Von Regina Bohne

Wenn heute in vielen Teilen der britischen Zone im Durchschnitt anderthalb, in einzelnen Gebieten sogar zwei Menschen auf jedes bewohnbare Zimmer entfallen, so ergeben sich daraus neben den hygienischen Gefahren Folgen, die wir heute in ihrem ganzen Umfang noch gar nicht übersehen können. Die Spannungen, die in unserer übervölkerten Heimat mit ihren unzureichenden Wohnmöglichkeiten auftreten, wirken sich auf die verschiedenen Menschen verschieden aus. Der geistig produktive Mensch leidet innerlich und äußerlich stärker als andere, deren Tagesprogramm mit einem fest abgezirkelten Acht-Stunden-Tag sich außerhalb ihrer Wohnung erfüllt. Der Mensch, dem Buch und Feder – gleich zu welchem Nutzen – Lebensinhalt sind; liegt bei derartigen Verhältnissen brach Was das außer den äußeren Unbequemlichkeiten für den unermüdlich schaffenden und um Ausdrucksformal ringenden Geist bedeutet, vermag nur der zu ermessen, der diese Qual einmal selbst empfand, Können wir oder dürfen wir auf diese Menschen und ihre geistige Arbeit verzichten?

Wir verlangen von ihnen mehr als von anderen. Sie sollen uns den Weg in die Bezirke des Gedankens öffnen, die Welt des Geistigen wieder erschließen. Hierzu’ aber bedarf es für ihn zweier elementarer Voraussetzungen: Freiheit und Alleinsein, Einsamkeit.

In dem Reichtum der Vorkriegszeit haben wir dieses Problem vielfach übersehen. Wir haben nicht verstanden, wie viele kulturelle Fragen und Entwicklungen aus der Überfüllung der Erde erwachsen, die wir zunächst aus theoretischen Erwägungen abzuleiten versuchten. Ortega y Gasset hat in seinem schon vor knapp zwanzig Jahren erschienenen Buch "Der Aufstand der Massen" das Heraufziehen des liberalen technisierten 19. Jahrhunderts auf; die Herrschaft der Masse und ihr Heraufkommen zur vollen sozialen Macht zurückgeführt. Er hat auch den Weg zur Überwindung aufzuzeigen versucht, indem er dem Begriff der "Masse" den der "Elite" gegenüberstellte. Die Griechen haben vor 2000 Jahren diesen Gegensatz in die Begriffe der "Vielen" und der "Wenigen" zusammengefaßt. Sie haben damit herausgehoben, daß es sich nicht um eine soziale, sondern um eine menschliche Kategorie handelt, die, wie Ortega feststellt, "nicht unbedingt mit der Rangordnung der höheren oder niederen Klassen zusammenzufallen braucht". Nicht jeder Intellektuelle gehört zur Elite und nicht jeder der in der Masse zu leben genötigt ist, bleibt von dem Begriff der Elite ausgeschlossen. Das Kennzeichen der Masse liegt für Ortega darin, daß sie träge, indifferent und unqualifiziert ist. nicht darin, daß sie zahlreich ist. "Masse" will immer herrschen, das ist ihr Hauptkennzeichen "Elite" will frei atmen, spannungsreich leben dürfen.

Wieweit ist das unter den gegenwärtigen äußeren Bedingungen möglich? Wie weit gibt es unter den erschwerenden Bedingungen des völligen Zusammenbruches noch den Mut der Wenigen, "Elite" sein zu wollen, nicht im Sinne des Pochens auf Vorrechte, sondern im Sinne einer höheren Verpflichtung? Kann die Gemeinschaft diesen Menschen den ihrer subtilen Lebensart und Wesenheit gemäßen inneren und äußeren Platz gewähren, so daß sie ihrer wahren Bestimmung lebet können? Wird der Geist aufhören, eine öffentliche Angelegenheit zu sein und wieder eine private Verrichtung werden, die in ihrer scheinbaren Nutzlosigkeit immer der Allgemeinheit dient? Diese Fragen sollten sich die verantwortungsbewußten Geister unserer Zeit vorlegen, prüfen und entscheiden.