In Paris sind die Vertreter von 21 Nationen zusammengetreten, um den kommenden Frieden zu schließen. Es sind nicht die beiden Seiten, die miteinander Krieg geführt haben und die sich nun vereinigen, um Streit und Hader zu begraben, wie das in früheren Jahrhunderten Brauch war, sondern es sind allein die Vertreter der Vereinten Nationen, die über die Bedingungen beraten, die von den Großmächte! in wiederholten Besprechungen und Konferenzen entworfen wurden. Das gleiche Bild, das die Verträge der Pariser Vororte des Jahres 1919 bot, steigt wieder vor uns auf. Die Welt hat an die damals abgeschlossenen Verträge eine wenig erfreuliche Erinnerung. Der Vertrag mit der Türkei ist überhaupt nicht mehr in Kraft getreten, weil die Entwicklung in Kleinasien über ihn hinweggegangen war. Der Vertrag von Versailles wurde von den Vereinigten Staaten nicht ratifiziert, weil die öffentliche Meinung ihn ablehnte und der Kongreß seine Regierung im Stich ließ. Viele der beteiligten Staatsmänner, darunter der Führer der britischen Abordnung, Lloyd George, haben sich gegen ihre eigene Schöpfung ausgesprochen. Der Ruf nach Revision, der dauernd von denen erhoben wurde, die an der Friedenskonferenz nicht teilgenommen leiten, ließ den Frieden in der Welt nicht festen Fuß fassen. Wird das Ergebnis des Jahres 1946 besser sein?

Der Führer der französischen Sozialisten, Léon Blum, hat die Aufgabe des kommenden Friedens scharf umrissen, wenn er verlangte, daß nicht nur die Folgen des Krieges beseitigt, sondern auch ungerechte Iriedensgrundlagen und überhaupt ein schlecht gemachter Frieden verhindert werden müsse. Größere Hoffnungen knüpfen sich an die Worte des amerikanischen Präsidenten Truman: "Amerika tritt für einen Frieden auf der Grundlage der Atlantikcharta ein." Sein Staatssekretär Byrnes ergänzte diese Richtlinie mit einzelnen Forderungen wie Beginn des Rückzuges der Besatzungstruppen und solchen Reparationsrechnungen, daß der geschlagene Feind mit der Abzahlung beginnen und ein Ende absehen kann.

In Paris werden zunächst die Friedensschlüsse mit den ehemaligen Verbündeten Deutschlands, mit Finnland, Italien, Ungarn, Rumänien, und Bulgarien, verhandelt. Die deutsche Frage wird nur in den inoffiziellen Zusammenkünften der entscheidenden Staatsmänner besprochen werden. Sie steht jedoch im Mittelpunkt des einen, großen Problems, ob das Jahr 1946 den Frieden bringen oder unreinen Waffenstillstand verlängern wird, der den Krieg mit anderen Mitteln, denen der Besatzung, der Zwangsverwaltung und der Entrechtung des Besiegten fortsetzen wird. Aber Frieden, das Bewußtsein, daß der Krieg mit allen seinen Schrecken, seinen dunklen Leidenschaften, seinen Zerstörunngen und dem Auseinanderklaffen der Völker beendet ist und einem gemeinsamen Aufbauwjllen Platz gemacht hat, dieser Frieden kann nur aus der Bereitschaft beider Seiten erwachsen,

Kaum jemals war ein Volk so bereit, mit seiner Vergangenheit zu brechen und ein neues Leben zu beginnen, wie das deutsche nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Die Gründe im einzelnen dafür anzuführen würde nur bekannte Tatsachen wiederholen. Ist in dem einen Jahr, das seit der Konferenz in Potsdam verstrichen ist, diese Bereitschaft größer oder geringer geworden? Hier liegt eine ernste Frage, die alle wahrhaften Freunde des Friedens auf Erden beschäftigt. Haben wir, haben alle Völker aus den Schrecken des letzten Krieges gelernt? Wenn wir die angeführten Worte des französischen und der amerikanischen Staatsmänner lesen, dann haben wir die feste Hoffnung, daß die Friedenskonferenz auf dem rechten Wege ist. Nicht die Entscheidung über die eine oder andere Einzelfrage, sondern der Geist, in dem sie geführt, bleibt entscheidend.

Die Völker haben aus den Ereignissen der letzten 37 Jahre, die seit Versailles verstrichen sind, gelernt. Sie werden dafür sorgen, daß diesmal ein wahrer, echter, gerechter Frieden geschaffen wird, ein Frieden, der auf so festen sittlichen Grundlagen ruht, daß die Mächte der Finsternis ihn nicht noch einmal werden erschüttern können. Sie werden aus dem Frieden des Jahres 1946 den dauernden Frieden gestalten.