Von Ascan Klee Gobert

Abgesehen davon, daß ein Schlagbaum nach dem andern fällt, wissen wir, daß selbst im Kriege geistige Konterbande am leichtesten alle Grenzschwierigkeiten überwindet. So dürfte uns allmählich die Kunde erreicht haben, wenn die alte oder neue westliche Welt in der Zeit, unserer geistigen Quarantäne von einem mehr als episodenhaften Ereignis im Reiche der Dichtkunst erschüttert wäre. Aber es zeichnet sich immer deutlicher ab, daß dieses Jahrhundert seine Genies in der Naturwissenschaft und Technik, nicht aber im Kreise der neun Musen findet. So werden wir uns wohl nach der selbstverständlichen Erfahrung, daß das Reich Hitlers, Görings und Goebbels’ sich wie überall auch auf diesem Gebiete Popanze schuf, an die niemand glaubte, auf zwei weitere Enttäuschungen vorbereiten müssen, nämlich, daß weder in der versteckten Opposition bei uns – den Stillen im Lande – noch im Ausland Werke geschaffen wurden, den leeren Raum unserer wiedergewonnenen Freiheit zu füllen.

Denn – das unbekannte Rußland schalteten wir bereits aus – was wechselte, von sicherlich nicht unerfahrenen Reisenden importiert oder eingeschmuggelt, die Grenze? Die durchaus beachtlichen französischen Stücke fast alle wie wir selbst der Entscheidung des Tages ausweichend, dem alten Trick verfallen, den dramatischen Stoffen antiken Vorwurfs durch Modernisierung oder gar Banalisierung einen leichten Hautgout zu verleihen, der eben schließlich nur auf Gourmets wirkt. Wie denn überhaupt die dramatische oder romantische Bearbeitung historischer Geschehnisse den Dichter eigener Schürzung und Lösung des Knotens enthebt, da ja das Ergebnis bekannt ist; so wie wir als Schüler aufatmeten, wenn nach einer unendlichen logarithmischen Rechnung das Resultat mit einer glatten Zahl 1 oder 3 die Richtigkeit verhieß. Dazwischen gab und gibt es dann Außenseiter, die Brutus statt Cäsar, Varus statt Hermann oder Elisabeth statt Maria Stuart setzen. Im übrigen aber preisen unsere Ansager seit einem Jahr Wilders "Unsere kleine Stadt". Wir kennen sie aus Berichten, Vorträgen und aus dem Rundfunk, und eine Reihe von Städten hat auch ihre Aufführung" im Theater bereits erlebt. Was also ist "Unsere kleine Stadt"? Sie ist ein Gespräch zwischen Dichter und Zuhörern, welches – und darin liegt die nachhaltige Wirkung – ausnahmsweise weder durch den Tagesfilm noch durch Rundfunkreportage stattfindet, sondern auf dem Theater. Vielleicht wäre die Bezeichnung "Kurzepos" analog der Kurzgeschichte, dem Kurzfilm und anderen geistigen dem amerikanischen Quicklunch angepaßten Bedürfnissen die richtige. Denn es ist ein Epos, kein Schauspiel. Alle klassischen Grenzen des Theaters sind überschritten, nicht nur die Einheit von Zeit und Raum ist verlassen, auch die der Handlung – und in "Wir sind noch einmal davongekommen" des gleichen Autors noch deutlicher – auch die Einheit der Personen. Ja, um es hier einzuschalten, es treten Tote auf, die ja wohl zu jedem neuerlichen Spiel dazugehören – vielleicht weil uns wie in den Zeiten der Pest der Totentanz nicht ruhen läßt?

Nun ist aber beim Epos mangels dramatischen Aufbaus der Handlung ein Erzähler notwendig, weswegen der Spielleiter die Hauptperson geworden ist. Er erzählt uns – der Rhapsode verzichtete dabei allerdings ganz auf eine Bühne und karrte eine Harfe einher – alles das, was wir nicht begreifen würden, weil wir plötzlich nicht mehr Zuschauer, sondern Zuhörer geworden sind. Und weil er einmal da ist, erzählt er uns gleich, was wir sehen könnten, wenn es da wäre, nämlich die Szenerie. Er stellt ein paar Gartenstühle auf, die nun die Straße unserer kleinen Stadt darstellen, er nennt uns Datum und Tageszeit und scheint in den Kulissen – wie einst der "Mauerschauer" – noch viel zu erblicken, was nicht einmal symbolisch aufgestellt wurde. Dieser Spielleiter – keine ganz neue Erscheinung auch in der Moderne – ist wohl nun der "Dernier cri", der den Vorhang verdrängt. Der Spielleiter ist nicht da, weil die Primitivität des Theaters Überleitungen und Erklärungen erfordert, sondern das Theater wird seiner äußeren und inneren Struktur entkleidet, damit der Spielleiter auftreten kann. Daher auch die viel belachte, aber gar nicht so lächerliche Äußerung einer einfachen Frau über "Herrn Gerstenberg": das Stück wäre verständlich, wenn der Spielleiter nicht immer "störte". Es ist schade, daß diesem Theater die letzte innere Begründung fehlt. Wäre es nämlich auf unseren zerstörten Notbühnen entstanden, wo die eisernen Vorhänge rostig auseinandergebogen, Dekorationsstoffe nicht zu beschaffen sind, und die Zuschauer im Winter vermummt einer wärmenden Ansprache bedürfen, so wäre es vielleicht als "Deutsches Theater 1945" seiner menschlichen Leistung wegen über unsere Grenzen exportiert worden. Statt dessen stammt es aus Amerika, wo keine Bombe fiel, wo Hollywood und Metropole keiner Ausstattung entraten, ist also schließlich – nicht unähnlich Marie Antoinettes Meierei im Schatten der Schlösser, von Versailles – Überdruß statt Entbehrung.

Wohlverstanden – es ist nichts gegen Thornton Wilder, geschweige seine Idee oder den reizvollen Spitzweg seiner Darstellung nach irgendeinem amerikanischen Tagebuch gesagt. Aber es ist kein Theater für ein Volk, welches nach befreiter Kunst hungert. Und wenn die Vorbereitung ein wenig nach geläufiger Propaganda riecht, so muß diese, wie sich in Berlin und Konstanz bereits angedeutet hat, mit Ablehnung rechnen. Der Schritt von echten Fliesen in "Emilia Galotti", um des Hauptdarstellers Hacken klappern zu lassen, im Dritten Reich bis zu zwei Gartenstühlen, die den 42. Breitengrad darstellen, ist reichlich weit. Wir sind dramaturgisch unerfahren, aber der Instinkt rät uns, dann lieber auf ähnliche Weise "unsere" kleine Stadt, also vielleicht Hermann und Dorothea" oder "Reineke Fuchs" aufzuführen.