Von S. Walter Lenz

Baden-Baden, der Sitz der französischen Militärregierung, ist ein Stück Frankreich geworden. Ein Schlafwagenzug aus Paris läuft ein. Unbeweglich in ihren traditionellen schwarz-blauen Uniformen mit Ledergamaschen an gespreizten Beinen, die Hände auf dem Rücken, stehen französische Gendarmen an der Sperre. Französische Laute klingen auf, überall sagt man sich "Guten Morgen", indem man sich auf beide Wangen küßt.

Es gibt zwei französische Zonen in Deutschland. Man kann nicht aus der einen Zone in die andere fahren, ohne die "USA" zu durchqueren. Bei dem Zuviel der Grenzen, die es schon 1939 in Europa gab, gewiß keine Erleichterung. Der britische Außenminister Bevin, dessen Wunsch es ist, wie er kürzlich sagte, zur Victoria-Station zu gehen, eine Fahrkarte zu lösen und dorthin zu fahren, wonach ihm der Sinn steht, ohne Vita und ohne Kniefall vor Bürokraten, wird noch zu tun haben. Millionen geplagter Europäer – nicht nur die Deutschen – würden ihm zujubeln, wenn...

In beiden Zonen ist auch der Schrei zu Hause, der nicht nur die Deutschen, sondern offenbar die ganze Welt bewegt, täglich, stündlich: Hunger!

Die Meinung des komme de la rue dazu: Die Deutschen haben das mit uns vier Jahre so gemacht. Göring hat ins Mikrophon gebrüllt: "Wenn jemand in Europa hungern muß, so werden es bestimmt nicht wir sein!" Die Deutschen haben Beifall gebrüllt. (Zwar kam der Beifall wie so oft von alten Schallplatten aus Goebbels Wunderkiste, aber immerhin...) Also scheint es angebracht, so überlegt der kleine Mann in Frankreich, daß jetzt die Deutschen lernen, was Hunger heißt.

Dem gegenüber steht klar und eindeutig die Meinung der anderen, die immer schon in den Vorgängen des Jahres 1933 einen Sieg der Boches über die Allemands erblickten: "Die Deutschen willentlich hungern lassen wäre eine Politik, die nicht weiter blickt als bis zur eigenen Nasenspitze." Es war nicht ein komme de la rue, der mir das sagte. Er hatte das Gewicht von mindestens hundert kommet de la rue.

Am Bahnhof Baden-Baden ein wirksames Plakat: eine hungernde Mutter mit hungernden Kindern vor leerem Teller. Natürlich, sagt das Plakat, der Teller ist nicht voll genug, aber wie ist es bei den andern in Europa und der ganzen Welt? Leute mit leerem Magen gehen vorüber. Ein leerer Magen hat für Plakate keine Augen; für nichts hat er Augen, er empfindet nur eins: Hunger.