ist die Politik eine ununterbrochene Tätigkeit, die die Entwicklung begleitet, hemmend oder fördernd, lenkend oder gelenkt von unstillbaren Kräften. Es bleibt das gleiche, ob sie von Persönlichkeiten, Parteien oder Massen ausgeht. Sie ist eine Mischung von kulturellen und natürlichen Elementen und birgt so das Wesentliche aus ihrer Epoche, ihrer Generation, den geistigen Gehalt und die unmittelbare Zweckmäßigkeit für die Erreichung in der Nähe oder in der Ferne liegender Ziele. Sie kann vom Verstand geleitet werden, mit Zurückhaltung und Klugheit vorgehen, aber auch von einem Kraftbewußsein getragen sein, das mindestens sich des Beispiels vom Ei des Kolumbus bedient wenn es nicht zu roher Gewalt greift. Der Krieg als Mittel der Politik ist eine verhängnisvolle Zuflucht der Diplomatie geworden, die keine Einfälle mehr hat. Ideologien und Utopien, die Erklärung der Menschenrechte und das kommunistische Manifest teilten die Völker auf ein Jahrhundert in mächtige politische Strömungen, und in der Gegenwart noch stehen staatsmännische Einsicht und die Erregungen und die Wucht von Volksbewegungen einander gegenüber, die leidenschaftlich elementare Forderungen erheben und auf verzugslose Erfüllung drängen. Die – Feinheiten der Diplomatie, der skrupellose Machiavellismus versagen vor solchen Erscheinungen, die aus den Tiefen kommen. Hier ist es, wo die nur mit zarten Fühlern zu erfassenden Schattierungen sich zeigen, die Staatskunst von Politik abheben.

Die Politik greift zu viel und zu leicht in den Bereich der kleinen Kunstgriffe, der Listen und Finten, der Banalitäten des Alltags und der Oberfläche. die Staatskunst lebt vom Weitblick, von der großen geschichtlichen Erfahrung, die weit über die Geschicklichkeit und Gerissenheit hinausreicht und das dauernde Interesse eine? Volkes nicht in das Gefolge von Eintagssiegen geraten läßt Hat die Politik zu wählen zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen überlieferten und neu auftauchenden Theorien, dann sucht sie gern die Übergänge der langsamen Entwicklung, die das Radikale ausschließt, aber selten die Unzufriedenheit völlig beseitigt. Abwarten und Zugreifen bleiben stets die beiden Pole aller Politik. Die Staatsform entscheidet über die Formen der Politik. Die der Demokratien ist notwendig anders geartet als jene autoritärer oder reiner Gewaltherrschaften, die in dem Mangel an hemmender Kontrolle sich selbst übersteigern, ins Maßlose geraten, die Klärung nicht erlangen, die aus der Freiheit öffentlicher Aussprache sich ergibt und die tödlichen Mißverständnisse beseitigt.

Die Politik als menschliches Verhalten kann nicht in einem Katechismus oder einem Lehrbuch zusammengefaßt werden. Berge von Literatur sind zwar aufgehäufelt worden, aber kein beherrschender Gipfel wurde erstiegen. Wissenschaftliche Forschung, historische -Gemälde, Romane um die großen Fürsten und Staatsmänner, die neuerdings beliebt wurden, bieten fast immer nur die eine oder andere Seite der sachlichen Wirklichkeit, die aber zu mannigfaltig in ihren Gestaltungen ist, als daß sie sich auf Porträts bringen ließe. Die künstlerische Darstellung, die mehr auf Einfühlung beruht, kommt der Wahrheit jedoch noch am nächsten. Mit dem allen werden nur die Unterlagen gewonnen. Die Übertragung in die lebendige Wirklichkeit ist die eigentliche Angelegenheit der Politik. Und hier tritt das Menschliche, das Persönliche den Tatsachen gegenüber, die sie zu lenken und zu bewältigen hat, "Die Kunst des Möglichen" hat Bismarck die Politik genannt. Er hat aber auch die Grenzen dieses Möglichen gezeigt, mit dem Geständnis: Wenn der Mantel der Geschichte in den Lüften weht, muß der Staatsmann sich zufrieden geben, einen Zipfel zu erwischen.

