In den westeuropäischen Ländern ist die katholische Partei als die jeweils stärkste aus den Wahlen hervorgegangen, so kürzlich in den Niederlanden die Katholische Volkspartei, in Belgien die Christlich-Soziale Partei in Frankreich die sinngemäß in Deutschland Fortschrittliche Katholiken genannte MRP und in Italien die Christlichen Demokraten. Von einem Westblock unter der Leitung des Vatikans ist schon gesprochen worden, das Bild einer neuen Internationale taucht auf, in der englischen Presse wurde der Gedanke geäußert, daß eine enge Verbindung dieser Parteien zur Sicherung des Friedens viel beitragen könnte, dabei aber einschränkend hinzugefügt daß das Schicksal der Arbeiter-Internationalen nicht viel versprechen könnte. Solche und ähnliche Schlußfolgerungen dürften aber wohl etwas verfrüht sein, zumal von einer einheitlichen Struktur dieser Parteien noch nicht gesprochen werden kann.

Sie befinden sich in Bewegung, was der Name MRP: Movement Republicain Populaire für Frankreich offen zugibt. Die Parteien haben kein festumrissenes Programm, wie es etwa das Erfurt ter für die deutsche Sozialdemokratie gewesen ist. Alles ist im Fluß und wird durch Tagessorgen überschattet. Fragen und Gesichtspunkte von grundsätzlich-katholischer Bedeutung müssen gegenüber anderen zurücktreten, wie denen der Lohn- und Preispolitik, oder werden von anderen überschattet, wie vor allem dem des Kampfes gegen den Faschismus. Diesem Gesichtspunkt des Kampfes gegen den Faschismus ist z. B. auch die für eine katholische Bewegung besonders wichtige Frage der Einstellung gegenüber Franco untergeordnet. Die ideologische Gemeinschaft mit Franco setzt sich auf einigen Gebieten zwar immer mehr durch, wie z. B. beim Entwurf von Verfassungen und der Neuorganisation der Wirtschaft, aber der Katholik Bidault muß im Kampf gegen den Faschismus als Außenminister Frankreichs die Aktion gegen Franco anführen. Wenn somit der Standpunkt des politischen Katholizismus Westeuropas noch nicht fest umrissen werden kann, dann lassen sich doch schon einige interessante Gesichtspunkte anführen.

In jedem dieser vier Länder hat der politische Katholizismus sein eigenes Gesicht Er ist weniger eine Konstruktion theoretischer Erwägungen, sondern mehr aus der Geschichte des Landes und der soziologischen Struktur erwachsen, in Frankreich z. B stark bestimmt durch das Verlangen des Mittelstandes nach Stabilität und Ausgleich, in Italien durch die Gegensätze zwischen Nord und Süd. Der politische Katholizismus wurde durch das Erlebnis des Krieges und der Widerstandsbewegung entscheidend beeinflußt, am stärksten in Frankreich, am wenigsten in Belgien.

Vor allem auf die Erlebnisse der Kriegs- und Widerstandszeit ist es zurückzuführen, wenn der politische Katholizismus eine deutliche Schwenkung nach links vollzogen hat. Mit Ausnahme von Belgien ist sein Standort als der der linken Mitte zu bezeichnen, während vor dem Kriege der politische Katholizismus in Westeuropa rechts stand. In Frankreich war er z.B. zeitweise, gleichbedeutend mit den hochkonservativen Ultra-Royalisten. Nach 1918 schwenkte er zwar etwas mehr in die Mitte ab, fand er sich sogar mit den Laiengesetzen ab, aber er blieb nationalistisch, konservativ und royalistisch.

Krieg und Widerstandsbewegung brachten eine Aussöhnung des politischen Katholizismus nicht nur mit demokratischen, sondern auch mit sozialistischen Ideen. Während z.B. in Frankreich das führende katholische Organ "La Croix" vor dem Kriege als richtungweisend den Grundsatz aufgestellt hatte, daß Sozialismus Kommunismus und Anarchismus zu verdammen seien, gilt jetzt, die Parole von Bidaults "L’Aube", daß Sozialismus praktisches Christentum sei. Der Nordpolforscher Nobile ist zur Kommunistischen Partei Italiens, übergetreten, denn Kommunismus und Christentum seien miteinander vereinbar. In Frankreich und Italien ist es zu einer Regierungsbildung der katholischen Parteien mit den kommunistischen gekommen. herrschen die "Drei Großen": Bidault-Gouin-Thorez bzw. Gasperi-Nenni-Jogliatt, allerdings hat sich der Kommunist Togliatti an der letzten italienischen Regierung nicht mehr beteiligt Diese "Drei Großen" erscheinen als eine solide Macht, vor allem in Frankreich. Die Bildung einer derartigen Regierung wurde auch durch die Einstellung der Kommunisten erleichtert, denn diese betonen heute, daß sie in kirchlichen Fragen neutral seien, der Kampf gegen den Faschismus für sie entscheidend wäre.

Der politische Katholizismus ist, wenn auch nicht zu einer sozialistischen Bewegung, so doch zu einer sozial-fortschrittlichen mit sozialistischen Tendenzen geworden Er ist anderseits gegen Marxismus und Klassenkampf-Gedanken, An den Sozialisierungsprogrammen hat er aktiv mitgearbeitet, so in Frankreich an der Sozialisierung der Kohlenbergwerke, der Großbanken, der Versicherungen, der Versorgungsbetriebe, der Flugzeugindustrie und der Eisenbahn. Das in den Niederlanden von der Katholischen Volkspartei zusammen mit der Arbeiterpartei vorgelegte Programm ist allerdings gemäßigter. Es "erwägt" nur die Sozialisierung der Notenbank und der Bergwerke sowie der Versorgungs- und der Monopolbetriebe, falls deren Haltung den Belangen der Allgemeinheit nicht entspreche Diese Geneigtheit für eine Sozialisierung findet ihre Erklärung zum Teil darin, daß der bäuerliche und städtische Mittelstand, der das Hauptkontingent der Wähler stellt, nach der Verarmung durch den Krieg an der alten sozialen Ordnung nicht mehr festhalten, insbesondere die Macht der Großbetriebe, der "200 Familien" brechen will. Es ist also, gewissermaßen ein Sozialismus des Mittelstandes.

Die wohl radikalste Wandlung gegenüber Vorkriegsideen ist das Eintreten der Christlichen Demokraten in Italien für eine Republik Trotz der Botschaft des Vatikans zugunsten der Monarchie stimmten auf dem Parteikongreß 739 000 für die Republik, 254 000 dagegen In Belgien dagegen bleibt die Christlich-Soziale Partei nicht nur der Monarchie treu, sondern ordnet alle Fragen, der einer Rückkehr des so umkämpften Königs Leopold unter. Sie verweigert, obgleich sie die stärkste Partei ist, seit mehr als einem Jahr jede Mitwirkung an einer Regierung, weil die andern Parteien die Forderung der Christlich-Sozialen nach einer Volksabstimmung über eine Rückkehr des Königs ablehnen