Im englischen Kohlenbergbau wird jetzt die Fünftagewoche eingeführt. Der britische Gewerksehaftsverband hat die Vierzigstundenwoche erneut auf seinProgramm gesetzt. Es überrascht daß gerade im Kohlenbergbau, wo ein chronischer Mangel an Bergarbeitern herrscht, diese Reform am ehesten verwirklicht wird.

Es wäre aber abwegig, in der Einführung der Fünftagewoche eine weitere Bestätigung dafür zu erblicken, daß die Labourregierung einen sozialistischen Gewerkschaftskurs steuert. Was hier geschieht, steht jenseits des alten Streits um den Privatkapitalismus. Die Arbeitszeitverkürzung ist nicht nur als eine sozialpolitische Fortschrittstat zu beurteilen. Dahinter steckt – selbst noch von vielen, Engländern in dieser Fernwirkung unerkannt – der Auftakt zu einer neuen wirtschaftspolitischen Strategie.

Wer; noch im wirtschaftlichen Denkstil von gestern befangen ist, würde angesichts der auch in England unbefriedigenden Kohlenförderung eher die Sechzig- als die Vierzigstundenwoche fordern. Das moderne England entschließt sich jedoch für die verkürzte Arbeitszeit, weil es genau weiß, daß es auf diese Weise am ehesten den durch Kriegsabwanderungen. Überalterung und andere Umstände unzureichend gewordenen Facharbeiterstamm auffrischen und ergänzen kann.

Die Gewerkschaftspolitik ist also gleichsam ein Stück; verantwortlicher Wirtschaftspolitik. Es ist genaudas erreicht, was der konservative Lord Woolton während des Krieges in dem nach ihm benannten Aufbauplan gefordert hat, nämlich die Heranziehung der Gewerkschaften zur verantwortlichen Lösung nationalwirtschaftlicher Tagesfragen. Wenn nicht alles täuscht, steht England am Anfang einer neuen und vielfach umwälzenden Tarif- und Lohnpolitik. Die Arbeitsbedingungen werden nicht nach dem zufälligen Kräfteverhältnis der beteiligten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände aus-

gehandelt. Die Gewerkschaften werden vielmehr gerade die Mangelberufe, zu denen in England die sogenannten "schmutzigen Berufe", wie der des Bergarbeiters, gehören, durch verbesserte Tarifbedingungen bevorzugen. Gelingt das Vorhaben, das eine einheitliche Gewerkschaftspolitik und eine weitgehende Abstimmung ihrer Ziele mit der amtlichen Wirtschaftspolitik voraussetzt, dann würde der starre Arbeitseinsatz, den England im Verlaufe des Krieges nur zögernd einführte, überflüssig. Gerade in englischen Arbeiterkreisen hat man wenig Verständnis für die "autoritäre Art", mit der im nationalsozialistischen Deutschland, aber auch im sowjetischen Rußland der arbeitende Mensch wie der Bauer auf dem Schachbrett des staatlichen Arbeitseinsatzes verschoben Wird, gleichgültig, ob es ihm paßt oder nicht. Mit Recht wurde die Aufhebung der Freizügigkeit als eine unstatthafte Verletzung der Grundsätze der Wirtschaftsdemokratie empfunden. England hat zwar vor anderthalb Jahren das im Kriege eingeführte Verbot des Arbeitsplatzwechsels weitgehend gelockert – es gilt heute praktisch nur noch für den Bereich des Kohlenbergbaus, der Bauindustrie und der Handelsmarine –, immerhin aber sind noch rund drei Millionen Menschen in der Wahl ihres Arbeitsplatzes eingeengt. Es ist der Ehrgeiz der neuen Generation der Wirtschaftspolitiker, die jetzt in England zum Zuge gekommen ist, einmal zu beweisen, daß die Planwirtschaft, sofern sie nur vernünftig angepackt wird, keineswegs zu einer Aufhebung der persönlichen Freiheit führt. Die Vierzigstundenwoche wird in Verbindung mit der tarifpolitischen Bevorzugung der Mangelberufe einen Ausgleich der Gegensätze zwischen liberaler Freizügigkeit und sozialistischer Planung bringen.

Es spricht viel dafür, daß die Vierzigstundenwoche erneut bestätigt, was weitsichtige Industriepolitiker bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts erkannt und in die Tat umgesetzt haben: nämlich, daß Arbeitszeitverkürzungen wegen der damit verbundenen Erhöhung der Leistungsfähigkeit zu weit höheren Durchschnittsleistungen führen als die gedankenlos-mechanische Verlängerung der Arbeitszeit üben das Optimum hinaus. Htmr.