Die Begrenzung des Zieles ist eine der wesentlichen Vorbedingungen des Erfolgs und sie bedeutet Mäßigung in den Mitteln. Das Wagen, das dem Wagen vorangehen soll, verlangt Urteilskraft und jene Intuition, die sich nicht erlernen läßt. Es gehört Feingefühl für die Imponderabilien dazu die das Signum einer politischen Lage bilden, ohne sichtbar zu werden. Allerdings sind heute die Imponderabilien vor der Härte und Schärfe der Gegensätze zurückgetreten. Seitdem nach dem ersten Weltkrieg der Begriff der Fronten in die Politik eingebrochen ist, haben sich die feineren Unterscheidungen verwischt. Die freie Entscheidung wurde durch das Gebot einer Einordnung ersetzt Die Politik kennt nur noch den Aufmarsch auf breiter Linie und den Angriff mit konzentrierter Wucht. Das Menschliche wird im Kampf überrannt, das Persönliche in eine Ideologie ohne Gnade eingehüllt. Die Forderung geht über in ein Dogma, das unbeugsamer ist als irgendein kirchliches. Eine Starrheit und Krankhaftigkeit tritt auf, die alle Beweglichkeit der Entwicklung zerstört. Das bedeutet im Grunde das Ende aller Politik, als Bewegliches und Bewegendes.

Die Politik der Deutschen hat sich nie zu Völler Blüte und Reife ausgewachsen. Es fehlte ihr die Freiheit der Entfaltung ihrer inneren Anlagen, die allerdings vielleicht in zu großer Tiefe wurzelten. Es fehlte bei der unendlichen Zersplitterung in Kleinstaaten auch an dem Resonanzboden, von dem das politische Leben den starken Ton und Schwung hätte erlangen können. In Frankreich wurde die Demokratie in den vom Absolutismus geschaffenen Einheitsstaat hineingeboren, bei uns mußte er aus der Volksbewegung hervorgehen, die die Kleinstaaterei zu überwinden hatte. Aber die politische Formation des deutschen Menschen war durch die Jahrhunderte hindurch vom .Verhältnis des Fürsten zum Untertanen bestimmt Das Wort eines gutmütigen Monarchen vom "beschränkten Untertanenverstand" war nicht so bös gemeint, wie es oft ausgelegt wird. Der Bürger sah die öffentlichen Angelegenheiten nur von unten her, und wenn er nicht über unwürdige Behandlung und hohen Steuerdruck zu klagen hatte, glitt ihm das "alleruntertänigst" leicht von den Lippen. Diese Geistesverfassung war noch nicht in den letzten Nuancen überwunden, als eine freie Verfassung kam, die das volle Gefühl der Verantwortung fordert. So etwas wie ein Echo zu dem Wort des englischen Dichters Alexander Pope, daß der beste Staat der bestverwaltete sei und die Form des Staates nur ein Streitgegenstand für Narren, klingt in der deutschen Seele nach. Um so mehr, als im deutschen Beamtentum der neueren Zeit hervorragende Qualitäten sich bewährten. Doch trat die schwache Seite hervor, sobald eine äußere Krise sich einstellte. Aber Wesentliches ist in dem deutschen Volkscharakter begründet. Wenn Politik stete Bewegung ist. dann wirkt die Vertiefung in abgründige Weltanschauung und Beruf wie ein anhängendes Gewicht. Die Autarkie des politischen Lebens ist noch vielen fremd, ja unerwünscht. Hier hat die Erziehung zur Freiheit und Selbstverantwortung einzusetzen.